Neue Wege
 /  Neue Wege

Neue Wege

 

3. Eine neue Richtung

Mit einer Zusammenfassung meiner Beobachtungen und der Hypothese, daß unser Wissen entweder nach der Vorschrift der Regel des Aktionsschemas oder nach der Vorschrift der Produktionsregel in den Kopf kommt, wandte ich mich nun direkt an Dörner – und er war der erste, der auch sofort wußte, wovon ich sprach. Wir verabredeten einen Termin, an dem er mich zunächst aus dem Konzept brachte, indem er mich begrüßte mit: „So habe ich Sie mir vorgestellt“, und dann ein weiteres Mal mit der Frage: „Haben Sie die Integrationsformel?“

Nein, ich hatte nichts dergleichen, ich wußte nicht einmal, wovon er sprach.

Wir machten schließlich aus, daß er sich die Sache ansehen wolle.

Ich fragte Tim, was Dörner mit Integrationsformel gemeint haben könnte, er wußte es auch nicht. Er und Dörner kamen schließlich zu einer Untersuchung zu uns. Die Teilnehmer, die ich für diese Untersuchung gewinnen konnte, hatten alle ADHS. Sie mußten verschiedene Aufgaben lösen, die Dörner bereits u.a. in seiner „Logik des Misslingens“ beschrieben hatte. Anschließend meinte er, meine Annahme träfe zwar zu, aber mehr könne er nicht tun. Ich bat ihn, mir wenigstens zwei Begriffe vorzuschlagen, um die beiden Gruppen zu benennen. Schließlich könne ich ja nicht gut sagen, die Menschheit lasse sich unterscheiden in die Gruppe der von ADHS betroffenen und in die Gruppe der nicht von ADHS betroffenen Menschen.

Dörner sagte: „Nennen Sie es prädikativ und funktional, das ist eine Theorie von Inge Schwank, einer Mathematikerin am Institut für Kognitive Mathematik der Universität Osnabrück. Prädikativ heißt: Denken in Begriffen und Beziehungen, und funktional heißt: Denken in Prozessen und Wirkungsweisen.“

Das war exakt, was ich in der Zwischenzeit ebenfalls herausgefunden, allerdings etwas anders formuliert hatte, und ich war total verblüfft, es nun von ihm zu hören. Deshalb also hatte er sofort gewußt, wovon ich gesprochen hatte.

 

Ein paar Tage später rief ich Frau Schwank an und fragte: „Wissen Sie, daß das, was Sie die funktionale Art des Denkens nennen, in unserer Gesellschaft  unter dem Begriff Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung läuft?“

Sie war erst einmal perplex und meinte dann, wenn das zuträfe, das wäre ja der Hammer!

Ich fuhr zu ihr nach Osnabrück und wir beschlossen, ein gemeinsames Projekt durchzuführen, mit dem wir untersuchen wollten, ob wir tatsächlich von derselben Sache reden –  ob ADHS-Personen zur Gruppe der funktional-logisch denkenden Personen gehören. Sie zeigte mir außerdem, was sie am Institut auf diesem Gebiet machten und welche Diagnoseinstrumente sie entwickelt hatten, die bei einem gemeinsamen Projekt zum Einsatz kommen sollten, und ich erzählte von meinen Beobachtungen.

Wir stellten fest, daß wird nicht nur auf unterschiedliche Weise zur selben Entdeckung gekommen, auch unser Schwerpunkte in dieser Sache waren verschieden. Frau Schwank beschäftigt sich mit der Erforschung der Unterschiede der beiden Arten und der Entwicklung geeigneter didaktischer Materialien und Methoden für den Unterricht, ich suchte nach der richtigen Beschreibung der ADHS-Ursache, an der sich die Unterschiede festmachen ließen.

 

 

4. Die Logik des Mißlingens bei wissenschaftlichen Untersuchungen

Ein Vierteljahr später begannen wir mit unserem Projekt an mehreren Schulen des Landkreises Traunstein mit 49 ADHS-diagnostizierten Kindern.

Ich war enttäuscht, daß Dörner das Interesse verloren hatte, aber Tim klärte mich darüber auf, daß in der Wissenschaft der Grundsatz gelte, daß derjenige, der eine Idee hätte, sie auch entwickeln und erklären müsse. Bisher hätte ich dies noch nicht getan, und ich könne nicht erwarten, daß man mir meine Idee zur Theorie entwickele, um sie mir dann zu erklären.

