Werdegang einer Entdeckung
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Werdegang einer Entdeckung

Elisabeth Dägling

Elisabeth Dägling

1.
Als ich im Herbst des Jahres 1999 zur Entdeckung der Ursache der so genannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätstörung (ADHS) kam, war ich bereits 14 Jahre lang im Deutschen Kinderschutzbund im Raum Traunstein in der Familienhilfe mit diesem Thema befasst. Neben meiner Arbeit mit betroffenen Familien hatte ich in dieser Zeit eine Selbsthilfegruppe gegründet, die ich 15 Jahre lang leitete, da das Thema für mich auch mit einem persönlichen Interesse verbunden war. Ich nahm in dieser Zeit an Fortbildungen und Fachtagungen teil, organisierte Podiumsdiskussionen, Vorträge und eine Fachtagung, hielt auch selber Vorträge, führte Beratungsgespräche mit Eltern, verfasste Artikel zum Thema für die Verbandszeitschrift des Kinderschutzbundes und führte Lehrerfortbildungen durch. Zu diesem Zeitpunkt vertrat ich noch die Auffassung des mainstreams der ADHS-Forschung: ADHS ist eine nicht heilbare, behandlungsbedürftige Störung bzw. Krankheit.

Die Entdeckung der „Ursache“ war ein Zufall. Ich hatte weder beabsichtigt noch geplant, nach ihr zu forschen und war daher nicht auf sie vorbereitet. Sie war zudem überhaupt nicht, was ich als Ursache erwartet hätte. Denn obwohl ich die These Thom Hartmanns kannte, der behauptete, ADHS sei keine Störung, sondern „eine andere Art die Welt zu sehen“, hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich die vermeintlich Aufmerksamkeitsstörung als eine komplementäre Art des Seins entpuppt, welche die als Norm gesetzte Art ergänzt. In Ermangelung geeigneter Begriffe sprach ich damals von „zwei verschiedenen Gehirnen“, ohne genauer erklären zu können, was darunter zu verstehen sei. So war es nur verständlich, dass sich die Leute, denen ich davon erzählte, darunter vorstellten, es habe etwas mit der Präferenz für eine der beiden Hirnhemisphären zu tun; oder mit der neuronalen Verschaltung; oder mit der Ausschüttung von Neurotransmittern; und mitunter erhielt ich zur Antwort: Aber jeder Mensch hat doch ein eigenes Gehirn, das sich von allen anderen unterscheidet …

Mir war im selben Moment auch klar, was diese Entdeckung für mich bedeutete: Über Jahre hinweg hatte ich den Mainstream der ADHS-Forschung vertreten, mich damit exponiert und war in meinem Umfeld und Tätigkeitsbereich anerkannt und bekannt geworden. Und nun sollte ich antreten und allen Wissenschaftlern und Fachleuten widersprechen, die weltweit auf diesem Gebiet forschen und tätig sind und waren? Sollte sagen, dass sie alle auf dem falschen Bein hurra schreien – diejenigen, die zum Mainstream gehören ebenso wie diejenigen, die, wie z.B. Gerald Hüther oder Marianne Leuzinger-Bohleber, davon ausgehen, dass es sich um ein kulturelles bzw. gesellschaftliches Problem handelt? Denn nun musste ich fordern: Alles zurück auf Anfang. Wer würde nicht sagen, ich hätte den Verstand verloren? Ich hatte einen Ruf zu verlieren …
Das erste halbe Jahr lang habe ich mit niemandem darüber gesprochen – ich hatte schlichtweg Angst -, aber nach diesem halben Jahr wusste ich, dass ich so nicht weitermachen konnte: Es hätte mich krank gemacht. Ich fragte deshalb die Teilnehmer meiner beiden Selbsthilfegruppen, ob sie bereit wären, bei mehreren kleinen Tests mitzumachen, deren Ergebnisse ich für meine Vorträge verwenden wolle. Alle waren einverstanden und machten mit. Worum es dabei wirklich ging, sagte ich noch nicht.

Nach mehreren solcher Beobachtungen, die in ihrer Eindeutigkeit meine Erwartungen übertrafen, teilte ich den Teilnehmern schließlich mit, wovon ich ausgehe. Die Reaktion verblüffte mich: alle, auch die nicht selber betroffenen Eltern erkannten entweder sich oder ihre Kinder bzw. Partner sofort in der Beschreibung wieder. Eine Teilnehmerin sagte: „Ist das eine einfache Lösung. Wieso ist darauf noch niemand gekommen?“ Das machte mir klar, dass sie nicht wirklich verstanden hatten, was ich da behauptete – und ich wusste nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Es gelang mir aber ohne Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, dass dies etwas war, das eine wissenschaftliche Untersuchung erforderte. Ich schlug vor, mich mit den Ergebnissen an einen renommierten Wissenschaftler zu wenden, an Prof. Dr. Dietrich Dörner vom Institut für Theoretische Psychologie der Uni Bamberg. Damit waren alle einverstanden. Der Grund für diesen Entschluss war, dass ich zu diesem Zeitpunkt meine Annahme dahingehend beschrieben hatte, dass alle Menschen neben ihrem dem physischen Geschlecht auch ein psychisch-mentales Geschlecht besitzen. Und Menschen, die als aufmerksamkeitsgestört gelten, haben in Wirklichkeit nur ein anderes geistig- psychisches Geschlechts. Eine solche Hypothese benötigt den experimentellen Nachweis zu ihrer Bestätigung. Das heißt, ich / wir brauchten die Bestätigung durch das wissenschaftliche Experiment, um zu begründen, dass die Anerkennung (nicht nur Akzeptanz !) und Förderung unserer Art des Seins notwendig ist, wir nicht krank oder gestört sind, im Gegenteil: Es ist ein Fehler, unsere Art mittels diverser Therapien an die vermeintlich einzig „normale“ Art zu adaptieren.
Ich hatte einige Zeit zuvor Dörners „Logik des Misslingens“ gelesen. Darin beschreibt er die Fehler, die Menschen im Umgang mit komplexen Situationen machen, Fehler, die er auf das menschliche Denken und damit auf das menschliche Gehirn und die Art, wie es arbeitet, zurückführte. Deshalb erschien er mir als der geeignete Ansprechpartner: denn so wie er das menschliche Denken beschrieben hatte, funktioniert das Denken bei von ADHS betroffenen Personen gerade nicht! In diesem Buch beschrieb er aber auch das Verhalten einiger weniger seiner Versuchsteilnehmer, die sehr viel besser mit komplexen Problemen umgehen konnten. Und in der Beschreibung ihres Verhaltens erkannte ich das Verhalten von Menschen mit ADHS wieder.

