Untersuchungen mit Kindern 1
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Untersuchungen mit Kindern 1

Die in diesem und in „Untersuchungen mit Kindern 2“ beschriebenen  Beobachtungen stammen aus meinem Buch „Vom Gewahrwerden zum Bewusstsein“, das im Reiner Saunar Verlag erschienen und dort auch erhältlich ist. Die Untersuchungen fanden im Jahr 2004 statt. Mit ihnen wollten wir testen, ob sich der Unterschied zwischen prädikativem und funktionalem Grundverständnis auch schon im Kindergartenalter feststellen läßt. Der Text wurde für die Veröffentlichung auf der Homepage leicht abgewandelt.

Puzzles

Die Puzzleaufgaben wurden mit einer Gruppe von zwölf Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren durchgeführt. Die Puzzles waren vom Schwierigkeitsgrad her dem Alter angemessen, und bestanden aus je zwanzig Teilen. Untersucht wurde,

  1. auf welche Merkmale achtet das Kind beim Zusammensetzen der Puzzleteile:
  2. a) Form und Farbe der Teile oder
  3. b) Gedächtnis / Bild der Vorlage im Kopf

Form und Farbe sind statische Merkmale. Die Orientierung an ihnen wäre ein Hinweis, dass dieses Kind der Gruppe der prädikativen, normgesteuerten, Kinder zuzurechnen wäre. Notwendig wäre eine Beachtung dieser Details, um zum Ziel zu kommen.

Für funktionale AD(H)S-Kinder müsste dagegen die Beachtung der einzelnen Details weniger notwendig sein; wir nahmen an, dass sie sich an anderen Merkmalen orientieren werden. Wichtig wäre hier die Kenntnis der Vorlage (als Zielvorstellung), nach deren Bild die einzelnen Puzzlestücke identifiziert und an ihre Position im Puzzle platziert werden müssten. Dazu sollte untersucht werden,

  1. wie wird gearbeitet:
  2. a) eins nach dem anderen / systematisch abgleichend, oder
  3. b) simultan /kombinierend.

Ein abgleichendes, systematisches Vorgehen „eins nach dem anderen“ entspräche dabei dem prädikativen Wahrnehmen und Denken. Dazu sollten die einzelnen Puzzleteile sorgfältig gemustert, verglichen und auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht werden. Diese Vorgehensweise betrachten wir als Kriterium für ein prädikatives Grundverständnis,  das zu einem mit Zuständen operierenden Denken führt.

Als simultan/kombinierend beschreiben wir folgendes Verhalten: die Hände sind simultan mit verschiedenen Tätigkeiten beschäftigt, nicht statische Merkmale werden verglichen sondern Positionen: die einzelnen Puzzleteile werden mit Blicken überflogen, um diejenigen auszumachen, die an verschiedene Stellen der bereits fertiggestellten Teilstücke angesetzt werden können. Dabei werden mitunter zwei verschiedene Puzzlestücke simultan ergriffen, obwohl sie an verschiedene offene Stellen der Teilstücke eingesetzt werden müssen. Die Auge-Hand-Koordination unterscheidet sich von der oben genannten darin, dass, noch während ein Puzzlestück eingesetzt wird, der Blick schon wieder zu den freien Teilen wandert, um eines auszumachen, das als nächstes eingesetzt werden kann. Diese Vorgehensweise betrachten wir als Kriterium für ein funktionales Grundverständnis, das zu einem dynamisch operierenden Denken führt .

Die unter a) genannten Merkmale sind in den nachfolgenden Protokollen unterstrichen, die unter b) genannten Merkmale sind kursiv gesetzt.

 

1) Marco[1], sechs Jahre alt.

Marco schaut zunächst die Vorlage an, kippt dann alle Teile aus, dreht aber nicht alle um. Er schaut nicht mehr auf die Vorlage. Er setzt die ersten Teile zusammen, indem er sagt: „Das da – passt – glaube ich – hierhin.“ Er greift die einzelnen Teile sehr zielstrebig, achtet nicht darauf, dass eines am Rand liegt – es fällt zu Boden. Er hebt es auf, sagt: „Das sind die mit den Giraffen.“ Setzt wieder ein Teil ein, sagt dabei vor sich hin: „Der Elefant,“ und fragt dann Augenblicke später: „Und wo ist das jetzt mit dem Elefanten?“ Er dreht, um einzelne Puzzleteile einzusetzen, mit der einen Hand das inzwischen entstandene Teilstück auf dem Tisch in verschiedene Positionen, je nachdem, an welcher Stelle er das nächste Puzzleteil einsetzen muss, um es mit der anderen Hand einzufügen. Er scheint zu wissen, an welche Stelle die einzelnen Teile gehören, da er das fertige Teilstück entsprechend dreht. Während er ein Teil einsetzt, geht der Blick schon wieder zu den übrigen Teilen hinüber. Er sagt nun, während er die Teile einfügt: „Das da – da! Und das glaube ich – da!“ Nachdem er gut die Hälfte geschafft hat singt er vor sich hin, stützt den Kopf auf. Dabei fällt wieder ein Teil zu Boden. Er hebt es auf, legt es zurück und schaut zu dem Teil, das ihm zuerst hinunter gefallen ist. Er nimmt es und sagt: „Giraffen kommen hierhin.“, setzt das Puzzlestück ein. Sagt wieder, während er die nächsten Teile in gewohnter Weise einsetzt: „Das da – glaub ich – hierhin – ja!«Greift nach den letzten beiden Teilen ohne sie anzuschauen, sondern betrachtet das fast fertige Puzzle – ein Teil fehlt am oberen, eins am unteren Rand – er setzt beide fast gleichzeitig an den verschiedenen Stellen ein.