Ich fragte ihn, ob er mir helfen würde, sie zu entwickeln und er sagte ja.

Er sagte mir, was ich lesen müsse, ich machte eigene Vorschläge, denen er zustimmte. So erhielt ich einen crash-Kurs in Kognitiver Psychologie und die Grundlage, um wissenschaftlich arbeiten zu können. Ohne Tims Hilfe wäre mir nicht möglich gewesen, die Arbeitsweisen menschlicher Gehirne zu beschreiben, sondern auch die Frage zu beantworten, was ihnen zugrunde liegt.

 

Daneben begann ich mit einer eigenen Versuchsreihe, mit zunächst 15 Kindern (im Verlauf der Zeit waren es schließlich 35 Kinder) im Alter von vier bis sechs Jahren. Für die  Beobachtungen erhielt ich die Erlaubnis, sie in einem Kindergarten durchführen zu dürfen. Von Tim lernte ich, wie man einen solchen Versuch aufbaut. Wir suchten nach einem geeigneten Diagnoseinstrument, eine seiner Diplomandinnen testete das Zoospiel von Hussy und Fritz-Stratmann, das sich aber als ungeeignet erwies.

Ich probierte es mit Puzzles, damit waren wir erfolgreich. Schließlich entschied ich mich auch noch für ein Baukastenspiel, „Baufix“, mit dem mehrere Versuchsreihen möglich waren. Die zu untersuchende Hypothese war, daß es zwei verschiedene Arten gibt und ich nannte Kriterien, worin sie sich unterscheiden.

In der ersten Versuchsreihe sollten die Kinder ein Modell nur nach gesprochener Anweisung bauen, ohne das Ergebnis zu kennen. Wir erwarteten, daß die prädikativen Kinder gut mit dieser Anleitung zurechtkämen, die funktionalen ADHS-Kinder jedoch erhebliche Schwierigkeiten haben würden. Von ihnen erwartete ich, daß sie noch während der Ausführung ein vermutetes Ergebnis nennen würden – und das traf zu. Für die zweite Versuchsreihe sollten die Kinder ein Modell nach Abbildung bauen. Hier erwartete ich, daß die ADHS-Kinder deutlich besser abschneiden würden als die nicht betroffenen Kinder. Auch diese Annahme bestätigte sich. Die dritte Versuchsreihe war eine Kombination von erster und zweiter Beobachtung – Abbildung plus gesprochener Anweisung. Damit sollten eigentlich alle am besten zurechtkommen. Dies traf jedoch nur bedingt zu: die prädikativen Kinder kamen damit zurecht, die funktionalen Kinder fühlten sich durch die Anweisung gestört: „Du mußt mir das nicht sagen, das weiß ich schon.“

Die Durchführung des Experimentes machte mir jedoch klar, daß, egal wie viele verschiedene Experimente in dieser Art gemacht werden würden, dies nicht der richtige Weg war, um meine These von einer Existenz zweier psychischer Geschlechter zu belegen. Mit keinem Versuch der Welt würde es gelingen, den Unterschied zwischen der prädikativen und der funktionalen Art als auf entweder der einen oder der anderen der beiden Regelvarianten basierend erklären zu können. Denn auch wenn die beiden Regeln in der kognitiven Psychologie bekannt waren, für die Beschreibung der Arbeitsweisen menschlicher Gehirne müßten sie präzisiert werden.

Auf den entscheidenden Grund aber wies Tim mich hin: Das Experiment ist die einzig zugelassene Art und Weise, um Forschungsergebnisse veröffentlichen zu können. Es besteht aus der Hypothese, der Annahme, die untersucht werden soll, der Methode, mit der die Hypothese untersucht wird, und dem Ergebnis, das dann interpretiert wird. Meine Hypothese wäre also gewesen, daß das Gehirn funktional denkender Menschen auf der Basis von Produktionsregeln arbeitet, und das Gehirn prädikativer (normaler) Menschen auf der Basis von Aktionsschema-Regeln. Nun gehören Regeln aber zu den Methoden, man kann sie also weder als Hypothese setzen, noch sie als Ergebnis erhalten. Man kann sie allenfalls ableiten, aber das ist in der Psychologie nicht vorgesehen. Nur: ohne eine ausgeprägte Empirie ist die Veröffentlichung einer Entdeckung nicht möglich. Mit anderen Worten: Ganz gleich, ob meine Annahme richtig ist oder nicht, sie lässt sich nicht veröffentlichen, weil eine solche Entdeckung nicht vorgesehen ist.