 

2.
Vorsichtshalber sprach ich zunächst einen ehemaligen Mitarbeiter von Dörner an, um ihn zu bitten, mein Material zu prüfen. Er fragte, warum es denn gleich der liebe Gott sein müsse – an Dörner käme ich nicht heran, ich solle es mit einem seiner Assistenten probieren, Dörner hätte ja genug.
So wandte ich mich an Dr. Tim Tisdale, einen weiteren ehemaligen Mitarbeiter von Dörner. Er hatte inzwischen den Lehrstuhl gewechselt hatte und war nun Mitarbeiter in der Pädagogischen Psychologie, wo er auch mit dem Thema ADHS zu tun hatte. Die Wahl erwies sich deshalb als Glückstreffer. Tim war zwar skeptisch, versprach aber, meine Unterlagen zu lesen. Seine schriftliche Antwort erhielt ich einige Zeit später: meine Beobachtungen seien zwar interessant, es ginge aus ihnen aber nicht hervor, weshalb es zwei Gehirne geben müsse – warum zwei, wenn eines genügt (Ockham´s razor)?
Mir war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass meine Entdeckung die offene Frage betraf, wie das menschliche Gehirn Information verarbeite. In der Zeit, da ich auf Tims Antwort wartete, hatte ich einen Artikel von Herbert Simon und Allen Newell zum menschlichen Informationsverarbeitungssystem (IPS) gelesen. Simon und Newell hatten damals Bahnbrechendes zu diesem Thema geleistet. In dem genannten Artikel schrieben sie:

„1. Das IPS enthält ein (eventuell mehr als ein) Gedächtnis, das Symbole und aus Symbolstukturen zusammengesetzte Strukturen speichert.
2. Die Symbolstrukturen im Gedächtnis eines IPS bestehen aus Listen (geordnete Mengen von Symbolen, z. B. das Alphabet) und Beschreibungen (Assoziationen zwischen Dreiergruppen von Symbolen, z.B. „schwarz, Gegenteil, weiß„, zu lesen als: „schwarz ist das Gegenteil von weiß„).
[…]
4. Die elementaren Prozesse operieren mit Symbolen. Solche Prozesse sind u.a.: Symbole speichern, Symbole kopieren, Symbole in Listen und Beschreibungen assoziieren, Symbole in Listen und Beschreibungen auffinden, Symbole vergleichen.“

Nachdem ich seine Antwort erhalten hatte, rief ich Tim an und fragte, ob dieses Modell noch gültig sei. Von dem Moment an nahm er mich ernst. Er erklärte, dass und wie die Entwicklung auf diesem Gebiet vorangeschritten sei. Woraufhin ich wissen wollte: „Und wie kommt das Wissen jetzt ins Gehirn, wie wird es zu Symbolen und  Symbolstrukturen verarbeitet bzw. angelegt, um im Gedächtnis in dieser Form gespeichert zu werden? Speichern, kopieren, assoziieren, auffinden kann ich nur etwas, das ich vorher in irgendeiner Form angelegt habe. Wie macht das Gehirn das?“
Tim empfahl mir die Lektüre von Dörners „Bauplan für eine Seele“. Darin müsse ich finden, wonach ich suchte.
Doch ich fand es nicht darin.
Dafür fand ich etwas anderes, nämlich die Beschreibung zweier Regeln – genauer: zweier Varianten einer Regel. Beide waren die Beschreibung eines einfachen kausalen Zusammenhanges, nur in unterschiedlicher Ausführung. In der Psychologie sind sie Vorschriften: einmal die Beschreibung einer basalen Verhaltensweise und einmal die Anweisung für ein Verhalten bzw. in einem (Computer-)Programm
Die basale Verhaltensweise – sie hat die Bezeichnung Aktionsschema – wird als Regel formal in folgender Weise beschrieben: Wenn X der Fall ist und Y gemacht wird, dann ist Z das Ergebnis, also: Wenn eine Kerze und ein Streichholz samt Schachtel der Fall sind (X) und das Streichholz angezündet und an den Docht der Kerze gehalten wird (Y), dann ist das Ergebnis eine brennende Kerze (Z).
Die Regel, die dem Computerprogramm zugrunde liegt – sie heißt Produktionsregel -, weist eine geringfügige Veränderung auf. Ihre formale Beschreibung lautet: Wenn X der Fall ist und Z das Ergebnis sein soll, dann mache Y, also: Wenn eine Kerze und ein Streichholz samt Schachtel der Fall sind (X) und die Kerze brennen soll (Z), dann zünde das Streichholz an und halte die brennende Flamme an den Docht.
Bei dieser Variante muss das Ergebnis bereits in dem enthalten sein, was aktuell gerade der Fall ist.
In der Beschreibung der beiden Varianten erkannte ich das Verhalten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus meinen Gruppen wieder. Die nicht betroffenen Teilnehmer hatten sich verhalten wie es die Aktionsschema-Regel vorschreibt, die vermeintlichen ADHSler hatten sich verhalten, wie es die Produktionsregel vorschreibt – sie benötigten die Kenntnis eines Zwecks.

 

3.
Mit einer Zusammenfassung meiner Beobachtungen und der Hypothese, dass unser Wissen entweder nach der Vorschrift des Aktionsschemas oder nach der Vorschrift der Produktionsregel in den Kopf kommt, wandte ich mich nun direkt an Dörner – und er war der erste, der sofort wusste, wovon ich sprach. Wir verabredeten einen Termin, an dem er mich zunächst aus dem Konzept brachte, indem er mich begrüßte mit: „So habe ich Sie mir vorgestellt“, und dann ein weiteres Mal mit der Frage: „Haben Sie die Integrationsformel?“ Nein, ich hatte nichts dergleichen, ich wusste nicht einmal, wovon er sprach.
Wir machten schließlich aus, dass er sich die Sache ansehen wolle. Ich fragte Tim, was Dörner mit Integrationsformel gemeint haben könnte, er wusste es auch nicht. Er und Dörner kamen schließlich zu einer Untersuchung zu uns in den Landkreis Traunstein. Die Teilnehmer, die ich für diese Untersuchung gewinnen konnte, hatten alle ADHS. Sie mussten Aufgaben lösen, die Dörner bereits u.a. in seiner „Logik des Misslingens“ beschrieben hatte. Anschließend meinte er, meine Annahme träfe zwar zu, aber mehr könne er nicht tun. Ich bat ihn, mir dann wenigstens zwei Begriffe vorzuschlagen, um die beiden Gruppen zu benennen. Schließlich könne ich ja nicht gut sagen, die Menschheit lasse sich unterscheiden in die Gruppe der von ADHS betroffenen und in die Gruppe der nicht von ADHS betroffenen Menschen.
Dörner sagte: „Nennen Sie es prädikativ und funktional, das ist eine Theorie von Inge Schwank, vom Institut für Kognitive Mathematik der Universität Osnabrück. Prädikativ heißt: Denken in Begriffen und Beziehungen, und funktional heißt: Denken in Prozessen und Wirkungsweisen.“
Das war exakt, was ich in der Zwischenzeit ebenfalls herausgefunden hatte, und ich war total verblüfft, es nun von ihm zu hören. Deshalb also hatte er sofort gewusst, wovon ich gesprochen hatte.

