ADHS und die begriffliche Fixierung
 /  ADHS und die begriffliche Fixierung

ADHS und die begrifflichen Fixierung

Im Jahre 1945 wurde ein Artikel des Gestaltpsychologen Karl Duncker veröffentlicht, in dem dieser den Begriff „funktionale Gebundenheit / Fixierung“ für ein Problem verwendet hatte, das bei Menschen auftritt, die sich mit einer Sachlage konfrontiert sehen, in der die Aufforderung, etwas zu tun, nicht mit den Gegenständen übereinzustimmen scheint, die dazu verwendet werden sollen .
In Dunckers Untersuchung erhielten die Teilnehmer die Aufforderung, eine Kerze an einer Korkwand zu befestigen und die Kerze anzuzünden. Sie erhielten dazu eine Kerze, eine Packung Streichhölzer und eine Schachtel mit Heftzwecken.  Obwohl die richtige Lösung letztlich einfach war, stellte die Aufgabe die Teilnehmer sichtlich vor Probleme: einige bemühten sich, die Kerze mit Heftzwecken an der Korkwand zu befestigen, andere zündeten die Kerze an und versuchten, das geschmolzene Wachs  als Befestigungsmittel zu verwenden.
Erst als die Gegenstände nebeneinander auf einen Tisch gelegt wurden und man einige Heftzwecken aus der Schachtel genommen hatte,  kamen sie auf den Gedanken, alle Heftzwecken aus der Schachtel zu entfernen, diese mit einer Heftzwecke an die Korkwand zu pinnen und die brennende Kerze in die Schachtel zu stellen.

Dunckers Experiment hatte den Zweck, die kognitiven Problemlösefähigkeiten der Teilnehmer, ihre geistige Flexibilität, zu untersuchen. Er erklärte die mangelnde geistige Beweglichkeit mit der Fixierung auf die Funktion der Schachtel: Sie kannten sie nur als Aufbewahrungsort für Heftzwecken und verbanden sie automatisch mit diesem Zweck. Dieser Automatismus ließ zunächst kein Umdenken zu. Die Verwendung der Schachtel als Kerzenhalter war zweckfremd, es brauchte daher Zeit, einiges Nachdenken und schließlich auch eine Visualisierungshilfe, um zu dieser Lösung zu kommen.
Doch Begriffe haben eben diesen Zweck: Sie sind die geistige Verbindung zwischen Gegenstand und Funktion, und einmal erworben, hält sich diese abstrakte Beziehung zwischen ihnen ausgesprochen hartnäckig.  Diese Fixierung auf die Funktion erschwert es uns, Gegenstände, die uns „ein Begriff sind“, in anderen Kontexten zu begreifen, in denen sie zweckfremd sind.

Vergleichbar, aber um einiges schwieriger ist ein Umdenken, wenn es um den Begriff ADHS geht. Schon die beiden darin enthaltenen  einzelnen Begriffe  – Defizit und Störung – binden das Denken an die Vorstellung eines nicht normalen Verhaltens, zumal Letzteres ja auch  häufig nicht der Norm entspricht. Dieses Verhalten, die ganze Art dieses anderen Seins als  komplementäres Gegenstück zum normal empfundenen Verhalten und Denken zu akzeptieren, stellt vor ein Problem, da der Mechanismus, mit dem wir unser  Wissen erwerben, zur Begriffs- und Schemabildung führt, und einem Umdenken entgegen wirkt.

Wenn ich auf meine wissenschaftliche Arbeit zum Thema ADHS angesprochen werde, zu der die vermeintliche Verhaltensabweichung gehört, erkundigt sich niemand nach der tatsächlichen Ursache, obwohl jeder, der mich kennt, weiß, daß ich die Störungs- oder Krankheitsauffassung schon seit Jahren nicht mehr vertrete. Selbst Menschen, die mich schon  lange kennen, sind nicht in der Lage, sich von der etablierten Sichtweise zu trennen.  Und egal, wie häufig ich wiederhole, daß es sich um ein normales, ein notwendiges und richtiges Verhalten handelt  und der eigentliche Punkt, um den es gehen sollte, die Arbeitsweise unseres Gehirns ist: mit den nächsten Sätzen landen meine Gesprächspartner unweigerlich bei der Störungsthese: sie klagen über das störende Verhalten, berichten von Kindern aus dem Bekanntenkreis, von denen sie meinen, daß diese ebenfalls an ADHS leiden …
Die Bezeichnung ADHS hat zu einer begrifflichen Fixierung geführt, die daran hindert, das Verhalten als normal und entsprechend dem Zweck, den es hat, auffassen zu können.

