Was die Welt im Innersten zusammenhält
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Was die Welt im Innersten zusammenhält

 

10. Auf ein Neues

Nachdem auch dies der falsche Weg war, um meiner Idee zum Durchbruch zu verhelfen, suchte ich nach weiteren Möglichkeiten. Auch wenn Mausfeld sie verworfen hatte, war ich mir sicher, mit der Systemtheorie weiterzukommen. Das hieß: Ich mußte mich abermals in ein neues Fachgebiet einarbeiten, mußte Luhmann, von Bertalanffy, von Förster, Maturana lesen …, gibt es auch welche unter den Psychologen, die sich mit ihr beschäftigen? Ja, einen: Norbert Bischof, er schrieb: „Struktur und Bedeutung“, eine Mathematik der Systemtheorie für Psychologen.

Ihn schrieb ich an, bat um seine Hilfe.

Er rief mich bereits zwei Tage später zurück, bat um Verständnis, daß er sich mit 76 Jahren nicht mehr in eine neue und noch dazu so große Materie einarbeiten könne. Er habe mit vielen großen Wissenschaftlern zusammengearbeitet, u.a. fünfzehn Jahre mit Konrad Lorenz, aber alle hätten jenseits der achtzig nichts Bedeutendes mehr geschaffen – und ihm werde es wohl nicht anders gehen. Ich fragte, ob mein Ansatz eventuell nicht plausibel genug wäre. Er sagte, er sei plausibel, sonst wäre ich nie an Frau Schwank oder Herrn Dörner herangekommen. Das beruhigte mich.

 

Und trotz Mausfelds Warnung versuchte ich, über Internetforen, die ADHS zum Thema hatten, und über die Xing-Community meinen Ansatz bekannt zu machen.

Die Internetforen waren ein Fehlschlag, obwohl oder gerade weil meine Erklärungen auf fruchtbaren Boden fielen: zum einen brachten mich gerade die Begeisterung und die Versuche, mir zu helfen, in Bedrängnis. Denn es wurde aus dem, was ich zu erklären versuchte, das herausgezogen, was in die eigenen Vorstellungen paßte und munter auch anderenorts verbreitet, wobei man sich auf mich berief. Dennoch gab es auch positive Erlebnisse. Vom Verein TOKOLive wurde ich mehrmals für einem Vortrag zu den Familienfreizeiten eingeladen, und auch wenn die eigentliche Ursache für die Teilnehmer unverständlich blieb, fanden die Beispiele viel Beifall. Letztlich aber hatte Mausfeld recht behalten: es kam nicht gut an, wenn ich wieder und wieder berichtigen mußte, wenn etwas nicht bzw. falsch verstanden worden war. Doch ich wollte auch nicht mit etwas identifiziert werden, das nicht von mir stammt.

 

Die Mitgliedschaft in der Xing-Community war insofern eine Bereicherung, als ich dort Menschen kennen lernte, die mich nicht nur in Bezug auf die Arbeitsweise des Gehirns ein großes Stück voranbrachten, mir wurde auch das Tor zur zweiten Herausforderung für die Wissenschaften aufgestoßen, zur Antwort auf die Frage: Wie funktioniert das Universum?

Daß beide Fragen miteinander zusammenhängen, darauf hätte man eigentlich auch in der Wissenschaft kommen müssen. Denn das Wissen über die Welt, die Natur und das Universum  kann nur dann in ein menschliches Gehirn kommen, wenn beide nach denselben Regeln arbeiten, Gehirn und Universum. Aber wenn man halt nicht mehr nach Erkenntnis strebt, und die falschen Fragen stellt, bekommt man auch nicht die richtigen Antworten.

 

In einer Xing-Philosophiegruppe lernte ich Peter Albertz kennen, einen Philosophen und Germanisten, der auch als Lektor tätig war. Peter interessierte das Thema Denken, er war der einzige, der in dem von mir eröffneten thread zur Frage, was die Teilnehmer unter dem Begriff „Denken“ verstehen, eine fundierte, intellektuelle Antwort gab. Ihn faszinierte die Entdeckung zweier Arten des Denkens  und wir diskutierten dazu erst öffentlich in der Xing-Gruppe und dann auch privat. Er hatte zum Thema Denken ein Buch geschrieben, und so fragte ich ihn schließlich, ob er mein zweites Buch lektorieren würde. Er war einverstanden, und, was hilfreich war, er hatte sich auch mit Systemtheorie und speziell mit Luhmann beschäftigt. Über die Gespräche, die wir seitdem führen, gewann ich Einsichten und -ja -Erkenntnisse, zu denen zu kommen ich nicht für möglich gehalten habe.