Ein paar Tage danach rief ich Frau Schwank an und sagte: „Wissen Sie, dass das, was Sie die funktionale Art des Denkens nennen, ganz allgemein mit dem Begriff Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung bezeichnet wird?“ Sie war erst einmal perplex und meinte dann, wenn das zuträfe, das wäre ja der Hammer! Ich fuhr zu ihr nach Osnabrück und wir beschlossen, ein gemeinsames Projekt durchzuführen, mit dem wir untersuchen wollten, ob wir tatsächlich von derselben Sache reden – ob ADHS-Personen zur Gruppe der funktional-logisch denkenden Personen gehören. Sie zeigte mir außerdem, was sie am Institut auf diesem Gebiet machten und welche Diagnoseinstrumente sie entwickelt hatten, ich erzählte von meinen Beobachtungen.
Wir waren allerdings nicht nur auf unterschiedliche Weise zur selben Entdeckung gekommen – bei ihr geschah es durch die Unterrichtung eines tauben Jungen -, auch unsere Schwerpunkte in dieser Sache waren andere. Frau Schwank beschäftigt sich mit der Erforschung der Unterschiede der beiden Arten und geeigneter didaktischer Materialien und Methoden für den Unterricht, ich suchte nach der Ursache, an der sich die Unterschied festmachen ließen.

 

4.
Ein Vierteljahr später begannen wir mit unserem Projekt an mehreren Schulen des Landkreises Traunstein mit 49 ADHS-diagnostizierten Kindern.

Ich war enttäuscht, dass Dörner das Interesse verloren hatte, aber Tim klärte mich darüber auf, dass in der Wissenschaft gelte, dass derjenige, der eine Idee hätte, sie auch entwickeln und erklären müsse. Bisher hätte ich dies noch nicht getan, und ich könne nicht erwarten, dass man mir meine Idee entwickele, um sie mir dann zu erklären. Ich fragte ihn, ob er mir dabei helfen würde, sie zu entwickeln und er sagte ja. Er sagte mir, was ich lesen müsse, ich machte eigene Vorschläge, denen er zustimmte, und ich erhielt von ihm einen crash-Kurs in Kognitiver Psychologie. Ohne Lehrer wäre es mir nicht möglich gewesen, mich in diese Materie einzuarbeiten. Außerdem begann ich mit einer eigenen Versuchsreihe, mit zunächst 15 Kindern (im Verlauf der Zeit waren es schließlich 35 Kinder) im Alter von vier bis sechs Jahren. Für die Beobachtungen erhielt ich die Erlaubnis, sie in einem Traunreuter Kindergarten durchführen zu dürfen. Von Tim lernte ich, wie man einen solchen Versuch aufbaut. Wir suchten nach einem geeigneten Diagnoseinstrument, eine seiner Diplomandinnen testete das Zoospiel von Hussy und Fritz-Stratmann, das sich aber als ungeeignet erwies. Ich probierte es mit Puzzles, das war erfolgreicher. Schließlich entschied ich mich für ein Baukastenspiel, „Baufix“, mit dem mehrere Versuchsreihen möglich waren. Die zu untersuchende Hypothese war, dass es zwei verschiedene Arten gibt und ich nannte Kriterien, worin sie sich unterscheiden.
In der ersten Versuchsreihe mussten die Kinder ein Modell nur nach gesprochener Anweisung bauen, ohne das Ergebnis zu kennen. Damit sollten die prädikativen Kinder gut zurechtkommen, die funktionalen ADHS-Kinder jedoch erhebliche Schwierigkeiten haben. Von ihnen erwartete ich, dass sie noch während der Ausführung ein vermutetes Ergebnis nennen würden – und das traf zu. Für die zweite Versuchsreihe sollten die Kinder ein Modell nach Abbildung bauen. Hier erwartete ich, dass die ADHS-Kinder damit deutlich besser zurechtkommen würden als die nicht betroffenen Kinder. Auch diese Annahme bestätigte sich. Die dritte Versuchsreihe war eine Kombination von erster und zweiter Beobachtung – Abbildung plus gesprochener Anweisung. Damit sollten eigentlich alle gut zurechtkommen. Dies traf jedoch nur bedingt zu: die prädikativen Kinder kamen damit zurecht, die funktionalen Kinder fühlten sich durch die Anweisung gestört: „Du musst mir das nicht sagen, das weiß ich schon.“
Die Durchführung des Experimentes machte mir jedoch klar, dass, egal wie viele verschiedene Experimente in dieser Art ich auch machen würde, dies nicht der richtige Weg war, um meine These von einer Existenz zweier Gehirne zu belegen. Mit keinem Versuch der Welt würde sich zeigen lassen, dass der Unterschied zwischen der prädikativen und der funktionalen Art auf der Arbeitsweise des Gehirns beruhte, die auf entweder der einen oder der anderen der beiden Regelvarianten basierte. Ich würde mit der experimentellen Methode nie zu diesem Ergebnis kommen, denn eine Regel lässt sich nur ableiten. Man kann sie weder als Hypothese setzen, noch als Ergebnis der Untersuchung erhalten.
Das Problem dabei ist allerdings, worauf Tim mich hinwies: Das Experiment ist die einzig zugelassene Art und Weise, um Forschungsergebnisse veröffentlichen zu können. Ohne ausgeprägte Empirie gibt es keine Möglichkeit einer Veröffentlichung. Und nach wie vor bestand er darauf, Schwank und ich hätten zwei Denkstile entdeckt, nichts anderes. Er machte mir einen Vorschlag, wie ich meine Entdeckung beschreiben solle – zwei Ausprägungen des Verhaltens, die auf derselben Dimension an den entgegengesetzten Enden liegen. Ich sagte: damit würde ich meine Seele verkaufen und das tue ich nicht. Darüber musste er lachen.