Und nach wie vor bestand Tim darauf, Schwank und ich hätten zwei Denkstile entdeckt, nichts anderes. Er machte mir einen Vorschlag, wie ich meine Entdeckung  beschreiben solle – zwei Ausprägungen des Verhaltens, die auf derselben Dimension an den entgegengesetzten Enden  liegen.  Ich sagte: damit würde ich meine Seele verkaufen und das tue ich nicht. Darüber musste er lachen.

Das Projekt an den Schulen verlief nicht, wie wir es erhofft hatten. Das hatte ich schon befürchtet, nachdem ich die Bedingungen für Untersuchungen kannte: Sie bzw. ihr Ablauf entsprachen genau der Aktionsschema-Regel, also dem Schema der prädikativen Variante entsprechend: Die Kinder erhielten verschiedene Aufgaben, von denen jede aus acht Figuren bzw. Symbolen bestand. Die richtige Lösung war eine neunte Figur, welche die acht Figuren logisch ergänzt, die gefunden werden sollte. Die Hypothese war: Aus der Art ihrer Begründung, wie die Kinder zur Lösung gefunden hatten und warum sie ihrer Meinung nach richtig sein mußte, sollte sich erkennen lassen, wie sie an die Sache herangegangen waren: hatten sie auf Beziehungen oder auf Wirkungen geachtet? Erklärt und gezeigt wurde den Kindern, wie sie vorgehen sollten, um zur Lösung zu gelangen – das war die Methode, mit der sie zu einem Ergebnis hätten kommen sollen.

Und an eben dieser korrekten experimentellen Vorgehensweise scheiterten die ersten beiden Studien:

Statt den Kindern ausführlich zu erklären, wie sie vorgehen sollten, hätte man ihnen den Zweck nennen müssen, den wir mit der Lösung der Aufgaben verfolgten. Denn von ihm  und nicht  vom Lösungsweg hängt für diese Kinder, diesen Personenkreis, die Wahl der richtigen Vorgehensweise ab. Den konnten wir ihnen aber gerade nicht sagen, weil der Zweck in der Hypothese enthalten war, und eben die wollten wir ja untersuchen. Damit hatten wir allerdings ganz nebenbei den Grund dafür gefunden, weshalb den Wissenschaften bisher entgangen war, daß es beim menschlichen Gehirn zwar nur eine Funktionsweise, aber zwei Arbeitsweisen gibt – die dazu auch noch als Informationsverarbeitung mißverstanden werden: denn ein menschliches Gehirn vermag keine Information von außerhalb zu empfangen und schon gar nicht zu verarbeiten.

Doch zurück zu unserem Projekt:

 

Da wir den Kindern den Zweck nicht genannt hatten, sie ihn aber brauchten, um zu verstehen, was von ihnen verlangt wurde,  verlegten sie sich aufs Raten: einige setzten irgendeinen Zweck, der ihrer Ansicht nach in die Situation passte. Eine Antwort lautete beispielsweise: „Ich nehm´ die Figur in der Mitte, die ist am schönsten.“, eine andere: „Das hat was mit dem Herzen  zu tun, man soll einen Anderen nicht ausstoßen.“ Ein Kind meinte, das sei sowas wie: das Glas ist halb voll oder halb leer, und ein anderes zeichnete alle Symbole noch einmal.

 

 

5. Das zweite Heureka

Nachdem sich nach der ersten der beiden Untersuchungen herausstellte, daß wir so nicht zum Ziel kommen würden, besprach ich mich mit Tim, der abermals darauf insistierte, es müsse sich um Denkstile handeln. In diesem Gespräch aber fiel ein Stichwort – es löste das zweite Heureka aus, weshalb ich sagte, wir müßten sofort aufhören zu telefonieren, weil ich jetzt „wüßte“, weshalb es keine Denkstile sein könnten.