Und zwei weitere Kontakte waren von herausragender Bedeutung für mich: Mit einer Physikerin entwickelte ich mein Gehirnmodell weiter, und nun konnte ich auch wesentlich tiefer in die Materie der Neurowissenschaften einsteigen. Dazu wurde es notwendig, daß ich mich mit der Quantenmechanik befaßte, und mir wurden nach und nach einige Phänomene verständlicher, von denen ich bis dahin nur gehört, die ich aber nicht verstanden habe. Zunehmend bereiteten diese Kenntnisse mir aber auch ein mulmiges Gefühl. Denn in verschiedenen quantenphysikalischen Ereignissen sah ich Parallelen zum ADHS-Verhalten oder genauer: zur Produktionsregel. Dies machte mir Sorgen zu machen, denn darauf wollte ich mich nicht auch noch einlassen – zumal Physik wie die Mathematik in der Schule mein Angstfachgewesen war. Dennoch, die Physikerin und ich entwarfen ein Architekturbild, das nur noch entfernte Ähnlichkeit mit meinem ersten Modell hatte, diskutierten zu einem bestimmten Sachverhalt – sie aus physikalisch-mathematischer und ich aus psychologisch-theoretischer (eigentlich aus meiner) Sicht. Es ging dabei um die einfache neuronale (Ver-)Schaltung dreier farbspezifischer Zellen, mit der sich im Prinzip jede Farbe erzeugen lässt, die wir sehen.

Und dabei kam es zum Problem. Denn aus physikalisch-technischer Sicht wird für den Bau der Schaltung keine Regel benötigt.

Zum ersten Mal wurde ich unsicher. Wenn mein Ansatz zutreffen soll, dann mußte er auch für diesen Sachverhalt zutreffen und dem Aufbau einer ‚Farbschaltung’ zugrunde liegen: auch der Aufbau des Gehirns, seine Verschaltungsarchitektur mußten der jeweiligen Regel zugrunde liegen. Ausnahmen gibt es nicht, kann es nicht geben. Und wenn es sie gibt – wenn es nur eine einzige Ausnahme gibt -, dann ist alles, mein gesamter Ansatz, falsch. Er würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Erneut wandte ich mich an Tim. Er meinte, er verstünde zwar nicht alles, aber Physik und Psychologie hätten ganz unterschiedliche Fragestellungen, da käme es schon vor, daß man einander nicht mehr versteht. Also worum geht es: „Wir reden vom Gehirn, wir reden von Neuronen, wir reden von Relationen und wir reden vom Gedächtnis, ok?“ Ja. „Weiter: angenommen, wir wollten ein menschliches Gehirn bauen – wie gehen wir vor? Womit fängt man an?“

Ich hatte ja schon einmal gemeint, die Regel sei so etwas wie ein Bauplan oder eine Vorschrift für den Bau eines Gehirns. Das Problem war und ist im Grunde nur, daß es niemanden gibt, der den Bau des menschlichen Gehirns geplant oder vorgeschrieben hätte, denn auf einen Schöpfergott konnte ich mich nicht berufen und so funktioniert auch die Natur nicht. Sie arbeitet nach den Prinzipien Mutation und Selektion, Versuch und Irrtum …

Bleibt also nur: all dem muß ein Naturgesetz oder ein Gesetz, das einen vergleichbaren Charakter hat , zugrunde liegen …

Dieses Gesetz brauchte ich, um zu erklären, wie ein menschliches Gehirn aufgebaut ist, um entweder auf prädikative oder auf funktionale Weise zu arbeiten.