 

5.
Das Projekt an den Schulen verlief nicht, wie wir es erhofft hatten. Das hatte ich bereits befürchtet, nachdem ich die Bedingungen für Untersuchungen kannte: Sie bzw. ihr Ablauf entsprachen genau dem Schema der Regel, die Dörner als basale Verhaltensweise beschrieben hatte, also dem Schema der prädikativen Variante, aber nicht der Produktionsregel – bzw. funktionalen Variante: Die Kinder erhielten verschiedene Aufgaben, zu denen sie eine Lösung finden sollten. Jede Aufgabe bestand aus acht Figuren, zu denen eine neunte gefunden werden sollte, die die acht Figuren logisch ergänzt. Die Hypothese war: Aus der Art, wie die Kinder hinterher ihre Lösung begründeten und warum die Lösung ihrer Meinung nach richtig sein musste, sollte zu erkennen sein, wie sie an die Sache herangegangen waren: hatten sie auf Beziehungen geachtet oder Prozesse erkannt?
Das Problem war: Um zu wissen, was sie tun sollten, hätten die Kinder den Zweck kennen müssen (die funktionale Variante der Regel lautet ja: wenn Aufgabe X und Zweck der Sache Z, dann mache Y – das Tun hängt vom Z ab). Nur konnten wir ihnen den gerade nicht sagen, weil das die Hypothese war, die wir ja untersuchen wollten.
Und da wir den Zweck nicht nannten, die Kinder ihn aber brauchten, um zu verstehen, was von ihnen verlangt wurde, verlegten sie sich aufs Raten: sie setzten irgendeinen Zweck, der ihrer Ansicht nach in die Situation passte. Dieser gesetzte Zweck spiegelte sich in ihren Lösungen wider. Eine Antwort lautete beispielsweise: „Ich nehm´ die Figur in der Mitte, die ist am schönsten.“ Eine andere: „Das hat was mit dem Herzen zu tun, man soll einen Anderen nicht ausstoßen.“
Nachdem sich nach der ersten der beiden geplanten Untersuchungen herausstellte, dass wir so nicht zum Ziel kommen würden, besprach ich mich mit Tim, der abermals darauf insistierte, es müsse sich um Denkstile handeln. In diesem Gespräch fiel ein Stichwort – es war meine zweite Entdeckung. Ich sagte, wir müssten sofort aufhören zu telefonieren, weil ich jetzt „wüsste“, weshalb es keine Denkstile sein könnten.
Ich brauchte ein paar Tage, um nicht ohne Mühe zu erklären, dass der Unterschied darin besteht, wie ein menschliches Gehirn nach entweder der einen oder der anderen
Regelvariante arbeitet, um beispielsweise Form, Farbe und Bewegung bzw. Ort eines Objektes zu einem homogenen Ganzen zusammenzusetzen. Wenn die Regel „erfüllt“ sei, könne die Tatsache, dass die Zusammensetzung erfolgt war, an der Synchronisierung der neuronalen Aktivitäten abgelesen werden.
Als ich Tim fragte, ob nun klar sei, warum es keine Denkstile sein könnten, sagte er nur: „Völlig klar“ – er war nach Dörner der zweite, der verstanden hatte, weshalb ich von zwei Gehirnen spreche: der Unterschied liegt nicht in der Materie, dem Gehirn, den genen, den Neurotransmittern, sondern in der Regelung des Ablaufs der Verarbeitungsprozesse.
Im Prinzip ist das der Schlüssel zur Lösung des sogenannten Bindungsproblems – und damit hatten weder Tim noch ich gerechnet.

 

6.
Als nächstes erklärte ich es Frau Schwank. Diese Erklärung fiel zwar nicht in ihr Fachgebiet, weshalb sie immer wieder sagte: „Beispiele, nennen Sie ein Beispiel.“ Nach zwei Stunden stand sie auf und sagte: „ Ja, das ist es. Das wird die menschliche Gesellschaft grundlegend verändern.“
Sie war die dritte, die es verstanden hatte. Was eigentlich nicht verwunderlich war, schließlich war es ja auch ihre Theorie, sie musste also wissen, in welchen Dimensionen sich die Sache abspielt.
Sie drängte mich, ein Buch zu schreiben, aber ich sagte, dazu sei ich nicht in der Lage. Schließlich war ich gerade erst selbst darauf gekommen. Sie wollte es nicht glauben und schickte mir noch in der Nacht, als ich schon wieder auf dem Heimweg war, eine mail: „Ihre Beispiele waren sehr eindrücklich. Es wäre ein Verlust, wenn Ihr Buch nicht zustande kommen würde. Die Botschaft muss doch übermittelbar sein!“ Mit ihrem Einverständnis durfte ich fortan die Begriffe prädikativ und funktional ebenfalls verwenden.

Ich schrieb das Buch schließlich doch, packte Teile meiner Untersuchungen aus dem Kindergarten hinein, erklärte den Unterschied mit verschiedenen Beispielen und beschrieb anhand eines Modells, wie Wissen auf prädikative und auf funktionale Weise im Gehirn „erarbeitet“ und gespeichert wird.
Das Modell bestand aus drei „Ebenen“, über die der Prozess des Konzepterwerbs verläuft. Die Ebenen entsprachen den Stufen dieses Erwerbs: wahrnehmen, erkennen, verstehen (prädikativ), bzw. wahrnehmen, verstehen, erkennen (funktional). Es war ein sehr einfaches Modell, das noch keine Rückkopplungen enthielt. Aber ich hatte die Aufmerksamkeit mit eingebaut.
Ein Exemplar des Buches schickte ich an Dörner, ein anderes an Prof. Joachim Hoffmann in Würzburg. Hoffmann hatte viel Kontakt zu Frau Schwank gehabt, daher würde er die Begriffe prädikativ vs. funktional kennen. Denn ich wusste, dass ich noch nicht bis zur eigentlichen Erklärung vorgedrungen war und Hoffmanns Forschungsschwerpunkt – die antizipative Verhaltenssteuerung – ging in die Richtung, die meinem Ansatz zugrunde lag.
Herr Dörner rief mich an und sagte, die Beispiele seien ja faszinierend. Das Modell hätte ich allerdings etwas genauer erklären müssen – wie genau und was, sagte er nicht.
Von Prof. Hoffmann erhielt ich eine mail: auf die Frage, die ihn und Frau Schwank immer wieder beschäftigt habe, hätte ich eine klare und nachvollziehbare Antwort gegeben, wobei er mir besonders in der Betonung der Funktion der Aufmerksamkeit zustimme – er gratuliere zu einer grandiosen wissenschaftlichen Leistung.
Er war der vierte, der meinen Ansatz verstanden hatte. Als ich ihn anrief, um zu fragen, ob ich seine mail als Referenz verwenden dürfe, war er einverstanden. Ein Projekt gemeinsam mit Frau Schwank schloss er jedoch aus Zeitgründen aus.
Von Eltern, die das Buch gelesen hatten, kam positives feedback zu den Beispielen – zum ersten Mal hatten sie eine Erklärung für das Verhalten ihrer Kinder, und die Erklärung trifft zu.
Die Beschreibung des Modells hatten sie jedoch zumeist nicht verstanden.

