Beobachtungen an Erwachsenen 1
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Beobachtungen an Erwachsenen Teil 1

 

Die nachfolgend beschriebenen Tests wurden bereits in meinem Buch „Vom Gewahrsam zum Bewusstsein“ veröffentlicht. Sie wurden von mir nur geringfügig korrigiert, denn ihre Weiterführung erfolgte nach anderen Aspekten.

In diesen beiden Tests wurde die Hypothese untersucht, daß (funktionale) ADHS-Personen ihre Auf­merksamkeit auf  Prozesse bzw. Wirkungsweisen  richten, um einen Zweck unterstellen zu können. Sie tun dies, um der Anforderung des Tests zu entsprechen und zur  richtigen Lösung zu kommen.  Die normgesteuerten (prädikativen) Testpersonen sollten dagegen ihre Aufmerksamkeit auf die Details der  Aufgabe richten, ohne nach einem möglichen Zweck zu fragen. Diese Annahme wollte ich mit einem kleinen Versuch anhand einer Rechenaufgabe überprüfen. Den Personen, die an diesem Versuch teilnahmen wurde mitgeteilt, dass es sich um eine Aufgabe aus einem Intelligenztest handelt. Es wurde ihnen außerdem gesagt, dass die Aufgabe nicht ausgerechnet werden müsse. Die Personen sollten nur angeben, ob für sie die Anforderung, was getan werden soll, aus der Aufgabenstellung hervorgehe. Ich nahm an, dass für normgesteuerte Personen die Anforderung eindeutig sein würde. Dagegen sollten ADS-Personen sich nicht nur allein auf die Lösung der Aufgabe konzentrieren. Sie müssten in irgendeiner Weise die Gesamtsituation bzw. die Tatsache, dass es sich um eine Aufgabe aus einem Intelligenztest handelt, in den Lösungs­versuch einbeziehen. In diesem Fall könnte die Aufgabe für sie nicht eindeutig gestellt sein, und sie vor die Wahl zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten, sie zu beantworten stellen.

 

1.1 Der Dreieck-Test

Dieser Test hatte ursprünglich einen ganz anderen Zweck. Durch ihn kam ich auf die Erklärung des ADHS-Problems, weshalb ich ihn den Beobachtungen an Kindern vorausschicke. Denn das grundlegende Problem, welches die Kinder haben, ist dasselbe, das auch Erwachsene mit ADHS haben. An diesem Test lässt sich das besonders gut zeigen.

Den Test führte ich mit Eltern meiner Selbsthilfegruppe und den Mitgliedern meines Arbeitskreises durch, von denen einige zur Gruppe der ADHS-Betroffenen (funktional-logisch) gehörten und die anderen zur Gruppe der nicht Betroffenen (prädikativ-logisch). In diesem Test sollten sie auf die Frage antworten, was sie auf einer Abbildung sehen, die ich ihnen zeigte. Im zweiten Test ging es um eine Rechenaufgabe und im dritten um den Vergleich von Bleistift und Kugelschreiber.

Die erste Aufgabe bestand darin, sich die Abbildung einer der Subjektiven Konturen (Abb. 1) nach Kanizsa anzusehen und spontan zu sagen, was auf den ersten, und dann, nach längerem Hinsehen, auf den zweiten Blick gesehen wird.

Das nicht sichtbare Dreieck (aus: Subjektive Konturen, nach Gaetano Kanizsa, 1976)