 

Ich hatte wieder Boden unter den Füßen: ein menschliches Gehirn entwickelt sich aus kleinsten Bausteinen selbst. Doch seine Entwicklung und Aufbau sind nicht völlig zufällig, seine Verschaltungsarchitektur ergibt sich nicht irgendwie beliebig, sondern unterliegt einem  – ja wem? Einem „Bauplan“ vielleicht, der in unseren Genen „codiert“ ist? Einen solchen Bauplan  – oder eben ein Gesetz brauchte ich jedoch auch, wenn ich wissen und erklären wollte, wie das Gehirn arbeitet.

 

Während der Arbeit an meinem zweiten Buch fielen mir diesmal mehrere Unstimmigkeiten auf, die ich nicht einordnen konnte. Für eine allgemeine Beschreibung der Gehirnprozesse reichten die Regeln nicht aus. Ich nahm noch einmal alles auseinander, ging meine Skizzen und Aufzeichnungen durch, schaute mir noch einmal die wissenschaftlichen Fakten an, auf die ich meinen Ansatz stütze – aber ich kam nicht darauf, wo der „Fehler“ liegen könnte. Ich schloß das Buch ab, obwohl es für mich unbefriedigend war, daß ich das Problem nicht zu fassen bekam und deshalb auch nicht lösen konnte. Irgendetwas fehlte …

Was ich auch noch nicht schaffte: ich vermochte immer noch nicht, mich endgültig vom derzeitigen wissenschaftlichen Paradigma zu verabschieden. Das Buch war dann auch der Versuch, mehrere Fachgebiete unter systemtheoretischem Blickwinkel „unter einen Hut“, und die Regel nur so weit ins Spiel zu bringen, als sie sich mit den empirischen Daten dieser Fachgebiete in Einklang bringen ließ.

Das fertige Manuskript schickte ich Peter und der Physikerin zu, mit der Bitte, einmal drüber zu schauen, ob mir irgendwo ein haarsträubender Fehler unterlaufen sei.

Beiden fielen übereinstimmend dieselben Punkte auf, die ich nicht ausreichend beschrieben hatte, Peter dann noch einige zusätzliche Lücken. Beide erklärten schließlich, es sei ein logisch aufgebauter, stringenter und in sich konsistenter Ansatz. Peter fügte hinzu: „Er hat nur einen Nachteil: er lässt keine andere Sicht mehr zu“.

Ja, das war mir inzwischen klar geworden und wieder einmal  Anlaß zur Panik: Entweder mein Ansatz war richtig, dann waren alle anderen wissenschaftlichen Modelle und Theorien nicht nur zur Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, sondern auch zur Arbeitsweise menschlicher Gehirne falsch – dann würde kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Oder aber mein Ansatz war falsch.

Von der Physikerin kam auch die Frage, die ich gefürchtet hatte: „Was sind das für Regeln?“

Sie war nicht die erste und auch nicht die einzige, die das fragte, und ich kannte die Antwort immer noch nicht. Dörner hatte nach einer Integrationsformel gefragt, aber was hieß das?

Ich diskutierte dazu auf network nature, der Internetplattform der Zeitschrift „Nature“ und beschrieb dort die Regel, indem ich sie als Lösung für das Bindungsproblem vorschlug. Der Moderator der Gruppe, ein amerikanischer Professor, der zum Bewußtsein forscht, nannte es eine „great idea“. Die Fragen, um welche Regeln es sich denn nun handelt, konnte ich aber auch da nicht beantworten. Ich vermutete, es müsse sich um ein unbekanntes Naturgesetz handeln.

Nun kam ich jedenfalls nicht mehr darum herum, mich mit den Regeln  – welche auch immer sie sein mochten – auseinanderzusetzen.

Der dritte wichtige Kontakt, den ich in Xing kennenlernte, war ein Mathematiker. Anatol gehört zu einem Team von Mathematikern und Informatikern an der Fachhochschule in Darmstadt, die es sich zum Ziel gesetzt haben, eine neue Mathematik zu entwickeln, die in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen dringend benötigt wird. Er kennt die Theorie von Schwank, und er und ich leiteten einige Jahre lang gemeinsam die Denkkunst-Gruppe in Xing. Ich fragte ihn um Rat und fuhr nach Darmstadt, nachdem er mich dort zu einem Treffen mit mehreren Mathematikprofessoren eingeladen hatte. Dieses Treffen führte zu einem Durchbruch, es öffnete das zum „Tor zum Universum“.