 

7.
Da das gemeinsame Projekt mit Frau Schwank bisher nicht zu dem erwarteten Ergebnis geführt hatte, begann ich nun selber – zunächst noch einmal an den Schulen – unsere Diagnoseinstrumente auf ihre Eignung zu testen. Ich entschied mich schließlich für die am Institut für Kognitive Mathematik entwickelten Dynamischen Labyrinthe und besprach mit Frau Schwank den Aufbau dieser Untersuchung. An diesem letzten Versuch nahmen 17 Kinder teil und diesmal stützte das Ergebnis unsere Erwartung.
Zu meiner Überraschung erfuhr ich von zwei Informatikern, dass ich mit dem Modell in meinem Buch so etwas wie ein Programm beschrieben hätte (nein, nicht geschrieben). Meine Computerkenntnisse waren (sind) absolut dürftig, weshalb es mir unwahrscheinlich vorkam, dass ich ein Programm beschrieben haben sollte. Da ich aber wusste, dass ich noch nicht die notwendige Begründung geliefert hatte, schrieb ich den Neuroinformatiker Prof. von der Malsburg an. Er antwortete mir, er habe nicht ganz verstanden, worauf ich hinaus wolle, aber wenn es ein Programm sei, solle ich es doch einmal am Computer durchspielen. Oder es mit einer technischen Arbeit versuchen … weder konnte ich die Arbeitsweise des gesamten Gehirns am Computer durchspielen, noch war ich in der Lage, eine technische Arbeit zu verfassen. Deshalb entschied mich für eine theoretische Version.
Ich nahm mir mein Modell noch einmal vor, strich die Beispiele heraus, arbeitete es konsequent durch, baute die Rückkopplungen ein, betonte das Faktum, dass es sich um iterative Prozesse handele und schickte von der Malsburg die Arbeit zu. Nach nicht einmal zwei Wochen bekam ich seine Antwort – und er hatte sich gleich dreimal gefreut: einmal, weil ich seinem Rat gefolgt war, ein weiteres Mal, weil ich gottseidank nicht zu den diversen Spinnern gehöre, die sich an ihn wenden, und ein drittes Mal, weil meine Arbeit ganz eindeutig in das Fachgebiet der Psychologen fällt. Zum Schluss eine „spezifische Anmerkung“, weil ich mich nicht festgelegt hätte: was ist Aufmerksamkeit, ein Subsystem oder ein Prozess?
Ich schaute mir diesen Teil noch einmal an und legte mich fest: sie ist ein Subsystem. Da nun feststand, dass meine Arbeit im Gebiet der Theoretischen Psychologie angesiedelt war, probierte ich noch einmal, wie die Chancen stünden, die Teile, die mir fehlten, über Hinweise durch einen Fachmann zu bekommen. Ich arbeitete meinen Entwurf mit Tims Hilfe noch einmal durch und fügte einleitend die Sätze hinzu:

„Vorausgegangen sind meinem Ansatz Überlegungen zur Art und Bedeutung kausaler Zusammenhänge und der damit verbundenen Frage, welche Eigenschaft des Gehirns uns als Individuen in die Lage versetzt, kausale Zusammenhänge zu erkennen.(…) gehe ich davon aus, dass die Fähigkeit, Kausalzusammenhänge erkennen zu können, eine Eigenschaft des Gehirns sein muss. Dies wäre der Fall, wenn das Gehirn für den Erkennungsprozess nach der gleichen Regel arbeitet, wie sie Kausalzusammenhängen zugrunde liegt.“
Damit hatte ich zum ersten Mal darauf verwiesen, dass die Regel nicht nur für menschliches Verhalten und das menschliche Informationsverarbeitungssystem gilt, sondern dass wir mit ihr auch die Welt „außerhalb“ ordnen: wir haben ein kausales Netz „im Kopf“, und wir denken in Kausalketten, in Ursache-Wirkungsbeziehungen.

 

8.
Mit diesem Entwurf wandte ich mich an Prof. Rainer Mausfeld, Direktor am Institut für Psychologie der Uni Kiel. Er war überrascht, erklärte sich aber bereit, meine Arbeit zu lesen. Allerdings werde er mir eine ehrliche Antwort geben – nichts anderes erwartete ich -, ich solle ihm sechs Wochen Zeit lassen.
Das Telefonat nach diesem Zeitraum begann er mit den Worten: „Ich habe Ihnen eine ehrliche Antwort versprochen und die bekommen Sie auch: Ihr Ansatz passt nicht in die derzeitige wissenschaftliche Landschaft.“
Ja, damit hatte ich schon gerechnet, Tim hatte mir ja mehrfach dasselbe gesagt. Mausfeld fuhr fort:
„ Die beiden größten Herausforderungen für die Wissenschaften unserer Zeit sind die Antworten auf die Fragen, wie funktioniert das Universum und wie funktioniert das menschliche Gehirn. Dass nun ausgerechnet jemand wie Sie kommt, der das Gehirn im Alleingang stemmt und uns die Antwort auf die eine der beiden Fragen liefert, ist im Grunde jenseits aller Wahrscheinlichkeit.“
Meine Bemerkung, dass es an der derzeitigen wissenschaftlichen Landschaft liege, weshalb jemand wie ich darauf gekommen sei und nicht die mit diesem Gegenstand beschäftigten Wissenschaftler, wies er zurück. Er verteidigte die derzeitige wissenschaftliche Vorgehensweise, erklärte mir, wie ich hätte vorgehen müssen, damit mein Ansatz in dieses System passe (was ich schon wusste), was ich spezifizieren müsse (z. B.. den Begriff „Ebenen“ erklären) und dass ich sämtliche Versuche der Wissenschaftler, auf deren Arbeiten ich verwiesen hatte, mit eigener Aufgabenstellung unter Laborbedingungen wiederholen müsse. Und zumindest darin waren wir uns einig, dass ein solches Vorhaben utopisch wäre: Die Summen, die dafür aufgebracht werden müssten, wären astronomisch, und ich müsste mindestens noch dreihundert Jahre leben, um sämtliche erforderlichen Experimente, auf die ich mich berufen hatte, zu wiederholen – und würde dennoch nicht dort hinkommen, wo ich jetzt schon war. Auch ihm war das klar, denn er sagte: „Versuchen Sie es gar nicht erst, das schaffen Sie nicht.“ Ich fragte, ob ich die Systemtheorie brauche und er meinte: „Oh Gott, nicht das auch noch.“ Abschließend empfahl er: „Versuchen Sie nicht, den Leuten zu erklären, was Sie entdeckt haben – man muss die Materie kennen, um zu verstehen, wovon Sie sprechen. Und passen Sie gut auf sich auf – Sie wären nicht die erste in der Geschichte der Menschheit, die eine bahnbrechende Entdeckung gemacht hat und daran verzweifelt, dass ihr zu Lebzeiten der Durchbruch nicht gelingt. Die Wissenschaft ist eine große Masse und große Massen sind träge.“
Immerhin, er war der fünfte, der wusste und verstanden hatte, wovon ich rede. Was ich dagegen damals noch nicht verstanden hatte, war, dass es nicht darauf ankommt, ob eine Erkenntnis zutreffend (wahr) ist oder nicht, sondern dass sie ins herrschende Paradigma passen muss. Ich wusste noch nicht genug über selbstorganisierende Systeme, um zu verstehen, dass sie so funktionieren.