An dem Test nahmen insgesamt 19 Personen teil. Davon gehörten acht Personen zur ADHS-Gruppe, elf jedoch nicht; sechs waren männlich, dreizehn weiblich. Ich erwartete, dass die kreativen Antworten von den betroffenen Personen kommen würden und die nicht betroffenen Personen eher nüchterne und sachliche Antworten geben würden. Der Grund für diese Annahme war, dass von ADHS betroffene Personen häufig als sehr kreativ bezeichnet werden.
Zu meiner Überraschung kamen die kreativen Antworten ausnahmslos von den nicht betroffenen Personen. Diese sahen nicht nur ein Dreieck, sondern auch einen Stern, eine Mickymaus, einen Ziegenbock.
Von den betroffenen Personen antworteten sechs mit einer Gegenfrage: Worum geht es dabei? Worauf wollen Sie hinaus? Nur zwei gaben eine Antwort, die sich jedoch nicht auf die Frage bezog, sondern auf einen Zweck, den sie der Aktion unterstellten. Eine der beiden Personen sagte spontan, das habe mit optischer Täuschung zu tun, eine Antwort, die erst auf meine Nachfrage hin ergänzt wurde: Kugeln, die von einem Dreieck eingedrückt werden. Die Antwort der zweiten Person war eine detaillierte Beschreibung der Elemente der Abbildung, gefolgt von einer Begründung für die Antwort: Die Fakten liegen auf dem Tisch, man müsse nur hinsehen, um zu erkennen, was Sache sei. Dennoch fragten die Leute, so wie ich, nach Offensichtlichem, das man ihnen ausführlich erklären müsse.
Die Antworten der nicht betroffenen Personen ließen eine Gemeinsamkeit erkennen: Alle hatten sich ohne Ausnahme auf die Abbildung konzentriert, deren Elemente zueinander in Beziehung gesetzt und sie gedanklich zu einem homogenen Ganzen zusammengefügt. In der Figur, die sich dabei ergab, sahen sie Ähnlichkeiten mit den Objekten, die sie daraufhin spontan nannten. Nach einem Zweck fragte von diesen Teilnehmern keiner.
Die ADHS-Personen hatten dagegen die Kenntnis eines Zwecks für die Aktion benötigt. Da ich ihn nicht genannt hatte, fragten die meisten danach: Worum geht es dabei? Worauf wollen Sie hinaus? Nur zwei Teilnehmer hatten ihn spontan gesetzt. DieTeilnehmerin, die meinte, es ginge um optische Täuschung, begründete ihre Antwort damit, dass sie so etwas hätte einmal im Biologieunterricht gehabt habe. Die Begründung des anderen Teilnehmers war, dass er aus seiner Firma kenne, dass man den Leuten alles erklären müsse.

 

1.2 Rechenaufgabe

An der folgenden Beobachtung nahmen zehn Frauen teil. Von diesen gehörten vier zum Kreis der von ADS Betroffenen. Die sechs anderen Frauen waren normgesteuert. Anschließend wurde die Aufgabe auch zwei Männern vorgelegt, beide gelten als von ADHS betroffen. Mich interessierte dabei auch, ob die Aufgabe als solche oder in ihrem Zusammenhang als Aufgabe aus einem Intelligenztest wahrgenommen wurde. Die Aufgabe lautete (die Zahlenangaben sind fiktiv):

Ein Zug fährt von A nach B, die Strecke ist 200 km lang, der Zug benötigt für die Strecke anderthalb Stunden. Die einzelnen Waggons des Zuges sind sechs Meter lang. In einem der Waggons befindet sich eine Mücke, die eine gerade Strecke von einem Ende des Waggons zum anderen hin und her fliegt. Sie benötigt für die einfache Strecke fünf Minuten. Welche Strecke legt die Mücke in den anderthalb Stunden zurück?

Für die normgesteuerten Frauen war die Anforderung klar: Die Aufgabe muss ausgerechnet werden. Es bestand Einigkeit darüber, dass dies aus der Fragestellung eindeutig hervorgeht. Für sie war der Hinweis, daß es sich um eine Aufgabe aus einem Intelligenztest handelt, ohne Relevanz.

Die ADHS- Frauen hatten durchweg alle das gleiche Problem: Es gibt keine Mücke, es gab auch noch nie eine und wird nie eine geben, die anderthalb Stunden lang eine gerade Strecke ohne Pause hin und her fliegt. Zwei dieser Frauen erklärten, die Aufgabe sei deshalb unsinnig. Die Nachfrage ergab als Begründung: wenn der Fragesteller ein solches unrealistisches Moment in die Aufgabe einführt, dann verfolgt er damit einen Zweck: er will vielleicht herausfinden, ob sich die Testperson leicht hereinlegen lässt oder ob sie Aufträge ohne nachzudenken ausführt – dann wäre sie nicht besonders intelligent. Die beiden anderen ADHS-Frauen hatten folgendes Problem: Will der Fragesteller wissen, ob ich die Aufgabe lösen kann, oder liegt die Intelligenzleistung darin, zu erkennen, dass die Menge der Angaben inklusive der Frage nur ein Ablenkungsmanöver sind. In diesem Fall würde man riskieren, falls man die Aufgabe ausgerechnet hätte, als Antwort zu erhalten: So eine Mücke gibt es nicht, wie kann man so dumm sein, das nicht zu erkennen! Demnach hätte man den Test, auch wenn richtig gerechnet worden war, nicht bestanden.[1]