 

 

 

11. Kausalität oder: Was sind das für Regeln?

Auf dem Treffen in Darmstadt stellte ich Schwanks und meine Theorien vor. Von einem der Professoren wurde ich schließlich gefragt, was ich denn erreichen wolle? Ich antwortete, daß ich die Regeln entwickeln und über sie zu einer Theorie kommen wolle. Er sah mich entgeistert an und sagte: „Das schaffen Sie nicht, das ist viel zu groß, das schaffen Sie nicht.“ Ich kam mir vor, als hätte ich etwas speziell Blödes von mir gegeben.

Auf dem Rückweg zu meiner Unterkunft fragte ich Anatol, was denn der Prof damit gemeint haben könnte, weshalb ich nicht schaffen könne, was ich erreichen wollte. Er antwortete, daß bisher noch nicht gelungen sei, Kausalität zu mathematisieren.

Als ich ihn verständnislos ansah, sagte er, Kausalität sei die Beziehung von Ursache und Wirkung, aber ich beschreibe sie, als sei sie eine Regel.

Daheim sah ich mir noch einmal an, was ich zu den Regeln bisher geschrieben hatte: die prädikative Regel hatte ich wie folgt formuliert:

Wenn X, und dann, wenn Y, dann auch Z

und die funktionale:

Wenn X, und dann, wenn Z in X, dann auch Y.

Und jetzt sah ich es auch: die prädikativen Variante beschreibt das kausale Beziehungsverhältnis in Form einer Regel. Für die funktionale Variante schien das erst einmal nicht zu gelten, da sie aber eine Variante derselben Regel ist, mußte auch sie eine kausale Regel sein.

Ich besorgte mir Literatur zum Thema Kausalität begann wieder, mich in ein neues Fachgebiet einzuarbeiten, diesmal ein philosophisches. Nachdem seit Aristoteles zur Kausalität geforscht und diskutiert wird, ohne daß sie bisher in ihrem Wesenskern verstanden ist,  erschlug mich die Unmenge an Ansätzen, Hypothesen und Theorien, die es zu ihr gab.

Zu meinem Bedauern zog sich die Physikerin nun aus der gemeinsamen Arbeit zurück. Ihre Begründung war, daß seit der Entdeckung der Quantenphysik Kausalität für die Physik kein Thema mehr sei.

 

Während ich nach einer Möglichkeit suchte, die funktionale Regelvariante mit der Kausalität in Übereinstimmung zu bringen, wies Anatol mich darauf hin, daß ich bei der Beschreibung der Regeln zwar drei Variable, X, Y und Z, genannt, ihnen aber keine Eigenschaften zugewiesen hatte. Eine Variable fordere aber von den Größen, die in sie eingesetzt werden, eine Eigenschaft, die diese erfüllen müssen.

Ich verlor viel Zeit mit der Suche nach diesen Eigenschaften. Obwohl ich auf die Ursache-Wirkungs-Beziehung fixiert war, und mir deshalb erst einmal den Kopf zerbrach, welche Eigenschaft alle Ursachen, die es je gab, gibt und je geben wird, miteinander gemeinsam haben könnten, fiel mir plötzlich auf, daß die Tatsache, Kausalität als Beziehungsverhältnis zu sehen, sich der prädikativen Art des Denkens verdankt. Es fehlte also die funktionale Sichtweise, aus der sie sich anders präsentiert. Aus diesem Grund also war Kausalität bisher ein Rätsel geblieben. Doch wenn sie nicht nur ein Beziehungsverhältnis war, was war sie dann?