Ich brauchte ein paar Tage, um nicht ohne Mühe zu erklären, worin der Unterschied besteht und warum es keine Denkstile sein konnten: In diesem Jahr hatte die Zeitschrift „Gehirn und Geist“ das Manifest von elf Hirnforschern veröffentlicht, worin sie erklärten, was sie über das menschliche Gehirn herausgefunden hatten. Was sie bisher jedoch nicht wußten, war, wie das

Gehirn arbeitet, wenn es die Form, die Bewegung bzw. den Ort und die Farbe eines Objektes – die im Gehirn in jeweils verschiedenen Arealen getrennt analysiert werden – , zu einem homogenen Ganzen zusammensetzt. Denn es gibt keinen „Ort“, an dem die Zusammensetzung der Merkmale zu eben diesem Objekt erfolgt. Mein Heureka-Erlebnis war: Das Gehirn geht nach derselben Regelvariante vor, nach der sich auch die Kinder verhalten: es setzt Form (X), Ort /Bewegung (Y) und Farbe (Z) zusammen, und wenn die Regel „erfüllt“ ist, dann synchronisieren die beteiligten Neurone ihre Aktivität: sie schwingen in gleicher Phase.

Als ich Tim fragte, ob nun klar sei, warum es keine Denkstile sein könnten, sagte er nur: „Völlig klar“ – er war nach Dörner der zweite, der verstanden hatte, weshalb ich von zwei Geschlechtern spreche: der Unterschied liegt nicht in der Materie, dem Gehirn, sondern in der Regelung der Prozesse im Gehirn

Das ist der Schlüssel zur Lösung des sogenannten Bindungsproblems – und damit hatten weder Tim noch ich gerechnet.

Als nächstes erklärte ich es Frau Schwank. Die Erklärung fiel zwar nicht in ihr Fachgebiet, weshalb sie immer wieder sagte: „Beispiele, nennen Sie ein Beispiel.“  Nach zwei Stunden aber  stand sie auf und sagte: „ Ja, das ist es. Und das wird die menschliche Gesellschaft grundlegend verändern.“ Sie war die dritte, die es verstanden hatte. Was eigentlich nicht verwunderlich war, schließlich war es ja auch ihre Theorie, sie musste also wissen, in welchen Dimensionen sich die Sache abspielt, auch wenn sie von kognitiven Strukturen gesprochen hatte.

Sie drängte mich, ein Buch zu schreiben, aber ich sagte, dazu sei ich noch nicht in der Lage. Das wollte sie einfach nicht glauben und so schickte sie mir noch in der Nacht, als ich schon wieder auf dem Heimweg war, eine Email: „Ihre Beispiele waren sehr eindrücklich. Es wäre ein Verlust, wenn Ihr Buch nicht zustande kommen würde. Die Botschaft muss doch übermittelbar sein!“

Mit ihrem Einverständnis durfte ich fortan die Begriffe prädikativ und funktional ebenfalls verwenden.

 

 

6. Das erste Buch

Ich schrieb das Buch schließlich doch, packte Teile meiner Untersuchungen aus dem Kindergarten hinein, erklärte den Unterschied mit verschiedenen Beispielen und beschrieb anhand eines Modells, wie Wissen auf die prädikative und wie es auf die funktionale Weise im Gehirn produziert und gespeichert wird.

Das Modell bestand aus drei „Ebenen“, über die der Prozess des Konzepterwerbs verläuft. Die Ebenen entsprachen den Leistungen des Gehirns: 1.wahrnehmen, 2. erkennen, 3. verstehen beim prädikativen, und 1.wahrnehmen, 2.verstehen, 3. erkennen beim funktionalen Gehirn. Und weil bei diesem das Verstehen vor dem Erkennen kommt, brauchen funktionale (ADHS)Menschen die Kenntnis eines Zwecks – um entscheiden zu können, wie sie vorgehen sollen.

 

Mein Modell war zunächst sehr einfach, ich hatte es in Form eines Flussdiagramms beschrieben, es enthielt nur keine Rückkopplungen. Doch ich die Aufmerksamkeit hatte mit eingebaut, und zwar als zwei verschiedene Arten von Aufmerksamkeit, einer eher passiven, die unbewußt ist und einer aktiven, derer wir uns bewußt sind.