Diese Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens ist eines der hauptsächlichen Hindernisse, das der Lösung eines Problems im Weg steht. Eine Hypothese, die nie hinterfragt wurde und deren Lösung über einen langen Zeitraum hinweg permanent am falschen Ort gesucht wurde und wird, widersetzt sich den Versuchen, sie zu verwerfen, selbst dann, wenn die richtige Erklärung zur Verfügung steht und sie evident ist.

Es wäre zu überlegen, ob eine Möglichkeit, diese Hindernisse abzubauen, darin bestehen könnte, einen passenden und einprägsamen Begriff zu finden, mit dem sich das Verhaltensphänomen und die beiden Gruppen – die Gruppe der „normalen“ prädikativen und die Gruppe der vermeintlich gestörten, funktionalen Menschen – bezeichnen lässt, um ihn dieser Fixierung entgegen zu setzen. Die Begriffe prädikatives vs. funktionales logisches Denken sind zwar passend gewählt, aber zum einen ist insbesondere der Begriff funktional mehrdeutig, weshalb auch er begrifflich fixiert ist und deshalb in der einmal erlernten Weise interpretiert wird. Zum anderen betreffen sie nur eine bestimmte Eigenschaft und sind darum ungeeignet zur Bezeichnung der Personengruppen, die sich mit ihnen identifizieren sollen.

Und schließlich stellt sich die Frage, ob in unserer Zeit eine solche trennscharfe Unterscheidung vorzunehmen, noch möglich und machbar ist. Schließlich hat die herrschende Ideologie zum Ziel, Unterschiede einzuebnen und zu nivellieren, die zu einer Einteilung in Gruppen, Klassen, Nationalitäten usw. auf allen gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen führen. Die Einführung einer solchen Unterscheidung würde ja dem Ziel entgegen arbeiten, eine einheitliche Gesellschaft aller gleichen Menschen zu verwirklichen. Wenn sie dies tut – und sie tut es tatsächlich -, dann mit einem sehr guten Grund: Sie holt die mit dem Störungs- bzw. Krankheitsetikett stigmatisierten Menschen aus dieser Schublade, in die sich nicht gehören. Die Unterscheidung bewirkt also genau das, was mit ihrem Gegenteil, der Gleichmacherei, bewirkt werden soll, aber nicht erreicht wird: sie hebt diese Menschen auf eine Ebene mit den vermeintlich allein  „normalen“ Menschen – ein Menschenrecht, das ihnen bisher verwehrt und auch mit der Inklusion nicht zugestanden wird – im Gegenteil: die Inklusion zementiert eine Einstellung, die diesen Menschen ihr Menschenrecht, als normal zu gelten, nicht zuerkennt.

Auch das ist etwas, das der Verstand erst einmal akzeptieren muß, bevor es ihm gelingt, sich von der ADHS-Fixierung zu lösen.

Impressum

Verantwortlich für Webinhalt
Elisabeth Dägling
E-Mail: info@kausalitaet-und-adhs.de

Illustrationen
Marion Dägling
E-Mail: marion@madae.de

Konzeption und Produktion Web
mw ² >multidesignstudio
München
www.mw2.org

Haftungshinweis:

Trotz sorgfältiger Prüfung und ständiger Aktualisierung können wir keine Haftung für die auf dieser Webseite veröffentlichten Inhalte übernehmen. Dies gilt auch für die Seiten, die von dieser Seite aus verlinkt sind. Für deren Inhalt sind ausschließlich die Betreiber der Webseiten verantwortlich. Ebenso betrifft das Seiten, die mittels Link auf diese Seite verweisen. Des weiteren behalten wir uns das Recht vor, Änderungen oder Ergänzungen der hier bereitgestellten Informationen vorzunehmen.

Das Copyright der auf dieser Seite verwendeten Texte u. Illustrationen liegt bei E. Dägling. Das Verwenden der Texte ist nur nach Rücksprache möglich.