Bevor sich diese Frage beantworten ließ, mußte noch Anatols Frage nach dem „und“ in den beiden Regeln beantwortet werden – es handelte sich bei ihm nicht um eine  Konjunktion, das heißt: das „und“ ist kein mathematischer Operator – , denn in diesem Fall wären X und Y vertauschbar gewesen. Das aber schloß ich kategorisch aus – und nun hätte ich eigentlich die Frage  nach den Eigenschaften beantworten können und müssen, aber manchmal kann das Brett vor dem Kopf recht dick sein, 🙁

 

Ich trat aus der Xing-Community aus, nachdem die Plattform umgebaut wurde und schrieb stattdessen unter Pseudonym in einem Wissenschaftsblog des Verlags Spektrum, den scilogs. Auf dieser Plattform haben Wissenschaftler verschiedener Disziplinen ein Blog, in dem sie zu ihrem Fachgebiet schreiben. Auch wer nicht zur scientific community gehört, kann hier mitdiskutieren. Das gab mir Gelegenheit, meinen Ansatz vor- und zur Diskussion zu stellen. Sowohl aus den Beiträgen der Wissenschaftler als auch aus den Diskussionen zu anderen Themen, die meines berührten, nahm ich viel mit, mußte einiges korrigieren und ergänzen, das ich vorher nicht gewußt hatte, bzw. von dem ich nicht wußte, daß es relevant war. Insbesondere ein Biologe, Gerhard B., der zwar selbst kein eigenes Blog führt, aber in verschiedenen Blogs  kompetent diskutiert und bei meinen Beiträgen nachfragte, zeigte Interesse an meinem Ansatz. Wir kamen schließlich auch per mail ins Gespräch, und für mich ergaben sich daraus wertvolle Einsichten, denen ich Rechnung tragen mußte.  Er war es schließlich auch, der mich auf die Eigenschaften der Variablen hinwies – er nannte es trivial. Das war es auch, und ich hätte ebenfalls längst darauf kommen müssen: Die Eigenschaften sind zeitlicher Natur: X steht für Größen, die Vergangenheit haben, Y für solche, die in der Gegenwart hinzukommen müssen, und Z für die, die daraufhin in Zukunft existieren werden – oder auch nicht mehr existieren.

Da es sich bei den Regeln um kausale handelt, hätte mir das klar sein müssen, da die prädikative Regel ja den Zeitpfeil vorschreibt. Nur wurde mir erst mit diesen von den Variablen geforderten Eigenschaften klar, daß die Wirklichkeit, die wir erleben, für uns deshalb in dieser zeitlichen Richtung abläuft, weil es eine Grundregel gibt, die sie mit ihren Variablen vorschreibt. Und sie, diese Grundregel, mußte es bereits zum Zeitpunkt der Entstehung unseres Universums gegeben haben, weil anderenfalls die Dinge ganz anders gelaufen wären. Sie mußte ich noch formulieren und zuordnen.

 

 

12. Das Gesetz, die Varianten, das Regelwerk

Der Mathematiker Wolfgang Heinrich, den ich ebenfalls in der Xing-Community kennengelernt habe, half mir bei der Entwicklung eines Theorienetzes. Ich war skeptisch, da er dazu die Prädikatenlogik wählte, denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß sich mit ihr die Regeln der funktionalen Variante korrekt darstellen lassen würden. Aber Anatol meinte, im Grunde könne man dafür jeden Formalismus verwenden. Das machte mir einmal mehr klar, daß auch Wissenschaftler, die meinen Ansatz kennen, immer noch keine genaue Vorstellung von dem haben, was ich eigentlich herausgefunden habe, und das, obwohl wir schon so lange zusammen arbeiteten.

Die Prädikatenlogik mußten wir in dem Moment aufgeben, als Gerhard die Eigenschaften  der Variablen erwähnte, doch durch die Arbeit am Theorienetz wußte ich nun, wie ich das Regelwerk anlegen mußte. Und schließlich wurde ich durch einen weiteren Mathematiker, Andreas Malczan, darauf hingewiesen, daß es schwierig sei, meinen Ansatz nachzuvollziehen, da ich die Regeln nicht präzise beschrieben hatte. Es waren kausale Regeln, das ja, aber was war das für ein Gesetz, das sie ausführten? Es lag für mich auf der Hand, daß die Kausalität dieses Gesetz sein mußte, aber welche Art von Gesetz ist sie?