Ein Exemplar des Buches schickte ich an Dörner, ein anderes an Prof. Joachim Hoffmann in Würzburg. Hoffmann hatte viel Kontakt zu Frau Schwank gehabt, daher würde er die Begriffe prädikativ vs. funktional kennen. Denn ich wusste, daß ich noch nicht bis zur eigentlichen Erklärung vorgedrungen war, und Hoffmanns Forschungsschwerpunkt  – die antizipative Verhaltenssteuerung – ging in die Richtung, die meinem Ansatz zugrunde lag.

Herr Dörner rief mich an und sagte, die Beispiele seien ja faszinierend. Das Modell hätte ich allerdings etwas genauer erklären müssen – wie genau und was, sagte er leider nicht.

Von Prof. Hoffmann erhielt ich eine mail: auf die Frage, die ihn und Frau Schwank immer wieder beschäftigt habe, hätte ich eine klare und nachvollziehbare Antwort gegeben, wobei er mir besonders in der Betonung der Funktion der Aufmerksamkeit zustimme – er gratuliere zu einer grandiosen wissenschaftlichen Leistung.

Er war der vierte, der meinen Ansatz verstanden hatte. Als ich ihn anrief, um zu fragen, ob ich seine Email als Referenz verwenden dürfe, war er einverstanden und sagte, er habe nie für möglich gehalten, daß ein Laie zu so etwas fähig sei, das sei wirklich ganz selten.

Ein Projekt gemeinsam mit Frau Schwank schloss er jedoch aus Zeitgründen aus.

 

Von Eltern, die das Buch gelesen hatten, kam positives feedback zu den Beispielen – zum ersten Mal hatten sie nicht nur eine Beschreibung, sondern auch eine Erklärung für das Verhalten ihrer Kinder, und sie konnten es zum ersten Mal verstehen.

Die Beschreibung des Modells jedoch hatten sie nicht verstanden.

 

 

7. Noch längst nicht fertig

Da das gemeinsame Projekt mit Frau Schwank bisher nicht zu dem erwarteten Ergebnis geführt hatte, begann ich nun selber – zunächst noch einmal an mehreren Schulen – unsere Diagnoseinstrumente auf ihre Eignung zu testen. Ich entschied mich schließlich für die am Institut für Kognitive Mathematik entwickelten Dynamischen Labyrinthe und besprach mit Frau Schwank den Aufbau dieser Untersuchung. An diesem letzten Versuch nahmen 17 Kinder teil und diesmal stützte das Ergebnis unsere Erwartung. Für eine tragfähige Theorie hätten es allerdings  24 Kinder sein müssen, doch so viele standen uns leider nicht mehr zur Verfügung.

 

Zu meiner Überraschung erfuhr ich einige Zeit später von zwei Informatikern, daß mein Modell so etwas wie die Beschreibung eines Programms war (nein, geschrieben hatte ich natürlich keins). Nun sind und waren meine Computerkenntnisse absolut dürftig, weshalb es mir unwahrscheinlich vorkam, daß ich ein Programm beschrieben haben sollte. Da ich aber wußte, daß ich noch nicht die notwendige Begründung für meine Behauptung geliefert hatte, schrieb ich den Neuroinformatiker Prof. von der Malsburg an. Er antwortete mir, er habe nicht ganz verstanden, worauf ich hinaus wolle, aber wenn es ein Programm sei, solle ich es doch einmal am Computer durchspielen. Oder es mit einer technischen Arbeit versuchen …

Bedauerglücklicherweise läßt sich die Arbeitsweise des gesamten Gehirns nicht am Computer durchspielen, und ich war auch nicht in der Lage, eine technische Arbeit zu verfassen. Deshalb entschied mich für eine nicht-empirische theoretische Version.

Ich nahm mir mein Modell noch einmal vor, strich die Beispiele heraus, arbeitete es konsequent durch, baute die Rückkopplungen ein, die ich beim ersten Mal vergessen hatte, betonte das Faktum, dass es sich um iterative Prozesse handele und schickte die Arbeit von der Malsburg zu.

Nach nicht einmal zwei Wochen bekam ich seine Antwort – und er hatte sich gleich dreimal gefreut: einmal, weil ich seinem Rat gefolgt war, ein weiteres Mal, weil ich gottseidank nicht zu den diversen Spinnern gehöre, die sich an ihn wenden, und ein drittes Mal, weil meine Arbeit ganz eindeutig in das Fachgebiet der Psychologen fällt. Zum Schluss eine „spezifische Anmerkung“, weil ich mich nicht festgelegt hätte: was ist Aufmerksamkeit, ein Subsystem oder ein Prozess?