Nun schien endgültig klar, dass dies der falsche Weg war, um ans Ziel zu kommen. Vielleicht aber gab es noch eine Möglichkeit, über die Systemtheorie weiterzukommen. Das hieß: Ich musste Luhmann, von Bertalanffy, von Förster, Maturana lesen …, gibt es auch welche unter den Psychologen, die sich damit beschäftigen? Ja, einen: Norbert Bischof, er schrieb: „Struktur und Bedeutung“, eine Mathematik der Systemtheorie für Psychologen.
Ihn schrieb ich an, bat um seine Hilfe.
Er rief mich bereits zwei Tage später zurück, bat um Verständnis, dass er sich mit 76 Jahren nicht mehr in eine neue und noch dazu so große Materie wie ADHS einarbeiten könne. Er habe mit vielen großen Wissenschaftlern zusammengearbeitet, u.a. fünfzehn Jahre mit Konrad Lorenz, aber alle hätten jenseits der achtzig nichts Bedeutendes mehr geschaffen – und ihm werde es wohl nicht anders gehen. Ich fragte, ob mein Ansatz eventuell nicht plausibel genug wäre. Er sagte, er sei plausibel, sonst wäre ich auch nie an Frau Schwank oder Herrn Dörner herangekommen. Das beruhigte mich.

 

9.
Über die Xing-community hatte ich einen Philosophen und Germanisten kennen gelernt, der als Lektor tätig war, Peter Albertz. Ihn interessierte das Thema Denken, und deshalb auch der Zusammenhang mit „funktional vs. prädikativ“. Nachdem ihm klar geworden war, was ich mit prädikativer und funktionaler Art des Denkens meine, sagte er: „Auf dieser transzendentalen Ebene wurden noch nie zwei Arten unterschieden.“ Wir diskutierten dazu erst öffentlich in einer Xing-Gruppe und dann auch privat. Schließlich fragte ich ihn, ob er bereit wäre, da ich beabsichtigte, noch einmal ein Buch zu schreiben (Mausfelds Empfehlung schlug ich in den Wind), dieses zu lektorieren. Er war einverstanden – und, was hilfreich war, er hatte sich auch mit Systemtheorie und speziell mit Luhmann beschäftigt. Einige Zeit später begann ich mit dem Buchprojekt, schickte ihm die Einleitung und beiden ersten Kapitel zu – er entschied, er müsse das ganze Buch lesen, so könne er dazu noch nichts sagen.
Das nächste Kapitel war der Regel in ihren beiden Varianten gewidmet, der Kernthese meines Ansatzes, und sofern ich mich nicht gründlich geirrt hatte, der „Ursache“ der vermeintlichen Aufmerksamkeitsstörung.
Mit dem erneuten Einstieg fielen mir diesmal mehrere Unstimmigkeiten auf, die mir bisher entgangen waren und die ich nicht einordnen konnte. Eine davon war, dass ich den unangenehmen Eindruck erhielt, als sei mit dieser Regel plötzlich alles und jedes erklärbar, was so nicht zutreffen konnte. Eine andere war, dass sie in der bisherigen Beschreibung einen kausalen Zusammenhang realisiert, in dem Z das Ziel bzw. die (Aus-)Wirkung war. Aber nun sah ich plötzlich deutlich die Unregelmäßigkeiten, nach denen ein Effekt oder eine Wirkung über Z hinausgingen.

Ich nahm wieder einmal alles auseinander, ging meine Skizzen und Aufzeichnungen durch, schaute mir noch einmal die wissenschaftlichen Fakten an, auf die ich meine These stütze – aber ich kam nicht darauf, wo der „Fehler“ liegen könnte. Ich schloss das Kapitel ab, obwohl es für mich unbefriedigend war, dass ich dieses Problem nicht lösen konnte.
Was ich auch noch nicht schaffte: ich vermochte immer noch nicht, mich vom derzeitigen wissenschaftlichen Paradigma zu lösen. Das Buch war dann auch der Versuch, mehrere Fachgebiete unter systemtheoretischem Blickwinkel „unter einen Hut“, und die Regel nur so weit ins Spiel zu bringen, als sie sich mit den empirischen Daten dieser Fachgebiete in Einklang bringen ließ.

Das fertige Manuskript schickte ich Peter Albertz und einer Bekannten, einer Physikerin, ihr mit der Bitte, einmal drüber zu schauen, ob mir irgendwo ein haarsträubender Fehler unterlaufen sei.
Beiden fielen übereinstimmend dieselben Punkte auf, die ich nicht ausreichend beschrieben hatte, Peter dann noch einige zusätzliche Lücken. Beide erklärten schließlich, es sei ein logisch aufgebauter, in sich konsistenter Ansatz. Peter fügte hinzu: „Er hat nur einen Nachteil: er lässt keine andere Sicht mehr zu“. Ja, das war mir inzwischen klar: Entweder mein Ansatz war richtig, dann waren alle anderen Modelle und Theorien zur Arbeitsweise des menschlichen Gehirns und zur Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätsstörung falsch – das würde keinen Stein mehr auf dem anderen lassen. Oder mein Ansatz war falsch. Und von meiner Bekannten kam die Frage, die ich gefürchtet hatte: „Was ist das für eine Regel?“
Sie war nicht die einzige, die das fragte und auch nicht die erste – und ich kannte die Antwort nicht. Dörner hatte nach einer Integrationsformel gefragt, aber was hieß das? Ich diskutierte dazu u.a. auf network nature, der Internetplattform der Zeitschrift „Nature“ und erklärte schließlich, es müsse sich wohl um ein Naturgesetz handeln.