Anatol schlug vor, statt von einem Gesetz von einem synthetischen Urteil à priori zu sprechen, aber ich war nicht überzeugt, daß damit für Jedermann klar sein würde, worum es sich handelte. Und da ich seit der Entwicklung des Theorienetzes wußte, daß es eine Grundregel enthalten muß, und diese Grundregel für die Variablen nicht nur die zeitlichen Eigenschaften vorschreibt, sondern auch die Größen, die in diese eingesetzt sind, mußten auch diese noch formuliert werden. Da aus Sicht der Physik die Zeit nicht getrennt vom Raum gedacht werden kann, konnte es sich bei den Größen der Grundregel nur um die räumlichen Dimensionen handeln, die ich den zeitlichen Eigenschaften nur noch zuordnen mußte.

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Daß es sich bei diesem Regelwerk nicht um eine physikalische Lösung handeln konnte, ist evident. Aber Kausalität war von jeher Gegenstand der Philosophie, und somit war sie mit dieser Lösung auch in dem zuständigen Fachgebiet geblieben.

Doch auch dies war nicht das Ende dessen, was noch erklärt werden mußte. Noch immer hatte ich nicht gesagt, was Kausalität denn nun ist. Aus den vielen Gesprächen, die ich mit Peter führte, und den Diskussionen in den scilogs ergab sich schließlich, daß Kausalität ein Systemgesetz sein müsse, das in zwei Varianten, die ihrerseits Systemgesetze sind, vorliegt und deren Aussagen von den kausalen Regeln ausgeführt werden. Die Entscheidung, sie nicht als synthetisches Urteil zu sehen, war damit richtig. Denn einem Urteil Regeln zuschreiben zu wollen, hätte mich in Bedrängnis gebracht. Damit war aber nun endlich klar, was die Regeln inklusive der Grundregel sind:

Sie sind, was mit dem Begriff Information beschrieben wird.

Mit dem Einzug der Technologie  in die moderne Wirklichkeit war der Begriff Information polysem geworden, was dann auch zu den Verwirrungen bei der Erforschung des menschlichen Gehirns und zur falschen Bezeichnung „Informationsverarbeitung“ für dessen Arbeitsweise geführt hat.

Als Information sind die Regeln Anweisungen zum Aufbau der Materie zu raumzeitlich strukturierten Körpern. Die Regeln informieren die Materie, wie und in welcher räumlichen Reihenfolge die Materieteilchen angeordnet sein müssen, bzw. wie und in welcher zeitlichen Reihenfolge gearbeitet werden muß. Diese raumzeitliche Information liegt allem in diesem Universum zugrunde, angefangen bei den Protonen und Neutronen bis hin zu Planeten, Sonnensystemen und Galaxien; von der DNA über die einzelnen Zellen bis hin zu Pflanzen, Tieren und Menschen – und schließlich auch dem Gehirn und seiner jeweiligen Arbeitsweise.

 

Nachdem Kausalität bisher nur als Beziehungsverhältnis verstanden wurde, die funktionale Variante jedoch unbekannt war, hatten sich all diese Fragen nicht beantworten lassen. Zu wenig oder auch gar nicht beachtet wurde, daß Kausalität ein dreiteiliges Konzept ist, sie nicht nur aus einer Ursache und der darauf folgenden Wirkung besteht, sondern daß die Ursache sich aus zwei Sachverhalten zusammensetzt, einem, der bereits vorhanden ist und Vergangenheit besitzt, und einem, der in der Gegenwart als ursächliches Ereignis hinzukommt. Erst beides gemeinsam führt dann zu einer Wirkung.

Die Tatsache, daß Kausalität bisher nur als ein Beziehungsverhältnis gesehen und ihre funktionale Variante unterschlagen wurde, war wohl der hauptsächlicher Grund, weshalb das Rätsel Kausalität sich nicht lösen ließ. Denn das Problem mit der funktionalen Variante bestand in der Reihenfolge ihrer Variablen, mit der die Zukunft in der Vergangenheit vorkommt und die Gegenwart an die Zukunft anschließt. Auch dieses Problem konnte nun gelöst werden, als mir die Ähnlichkeit im Verhalten von Quantenobjekten einerseits und dem Denken (und Verhalten) von ADHS-Menschen andererseits auffiel, beide unterliegen der funktionalen Variante der Kausalität: ob es das Verhalten der Teilchen am Doppelspalt ist, die am Ziel ansetzen, wenn man dieses markiert, und dann, wenn dies nicht der Fall ist, sich wie eine Welle verhalten und das typische  Muster am Beobachtungsschirm verursachen; oder ob es das Verhalten einer ADHS-Person ist, die antworten und handeln kann, wenn sie den Zweck kennt, aber dann, wenn dieser nicht genannt wird, orientierungslos agiert und nachfragen muß – ohne eigentlich zu wissen, wonach sie fragen soll.