Ich schaute mir diesen Teil noch einmal an und legte mich fest: sie ist ein Subsystem.

 

Da nun feststand, daß meine Arbeit im Gebiet der Kognitiven Psychologie angesiedelt war, probierte ich noch einmal, wie die Chancen stünden, die Teile, die mir fehlten, über Hinweise durch einen Fachmann zu bekommen. Ich arbeitete meinen Entwurf mit Tims Hilfe noch einmal durch und fügte einleitend die Sätze hinzu:

Vorausgegangen sind meinem Ansatz Überlegungen zur Art und Bedeutung kausaler Zusammenhänge und der damit verbundenen Frage, welche Eigenschaft des Gehirns uns als Individuen in die Lage versetzt, kausale Zusammenhänge zu erkennen.(…) gehe ich davon aus, dass die Fähigkeit, Kausalzusammenhänge erkennen zu können, eine Eigenschaft des Gehirns sein muss. Dies wäre der Fall, wenn das Gehirn für den Erkennungsprozess nach der gleichen Regel arbeitet, wie sie Kausalzusammenhängen zugrunde liegt.“

Damit hatte ich zum ersten Mal darauf verwiesen, dass die Regel nicht nur für menschliches Verhalten und die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns gilt, sondern daß wir mit ihr auch die Welt „außerhalb“ ordnen: Wir haben ein kausales Netz „im Kopf“.

 

 

8. Die wissenschaftliche Landschaft und die Systemtheorie

Mit diesem Entwurf wandte ich mich an Prof. Rainer Mausfeld, Direktor am Institut für Psychologie der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel. Er war überrascht, erklärte sich aber bereit, meine Arbeit zu lesen. Allerdings werde er mir eine ehrliche Antwort geben – nichts anderes erwartete ich -, ich solle ihm sechs Wochen Zeit lassen.

Das Telefonat nach diesem Zeitraum begann er mit den Worten: „Ich habe Ihnen eine ehrliche Antwort versprochen und die bekommen Sie auch: Ihr Ansatz paßt nicht in die derzeitige wissenschaftliche Landschaft.“

Nun, damit hatte ich schon gerechnet, Tim hatte mir ja mehrfach dasselbe gesagt. Mausfeld fuhr jedoch fort:

„ Wie Sie wissen, sind die beiden größten Herausforderungen für die Wissenschaften unserer Zeit die Antworten auf die Fragen, wie funktioniert das Universum und wie arbeitet das menschliche Gehirn. Daran arbeiten weltweit hundertausende von Wissenschaftlern, in die Projekte zu ihrer Erforschung fließen Milliarden. Daß nun ausgerechnet jemand wie Sie kommt, die das Gehirn im Alleingang stemmt und mir die Antwort auf die eine der beiden Fragen auf den Tisch legt, ist im Grunde jenseits aller Wahrscheinlichkeit.“

Meine Erwiderung, daß es an der derzeitigen wissenschaftlichen Landschaft liege, weshalb jemand wie ich darauf gekommen sei und nicht die mit diesem Gegenstand beschäftigten Wissenschaftler, wies er zurück. Er verteidigte die derzeitige wissenschaftliche Vorgehensweise,  erklärte mir, wie ich hätte vorgehen müssen, damit mein Ansatz in dieses System passe (was ich schon wußte),  was ich spezifizieren müsse (z. B. den Begriff „Ebenen“ erklären) und daß ich sämtliche Versuche der Wissenschaftler, auf deren Arbeiten ich verwiesen hatte, mit eigener Aufgabenstellung unter Laborbedingungen wiederholen müsse. Und zumindest darin waren wir uns einig, daß ein solches Unterfangen utopisch wäre: Allein die Kosten würden in der Größenordnung der Gelder für die Rettung Griechenlands oder der Verluste durch die Corona-Lockdowns liegen,  und ich müßte noch mindestens dreihundert Jahre leben, um sämtliche erforderlichen Experimente, auf die ich mich berufen hatte, zu wiederholen – und wäre dennoch nicht dort angekommen, wo ich jetzt schon war.

