Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen
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Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Vor 18 Jahren fand ich durch einen Zufall heraus, was es mit ADHS auf sich hat. Bisher geht man davon aus, dass es sich dabei entweder  um eine Störung der Informationsverarbeitungsprozesse handelt, die hauptsächlich durch das Umfeld ausgelöst wird, oder aber um eine Krankheit. Was ich dagegen herausgefunden habe ist, dass es sich um zwei Seiten derselben Medaille handelt, dass also sowohl das sogenannte normale als auch das ADHS-Verhalten normal sind. Um es mit einem Vergleich zu beschreiben – der zugegebenermaßen hinkt -: Würde die Informationsverarbeitung auf dem Kommutativgesetz beruhen (was natürlich nicht der Fall ist), dann würde das Gehirn der einen Gruppe arbeiten, indem es addiert und das Gehirn der anderen Gruppe würde multiplizieren.

Eine Mathematikprofessorin, Inge Schwank, hatte schon vor mir diese Differenzierung entdeckt und unser auf der Informationsverarbeitung beruhendes Denken in zwei Arten unterteilt. Seitdem  verwende ich ihre Begriffe und nenne das Verhalten und Denken der ‚normalen‘ Menschen prädikativ und das der kleineren Gruppe, zu der auch die ADHSler gehören, als funktional.

Nachdem ich mich von dem ersten Schrecken etwas erholt hatte, befand ich, dass diese Angelegenheit in die Hände von Wissenschaftlern gehört, die das ADHS-Denken untersuchen sollten. Ich wandte mich an Prof. Dietrich Dörner, einen Psychologen, denn in einem seiner Bücher hatte er zwei Regeln beschrieben. Mir war aufgefallen, dass die Beschreibung der einen Regel von seiner Struktur her dem Verhalten und Denken prädikativer Menschen, und die andere Regel dem Verhalten und Denken der funktionalen (ADHS-)Menschen entsprach. Herr Dörner verstand zwar, als ich sagte, dass Wissen, wenn es in den Kopf kommen soll, der jeweiligen Regel entsprechen müsse, aber er wollte von mir die Formel zur Beschreibung der Vorgänge.

Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Und ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass man mir sagen würde: So geht das aber nicht, Sie müssen Ihre Idee schon selber entwickeln, damit wir sie prüfen können. Das, so hatte ich gemeint, sei doch eigentlich Sache der Wissenschaft. Ich fing daher an, mich mit dem menschlichen Gehirn zu beschäftigen, dem, was die kognitive Psychologie, die Neurophysiologie, die Neuroanatomie usw. über menschliche Informationsverarbeitung herausgefunden hatten. Nach ein paar Jahren war ich dann soweit, dass ich in einem Artikel anhand der beiden Regeln und dem, was ich über Informationsverarbeitung gelernt hatte, beschreiben konnte, wie die Prozesse im Gehirn im großen und ganzen ablaufen. Damit wandte ich mich an einen anderen Wissenschaftler, Prof. Rainer Mausfeld, mit der Bitte, mir zu sagen, ob man das in einer Fachzeitschrift publizieren könne und wenn ja, in welcher. Er versprach mir eine ehrliche Antwort, die ich dann auch bekam. Sie lautete, mein Ansatz passe nicht in die derzeitige wissenschaftliche Landschaft, aber ich wisse ja, dass die beiden größten Herausforderungen für die Wissenschaften die Fragen seien, wie das Universum funktioniert und wie das menschliche Gehirn arbeitet. Daran arbeiteten Tausende von Wissenschaftlern und in deren Projekte flössen Milliarden von Forschungsgeldern. Dass nun ausgerechnet jemand wie ich kommt und ihm die Lösung für das eine der beiden Rätsel auf den Tisch legt, das sei im Grunde jenseits aller Wahrscheinlichkeit.

Nun gut, aber warum passt mein Ansatz nicht in die wissenschaftliche Landschaft? Was ist daran falsch? Die Antwort war verblüffend:  Falsch daran ist, dass ich allein darauf gekommen bin statt meinen Ansatz in Teamarbeit zu entwickeln, und falsch ist, dass ich auf die Lösung, nämlich dass und wie  die Abläufe im Gehirn geregelt sind, nicht auf experimentellem Weg gekommen bin. Als ich meinte, mit einem Experiment erhalte man aber doch keine Regeln als Ergebnis, hieß es, das sei egal: die moderne Wissenschaft sei dadurch gekennzeichnet, dass wissenschaftliche Erkenntnis nur in Teamarbeit und auf experimentellem Weg gewonnen werden könne. Und deshalb, weil ich mich daran nicht gehalten habe, gibt es auch keine Chance auf Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift. Auf meinen Einwand, dass aber unter diesen Umständen die Wissenschaftler selber auch nicht zu einer Erklärung kommen können, wie das menschliche Gehirn arbeitet und sie deshalb auch nicht feststellen könnten, dass ADHS keine Störung oder Krankheit sei, erhielt ich zur Antwort, dass ich eben unserer Zeit voraus sei und die Wissenschaften noch Jahrzehnte bräuchten, bis sie da seien, wo ich jetzt bin.