 

10.
Nun war klar, dass ich nicht mehr darum herumkam, mich mit diesem Regelding – was immer es sein mochte – auseinander zu setzen. Ich bat einen meiner Xing-Kontakte um Hilfe. Dazu musste ich mir einiges an mathematisch-physikalischen Kenntnissen aneignen – nach mehr als 40 Jahren seit Ende meiner Schulzeit. Das dauerte nicht nur, ich musste dieses Wissen mit meinen Vorstellungen bezüglich der Regel abgleichen, was nicht einfach war. Wir entwarfen schließlich ein Architekturbild, diskutierten zu einem bestimmten Sachverhalt – aus physikalisch-mathematischer und aus psychologisch-theoretischer (eigentlich: aus meiner) Sicht. Es ging dabei um die einfache neuronale (Ver-)Schaltung dreier farbspezifischer Zellen, mit der sich im Prinzip jede Farbe erzeugen lässt, die wir sehen. Und da kam es zu Problemen. Denn aus physikalisch-technischer Sicht wird keine Regel für den Bau der Schaltung benötigt.
Zum ersten Mal wurde ich unsicher. Wenn mein Ansatz zutreffen soll, dann musste er auch für diesen Sachverhalt zutreffen und dem Aufbau einer ‚Farbschaltung’ zugrunde liegen – Ausnahmen gibt es nicht, kann es nicht geben. Und wenn es sie gibt – wenn es nur eine einzige Ausnahme gibt -, dann ist alles, mein gesamter Ansatz, falsch. Er würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.
Erneut wandte ich mich an Tim. Er meinte, er verstünde zwar nicht alles, aber Physik und Psychologie hätten ganz unterschiedliche Fragestellungen, da käme es schon vor, dass man einander nicht mehr versteht. Also worum geht es: „Wir reden vom Gehirn, wir reden von Neuronen, wir reden von Relationen und wir reden vom Gedächtnis, ok?“ Ja. „Weiter: angenommen, wir wollten ein menschliches Gehirn bauen – wie gehen wir vor? Womit fängt man an?“
Ich hatte wieder Boden unter den Füßen: ein menschliches Gehirn entwickelt sich aus kleinsten Bausteinen selbst. Doch seine Entwicklung und Aufbau sind nicht rein zufällig, seine Verschaltungsarchitektur ergibt sich nicht irgendwie beliebig, sondern unterliegt einem – ja wem? Einem „Bauplan“ vielleicht, der in unseren Genen codiert ist?
Ich hatte ja schon einmal gemeint, die Regel sei so etwas wie ein Bauplan oder eine Vorschrift für den Bau eines Gehirns. Das Problem war und ist im Grunde nur, dass es niemanden gibt, der den Bau des menschlichen Gehirns geplant oder vorgeschrieben hätte, denn so arbeitet die Natur nicht. Sie arbeitet nach den Prinzipien Mutation und Selektion, Versuch und Irrtum …
Bleibt also nur: ein Naturgesetz oder eine Regel, die naturgesetzlichen Charakter hat. Diese Regel brauchte ich, um zu erklären, wie ein menschliches Gehirn aufgebaut ist, um entweder auf prädikative oder auf funktionale zu arbeiten.

Doch was ist das für eine Regel?

Ein befreundeter Mathematiker lieferte mir schließlich das entscheidende Stichwort – und ich hätte längst selbst darauf kommen müssen, denn ich hatte es ja bereits mehrfach erwähnt: Die Regel ist eine Vorschrift, sie ist, was wir Kausalität nennen. Kausalität ist zwar die Beziehung von Ursache und Wirkung, aber wieso denken wir, auch wir, die wir ADHS haben und gerade nicht in Beziehungen, sondern in Prozessen und Wirkungsweisen denken? Betrachten wir die Welt durch die falsche Brille?Ist, was von der Ursache zur Wirkung führt, nicht eigentlich ein Prozess? Wenn ja,dann beschreiben wir die Realität falsch!

Außerdem: Wie würde eine Welt aussehen, in der es keine Kausalität gibt? Wäre sie für uns überhaupt vorstellbar? Aber wenn sie für uns nicht vorstellbar ist, wenn wir aus dieser Kausalbeziehung nicht „aussteigen“ können, dann muss ihr eine Regel zugrunde liegen, die vorschreibt, dass die Wirklichkeit für uns genau so abläuft: von der Ursache zur Wirkung.

Dies war die Regel, nach der ich gesucht, die ich gefunden hatte. Und sie schreibt den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung für alle kausalen Prozesse und Beziehungen in diesem Universum vor. Von dieser Regel, und das war neu, gibt es zwei Varianten, die prädikative und die funktionale.
Da es sich um eine Regel mit naturgesetzlichem Charakter handelt, gilt für sie:
a) Man kann sie nicht übertreten und nicht außer Kraft setzen
b) sie enthält sich nicht selbst als Ursache-Wirkungs-Beziehung.

 

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Man mag sich fragen, warum dies bisher nicht entdeckt wurde, obwohl Kausalität als Phänomen doch immer schon ein Thema sowohl in der Philosophie als auch in den Naturwissenschaften war. Möglicherweise liegt dies daran, dass man dieses Phänomen durch die prädikative Brille sieht, Kausalität aber mit der funktionalen Sichtweise erklärt werden muss.
Doch zunächst ging es um die Frage, ob sich die Regel  im Gehirn „auffinden“ lässt. Sie muss, wenn meine Annahme zutrifft,  in der Struktur des Aufbaus eines menschlichen Gehirns, in seiner Verschaltungsarchitektur niedergelegt sein, denn beim Gehirn bedingen sich Struktur und Funktion gegenseitig. Ein menschliches Gehirn kann, so habe ich behauptet, seine internen Prozesse nur nach einer der beiden Varianten organisieren – entweder nach der prädikativen, wie bei der Mehrheit aller Menschen, oder nach der funktionalen, wie bei einer Minderheit aller Menschen. Und wenn es das tut, wenn die Prozesse im Gehirn funktional-logisch denkender Menschen nach eben dieser anderen Variante ablaufen, dann sind nicht fehlende Aufmerksamkeit oder eine wie immer geartete Störung der Grund, weshalb ADHS-Kinder Probleme in der Schule haben und durch ihr Verhalten auffallen. Es liegt schlicht und ergreifend daran, dass ihr Gehirn etwas anders arbeitet als das Gehirn der Mehrheit der aller Menschen. Es arbeitet nicht schlechter, nicht falsch, nur anders.

Ich hatte nicht erwartet, so tief einsteigen zu müssen, nur um zu erklären, worin sich Menschen mit ADHS von Menschen ohne ADHS unterscheiden. Ich habe nicht erwartet, dass sich eine Begründung für zwei verschiedene Arten des – nennen wir es halt: Denkens – in diesen Dimensionen abspielt. Und mir fällt wieder der Ausruf einer der Teilnehmerinnen aus einer meiner SHG ein: „Ist das eine einfache Lösung. Wieso ist da noch niemand drauf gekommen?“ Immerhin wusste ich jetzt, warum.