Die gleiche Aufgabe wurde von den beiden ADHS-Männern ebenfalls als nicht eindeutig gesehen. Im Gegensatz zu den ADHS-Frauen hätte der eine die Aufgabe allerdings ohne jegliche Zweifel gelöst. Er wollte jedoch nicht nur eine Lösung errechnen, sondern noch eine weitere: wie schnell die Mücke im Verhältnis zum Zug sei. Die Nachfrage, warum er zwei Lösungen statt nur der geforderten anbieten würde, ergab: es handle sich um eine Intelligenztestaufgabe. Ausrechnen können die Aufgabe viele Personen, aber zu erkennen, dass sie eine zweite Lösung enthalte, sei die eigentliche Intelligenzleistung. Der andere Mann gab an, die Lösung müsse nicht errechnet werden, da aus den Angaben bereits hervorginge, daß sie keinen Sinn ergäbe: Die für die Mücke angegebene Geschwindigkeit sei viel zu gering, als daß die Mücke sich in der Luft hätte halten können. Wenn es bei dem Test also um eine Intelligenzleistung geht, dann wäre dies ein Faktum, daß berücksichtigt werden müsse, damit die Lösung einen Zweck erfüllt

Trotz gänzlich unterschiedlicher Schlußfolgerungen und Begründungen gab es eine Gemeinsamkeit: alle ADS-Personen hatten in ihre Antwort mit einbezogen, daß es sich um eine Aufgabe aus einem Intelligenztest handelt. Und mit einem Intelligenztest ist gemeinhin ein Zweck verbunden. Dies war von den ADS-Personen berücksichtigt worden. Die Antwort fiel bei meinen Versuchspersonen zwar individuell unterschiedlich aus, weshalb eine Gemeinsamkeit nicht unmittelbar zu erkennen ist. Die grundsätzliche Gemeinsamkeit, einen Zweck unterstellt zu haben, ist aber vorhanden gewesen.

Für die normgesteuerten Personen schien der Zweck keine Rolle gespielt zu haben. Das war mir bereits bei der «Dreiecksfrage» aufgefallen. Ich hatte damals mehrere dieser Personen gefragt, ob sie überlegt hätten, welchen Zweck ich mit dieser Aktion verbinden würde. Alle waren von dieser Frage überrascht – keine hatte einen Zweck unterstellt, sie hatten die Sache als solche aber interessant gefunden und sich deshalb darauf eingelassen. Nur eine Person meinte, ich hätte den Zweck doch genannt: ich wolle wissen, was sie, die Person auf den ersten Blick sieht und was auf den zweiten. Die Nachfrage, was ich mit diesem Wissen denn nun anfangen wolle, wusste sie jedoch nicht zu beantworten. Die ADS-Personen waren dagegen enttäuscht, dass nicht mehr hinter der Aktion steckte.

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Auszug aus: „Vom Gewahrwerden zum Bewusstsein. AD(H)S oder die funktionale Art der Aufmerksamkeit.“

Reiner Saunar Verlag, Aldersbach (2009)

[1] In beiden Gruppen hatten jeweils zwei Frauen erklärt, die Aufgabe sei blöd. Es musste daher geklärt werden, wie sie zu diesem Urteil gekommen sind, da alle vier die Aufgabe nicht ausgerechnet hätten. Die normgesteuerten Frauen gaben an, es gebe keine Notwendigkeit, der Anforderung nachzukommen und eine komplizierte Aufgabe auszurechnen. Wäre sie jedoch im Zusammenhang z. B. mit einer Bewerbung gestellt worden, hätten sie ohne den Sinn zu hinterfragen, die Aufgabe ausgerechnet. Die ADS- Frauen hätten auch unter dieser letztgenannten Bedingung die Aufgabe nicht gelöst, wieder mit dem Argument, sie sei unsinnig, da es eine solche Mücke nicht gibt.

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