Da ich das unbefriedigend fand und mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, dass sich die moderne Wissenschaft der herrschenden Gesellschaftsordnung verdankt, sie sich also nur ändern kann, wenn sich auch unsere Gesellschaftsordnung ändert,  verlegte ich mich darauf, mich mit den Regeln zu beschäftigen, die ich nicht präzisiert hatte. Ich war ohnehin schon mehrfach gefragt worden, was das denn für Regeln seien, die ich ständig erwähne. Ich wusste es nicht und hatte gemeint, dass dies doch eigentlich die Mathematiker wissen müssten. Die wussten es jedoch auch nicht, aber einem von ihnen (Anatol, dafür werde ich dir Zeit meines Lebens dankbar sein) fiel ein Zusammenhang mit  der Kausalität auf.

Ich schaute mir die Regeln noch mal an: Tatsächlich, vor allem die Regel, die dem prädikativen (normalen) Denken und Verhalten zugrunde liegt, ist die exakte Beschreibung des Ablaufs von der Ursache zur Wirkung.

Auch das noch! Mit Kausalität haben sich schon die Philosophen der Antike befasst, haben Kant und Hume darüber gestritten, ob sie gesetzmäßigen Charakter hat oder aus der Erfahrung stammt, haben Philosophen bis heute keine Erklärung, was sie eigentlich ist- ganz abgesehen davon, dass das Konzept Kausalität mit der Quantenmechanik obsolet geworden zu sein scheint.

Ich brauchte wieder mehrere Jahre, doch was mich dann letztlich zur  Lösung dieses Problems führte, war trivial: Definiert wird Kausalität als die Beziehung von bzw. zwischen Ursache und Wirkung … BEZIEHUNG!

Wonach Philosophen u. a. suchen, um Kausalität zu erklären ist, ob es ein Gesetz gibt, dass Ursache und Wirkung miteinander verknüpft, ein Gesetz, das erklärt, wie diese Beziehung zwischen Ursache und Wirkung  aussieht. Prädikatives Denken ist ein Denken in Beziehungen und Begriffen, so hatte Schwank es definiert. Wenn Kausalität also als Beziehungsverhältnis verstanden wird, dann liegt diesem Verständnis, liegt dieser Definition die prädikative Sichtweise, die prädikative Art des Denkens zugrunde.

Funktionales Denken ist ein Denken in Prozessen und Wirkungsweisen. Was ist Kausalität aus funktionaler Sicht? Wie lässt sie sich auf dieser Grundlage definieren? Die Antwort auf diese Frage liefert ein anderes Ergebnis: Kausalität kann zwar auch ein Beziehungsverhältnis gesehen werden, vor allem aber ist sie ein Regelwerk. Sie ist eine Anzahl gleichartiger, aber doch unterschiedlicher Regeln ,  die unterschiedliche kausale Vorgänge beschreiben: Den Vorgang, bei dem ein Blitz in ein Haus einschlägt, beschreibt eine andere Regel als den Vorgang, bei dem ein Schimpfwort einen Streit verursacht, der zur Wirkung hat, dass man nicht mehr miteinander redet.

Da es also verschiedene Regeln sind , besteht Kausalität aus drei Klassen – einer fundamentalen, einer allgemeinen und einer elementaren – von Regeln, und es gibt sie in prädikativer und in funktionaler Variante. Die fundamentale Klasse enthält nur die Grundregel, in der beide Varianten zusammenfallen. Sie beschreibt, was dann auch für die beiden anderen Klassen gilt, den dimensionalen Aufbau von Strukturen und ihre Eigenschaft: Zeit. Die Regeln der elementare Klasse kommen dem am nächsten, was derzeit unter Ursache-Wirkungs-Beziehung verstanden wird. Sie ist die Klasse der Abläufe, die die Regeln enthält, mit denen verschiedene Arten kausaler Abläufe beschrieben werden. Interessant ist daran auch, dass prädikative Regeln andere Abläufe beschreiben als funktionale Regeln. Die elementare Klasse ist die der Erzeugung. Diese Regeln sind komplizierter als die der allgemeinen Klasse und sehen daher anders aus.

Nun brauche ich nur noch eine Mathematik, mit der ich diese Regeln beschreiben kann. Dann habe ich nicht nur eine, sondern viele Formeln, von denen einige auch beschreiben, wie ein prädikativ arbeitendes Gehirn und wie ein funktional arbeitendes Gehirn  funktionieren. Leider bin ich zum Glück kein Isaac Newton, der in der Lage war, die Infinitesimalrechnung zu entwickeln, ich bin auch kein Georg Cantor, der die Mengenlehre begründete, und kein Gottlob Frege oder Charles Peirce, die die Prädikatenlogik entwickelten. Etwas in dieser Art allerdings müsste es sein, eine neue Logik.

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