Ein weiteres Mal nahm ich mir die Regel vor, nahm sie auseinander, verglich sie mit menschlichen Verhaltensweisen, mit Beschreibungen neuronaler Schaltungen, neuronaler Prozesse, dem Aufbau von Systemen, und, und, … und erhielt schließlich ein Regelwerk, dem die immer selbe Grundregel zugrunde liegt. Das Regelwerk besteht nicht nur aus den zwei Varianten einer Grundregel, es gibt neben dieser Grundregel, von der es mindestens zwei Variationen gibt, auch noch eine Spezialisierung. Und auch von der Spezialisierung in ihren beiden Varianten – funktional und prädikativ – gibt es je zwei Variationen. Eine weitere Neuerung kam hinzu:  Um zu Ursache und Wirkung zu führen sind drei Arten von Bedingungen erforderlich. Aus all dem folgte schließlich ein Rattenschwanz an weiteren Neuerungen: Die Prozesse im menschlichen Gehirn zum Erwerb von Wissen laufen innerhalb dreier Perioden ab; die Perioden entsprechen den Leistungen Wahrnehmen, Erkennen,Verstehen und sind die Basis des menschlichen Gedächtnisses. Für diesen Wissensaufbau und die „Speicherung“ des Wissens sind drei Systeme erforderlich, die ihrerseits die Bedingungen des Regelwerks erfüllen müssen: das Gehirn, das Repräsentationssystem und das Bewusstsein. Die von Neuronen und Gliazellen produzierten Wissenseinheiten bilden im Repräsentationssystem das Gedächtnis, und das Bewusstsein gibt die Form vor, in der wir die Welt und die Dinge in ihr sehen, hören, fühlen.
Um wissenschaftstheoretischen Ansprüchen zu genügen, reicht die Beschreibung in natürlicher Sprache für die Anerkennung als wissenschaftliche Theorie nicht aus. Ein solches Regelwerk muss formal, in der Sprache der Mathematik beschrieben werden. Da ich keine Mathematikerin bin, gelang mir in dieser Hinsicht nur ein Provisorium: die Umsetzung von natürlicher Sprache in einfache Formeln. Ich sandte sie dem befreundeten Mathematiker zu, der im Wissenschaftsbereich tätig ist, und bat ihn, mir zu sagen, ob sie sich mathematisieren lassen. Er schrieb mir, ich hätte ihm damit eine große Freude gemacht, aber nach seinem Kenntnisstand reiche die heutige Mathematik nicht aus, um zu formalisieren, was ich beschrieben habe. Aber ich hätte eine Logik der Abläufe entwickelt, die es so noch nicht gibt.

Er sagte allerdings auch, dass wenn ich behaupte, die Regel bestehe aus drei Variablen, dann müsse ich auch sagen, welche Eigenschaften die Variablen fordern. Denn für die Größen, die in die jeweilige Variable eingesetzt werden sollen, gilt als Bedingung, sie müssen die Eigenschaft bestzen, die die Variable fordert… Ich habe gemeint, das sei ein Witz! Welche Eigenschaft sollen beispielsweise ein Haus, in das der Blitz einschlägt, ein Glas, das zu Bruch geht, weil es auf einen Steinboden gefallen ist, ein Haufen Neuronen im menschlichen Gehirn, eine Apfelblüte, die zum Apfel wird, wenn sie befruchtet wurde, gemeinsam haben? Diese Forderung legte mich für mehrere Jahre lahm.

In dieser Zeit begann ich gemeinsam mit einem anderen Mathematiker den Versuch, das Regelwerk zu formalisieren. Es besteht aus einer Grundregel und zwei Hauptregeln und deren Variationen, und es kommt, auch das wissen wir, in zwei Varianten vor. Wir wählten die Prädikatenlogik als Formalismus, obwohl ich nicht überzeugt war, dass wir damit hinkommen würden. Zudem musste ich mich in diese Materie erst einmal einarbeiten, damit ich die Formeln, die der Mathematiker entwickelte, auch verstand. Doch es zeigte sich zunehmend, dass Schwierigkeiten auftraten, die wir nicht in den Griff bekamen – irgendetwas war falsch.

 

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Wieder kam mir der Zufall zu Hilfe.In einem Wissenschaftsforum hatte ich versucht, einem Wissenschaftler unsere andere, funktionale Art des Denkens zu erklären und dabei auch erwähnt, dass wir vom Zweck ausgehen, wenn wir denken, also eigentlich von etwas, das in der Zukunft liegt … Das war’s, das sind die Eigenschaften: Ich hätte längst darauf kommen müssen, aber die falsche Perspektive gehabt. Was die drei Variablen als Eigenschaften fordern, ist – ZEIT, die Eigenschaften sind zeitlicher Natur.  Größen, die in die X-Variable eingesetzt werden sollen, müssen eine Vergangenheit haben; Größen, die in die Y-Variable eingesetzt werden, müssen in der Gegenwart der Fall sein; und Größen, die (als Wirkung) in die Z-Variable eingesetzt werden, müssen in der Zukunft existieren, bzw. nicht oder nicht mehr existieren.

Mit jeder Lösung, die ich in dieser Sache gefunden habe, sind die Probleme, die mit der Lösung verbunden sind, größer geworden. das ist auch diesmal nicht anders. Denn es geht schließlich um Kausalität, es geht um Zeit als Eigenschaft und es geht um die Grundregel. Die Grundregel sagt, was für alle Größen, die in die Variablen eingesetzt werden können, grundsätzlich als Bedingung gilt. Was als Bedingung für die Eigenschaften gilt hatte ich mit den Zeitfolgen gefunden. Aber was gilt als Bedingung für die Größen selbst? -Viele Möglichkeiten bleiben bei dieser Größenordnung nicht. Eigentlich gibt es nur eine: die drei räumlichen Dimensionen Länge, Fläche, Volumen = Raum, mit der Eigenschaft Zeit.

Raumzeit ist Gegenstand der Physik und wird von ihr untersucht. Von meinem ursprünglichen Thema, dem Verhaltensphänomen ADHS, hätte ich mich kaum weiter entfernen können. Dass ich den Umweg über das Universum nehmen muss, nur um das ADHS-Verhalten und -Sein zu erkären und zu begründen, darauf wäre ich nie gekommen.

Und die Moral von der Geschicht‘?
Es gibt eine Ursache der ADHS, doch um sie zu erklären und zu begründen, brauchen die Erklärung und Begründung für die beiden größten Herausforderungen der Wissenschaft: wir müssen erklären und begründen, wie das menschliche Gehirn arbeitet und wie das Universum funktioniert. Wir haben zwar ein Regelwerk, mit dem sich die Ursache erklären lässt, aber es fehlt  die Mathematik, um das Regelwerk zu formalisieren. Immerhin, es liegt in zwei Varianten vor. Und so, wie es aussieht, beschreibt die eine Variante, die prädikative, die reale Welt und Wirklichkeit. Die andere, die funktionale Variante beschreibt  – vermutlich – die Vorgänge auf quantenmechanischer Ebene … und liegt den Gehirnprozessen funktionaler Menschen zugrunde.

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