Ich hatte nicht erwartet, so tief einsteigen zu müssen, nur um zu erklären, worin sich Menschen mit ADHS von Menschen ohne ADHS unterscheiden. Ich hatte nicht erwartet, daß sich eine Begründung für zwei verschiedene Arten der Arbeitsweise bei menschlichen Gehirnen in diesen Dimensionen abspielt. Und mir fiel wieder der o. g. Ausruf einer der Teilnehmerinnen aus meiner SHG ein: „Ist das eine einfache Lösung. Wieso ist da noch niemand drauf gekommen?“

 

Was damals mit einem Heureka begann, mit der unerwarteten Entdeckung, daß die vermeintliche Aufmerksamkeitsstörung sich der komplementären Arbeitsweise verdankt, mittels derer das Gehirn einer Minderheit die Welt und das Wissen über sie im Kopf erschafft, hat in den darauffolgenden Jahren Ausmaße angenommen, für die es keinerlei Erwartung gab.

Waren es zunächst nur zwei Regeln, die sich in der Abfolge ihrer Variablen unterschieden und die spezifiziert werden mußten, folgte daraus die Feststellung, daß es sich um kausale Regeln handelte. Dies wiederum machte es notwendig, zu eruieren, was Kausalität ist, wenn sie nicht nur die Ursache-Wirkungs-Beziehung sein kann, mit der zwar die prädikative, nicht aber die funktionale Variante berücksichtigt wird. Die Frage, ob sie ein synthetisches Urteil à priori oder ein fundamentales Gesetz ist, entschied ich zugunsten des letzteren. Diese Entscheidung erwies sich insofern als richtig, weil sich mit ihr die Notwendigkeit ergab, Kriterien zur Ermittlung von Systemgesetzen zu entwickeln. Denn auch für sie fehlt bisher eine wissenschaftliche Bestimmung: Einige sehen in ihnen ein Pendant zu den Naturgesetzen, für andere sind sie partielle Gesetze, die sich jedes System selbst gibt. Sie reichen dann von der Verfassung und dem BGB bis hin zu Regeln, die sich ein Unternehmen gibt.

Mit der Formulierung von Gesetzeskriterien und den Aussagen der Systemgesetze habe ich versucht, Systemgesetzen als philosophischen Gesetzen eine logische Basis zu geben, um sie fortan bestimmen (definieren) zu können.

Die Forderung nach einer Spezifikation der Regeln hatte noch weitere Auswirkungen: Mit der Zuweisung von Eigenschaften, welche die Variablen verlangen, änderte sich die Vorstellung von einer Grundregel, die beide Varianten in sich vereinigt, zur Information mit der Angabe von Zeit und Raum, um mittels kausaler Regeln das Universum, die Welt und die Wirklichkeit zu bauen, inklusive unserer selbst. Hilfreich waren dazu die Arbeiten der Physiker Ambjoern, Jurkiewicz und Loll, die mithilfe kausaler Regeln ein Modell der Raumzeit entwickelten und dabei auch entdeckten, daß diese im sehr kleinen Maßstab keine vier Dimensionen (drei räumliche, eine zeitliche) mehr aufwies, sondern nur noch etwas mehr als zwei und aus fraktalen Strukturen zu bestehen scheint.

Mit der Struktur der kausalen Regeln und ihrer Anwendung ergab sich zudem die Erklärung des Begriffs der Information und schließlich die Erkenntnis, daß auf der Basis der Kausalität Alles mit Allem zusammenhängt. Und wenn Goethe seinen Faust sagen ließ, „daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“, dann lautet die Antwort darauf, daß das die Kausalität als das Erste Prinzip ist!

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