Auch ihm war das klar, denn er sagte: „Versuchen Sie es gar nicht erst, das schaffen Sie nicht.“ Ich fragte, ob ich die Systemtheorie brauche und er meinte: „Oh Gott, nicht das auch noch.“ Abschließend empfahl er: „Und versuchen Sie nicht, den Leuten zu erklären, was Sie entdeckt haben – man muß die Materie kennen, um zu verstehen, wovon Sie sprechen. Wenn Sie die Leute ständig korrigieren, wird man Sie für arrogant halten.“ Am Ende des Gesprächs gab er mir auf den Weg: „Und passen Sie gut auf sich auf – Sie wären nicht die erste in der Geschichte der Menschheit, der eine bahnbrechende Entdeckung gelungen ist und die daran verzweifelt, daß ihr zu Lebzeiten der Durchbruch nicht gelingen kann. Aber die Wissenschaft ist eine große Masse und große Massen sind träge.“

Da ich nicht den Ehrgeiz hatte, berühmt werden zu wollen – auch wenn ich einmal gesagt hatte, daß ich entweder in die Geschichte eingehen oder an ihr eingehen würde – , sah ich diese Gefahr nicht. Mir lag zwar an der Anerkennung meiner Leistung, aber die hatte ich ja eigentlich schon erhalten. Viel wichtiger war mir, daß erst mit einem Durchbruch die Chance gegeben war, Millionen von Menschen, die unter den Reaktionen auf ihr Anderssein litten, deren wahre Natur zu vermitteln, sie auf ihre Weise zu unterrichten und zu fördern und die menschliche Gesellschaft mit deren Begabung, komplexe Probleme effizient lösen zu können, voran zu bringen.

Immerhin, Mausfeld war der fünfte, der wußte und verstanden hatte, wovon ich rede. Was ich dagegen damals noch nicht verstanden hatte – oder nicht verstehen wollte -, war, daß es nicht darauf ankommt, ob eine Erkenntnis zutreffend (wahr) ist, sondern daß sie ins derzeitige Paradigma passen muß. Ich wußte damals auch noch nicht genug über Systemgesetze, um zu verstehen, daß sie so funktionieren.

Was ich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wußte, ist, daß die Wissenschaften, als sie im Zuge ihrer Transformation nach der Aufklärung einen Schöpfergott eliminiert hatten, sich damit auch ein Problem eingehandelt hatten: War man zu einer Erkenntnis gekommen, beanspruchte man für sie, daß sie wahr sei. Die Instanz aber, die die Wahrheit dieser Erkenntnis garantierte, war Gott. Nachdem man sich nun aber nicht mehr auf ihn berufen konnte, änderte sich die Ausrichtung der Wissenschaften: sie streben nicht mehr nach Erkenntnis, sondern nach Erfahrung. Eine wahre Erkenntnis gibt es nicht mehr, sondern nur verschiedene Theorien, die dasselbe Thema haben, die gleichberechtigt nebeneinander stehen, bzw. miteinander konkurrieren.  Und da nun der Mensch im Mittelpunkt ihrer Forschung steht, arbeitet sie gesellschaftsrelevant und nutzenorientiert.

Nun wäre die Entdeckung zweier Arbeitsweisen bei menschlichen Gehirnen zwar beides – aber da nicht mehr von Erkenntnis gesprochen wird, kann für sie auch kein Anspruch auf Wahrheit erhoben werden.

Fortsetzung: Was die Welt im Innersten zusammenhält

Impressum

Verantwortlich für Webinhalt
Elisabeth Dägling
E-Mail: info@kausalitaet-und-adhs.de

Illustrationen
Marion Dägling
E-Mail: marion@madae.de

Konzeption und Produktion Web
mw ² >multidesignstudio
München
www.mw2.org

Haftungshinweis:

Trotz sorgfältiger Prüfung und ständiger Aktualisierung können wir keine Haftung für die auf dieser Webseite veröffentlichten Inhalte übernehmen. Dies gilt auch für die Seiten, die von dieser Seite aus verlinkt sind. Für deren Inhalt sind ausschließlich die Betreiber der Webseiten verantwortlich. Ebenso betrifft das Seiten, die mittels Link auf diese Seite verweisen. Des weiteren behalten wir uns das Recht vor, Änderungen oder Ergänzungen der hier bereitgestellten Informationen vorzunehmen.

Das Copyright der auf dieser Seite verwendeten Texte u. Illustrationen liegt bei E. Dägling. Das Verwenden der Texte ist nur nach Rücksprache möglich.