 

2) Christoph, fünf Jahre alt.

Er schaut die Vorlage flüchtig an, guckt kurz zur Assistentin hinüber und lächelt. Fängt sogleich an, die ersten Teile des oberen Randes zusammen zu setzen, ohne zuvor alle Teile umgedreht zu haben. Er redet die ganze Zeit: „Des da brauch ich da, des da brauch ich da, des weiß ich, oh Manno, des gehört so“ (dreht ein Teil auf dem Tisch herum). Er arbeitet zunächst von oben nach unten, greift parallel immer wieder zu Randteilen, um die Ränder fertig zu stellen. Greift häufig zwei Puzzleteile gleichzeitig. Schaut während er die einzelnen Puzzleteile in das entstehende Teilstück einfügt immer zu den einzelnen Teilen hin und legt Randteile wieder hin, sobald er ein Teil entdeckt hat, das in der Mitte eingesetzt werden kann: „Brauch ich die Mickeymaus jetzt..“ Geht etwas zur Seite, um das Puzzle aus anderer Perspektive zu betrachten. Erkennt, dass die Assistentin etwas nicht verstanden hat und fragt: „Soll ich´s noch mal sagen?“ Er scheint sich parallel zum Puzzlen zu bemühen, so zu arbeiten, dass die Assistentin mit dem Schreiben mitkommt. Hat an einer Stelle Schwierigkeiten, ein Teil einzufügen: „Wie soll das..?“ Auf den Vorschlag der VL, das Teil zu drehen, dreht er das ganze Puzzle und fragt etwas überrascht: „So?“, setzt das Teil ein und dreht dann das Puzzle wieder zurück. Freut sich, als er fast fertig ist: „Bin gleich fertig, nur noch vier Teilenur noch zwei, das gehört da rein und das da lang.“

 

3) Ivo, fünf Jahre alt.

Ivo wartet, dass er anfangen darf, schaut in die Kamera. Er fängt mit den Eckteilen an, die er nach eingehender systematischer Musterung und einem kurzen Vergleich richtig an die vier Ecken legt. Schiebt dann die anderen Teile mit schnellen Bewegungen beider Hände auseinander, verteilt sie über die freie Fläche, dreht aber nicht alle Teile um. Nimmt ein Teil und versucht es zunächst am linken unteren Eckteil anzusetzen, dann versucht er es am anderen, rechten unteren Eckteil, prüft und setzt es danach richtig am Eckteil ein. Schaut die Teile auf dem Tisch an, prüft ein paar Mal durch systematisches Abgleichen zwischen den freien Puzzleteilen und dem unteren Eckteil, nimmt ein weiteres Teil und setzt es am linken Eckteil ein, versucht nun, diese unteren Teilstücke zusammen zu setzen. Erkennt, dass es nicht passt, schiebt sie wieder auseinander. Dreht nun mit beiden Händen alle Puzzleteile um. Mit systematischem Blickvergleich zwischen den losen Teilen und den bereits fertig gestellten mustert er mehrmals die losen Teile, bevor er eines nimmt, um es dann an der Stelle einzusetzen, an der er gerade arbeitet. Findet er keines, schaut er sich eine andere Stelle des fertigen Teilstückes an, um nun für diese Stelle ein geeignetes Puzzleteil ausfindig zu machen. Vergleicht dabei die Form der Puzzlestücke miteinander. Greift einzelne Teile, aber nacheinander, setzt sie an die bereits vorhandenen Teilstücke des Puzzles an, hält dabei das Teilstück mit der anderen Hand fest. Setzt schließlich die einzelnen Teilstücke zusammen.

Möchte ein zweites Puzzle machen, lässt die Teile diesmal im Karton, sagt, nachdem er von der VL aufmerksam gemacht wird, dass die Vorlage sich auf der Unterseite des Kartons befindet: „Das Bild brauch ich nicht, nur die Teile.“ Holt sich ein Teil nach dem anderen heraus, arbeitet wieder schnell und konzentriert, sagt nur einmal: „Ich hab schon mal ein Puzzle mit über hundert Teilen gemacht.“ VL fragt, woran er erkennt, dass die Teile zusammengehören. Er zeigt auf eine Kontur, sagt: „Dass das so ist.“ Frage von VL: „Was ist denn das gerade, was du da zusammengesetzt hast?“ (zeigt auf eine Blume). Er zuckt die Schultern, ohne die Arbeit zu unterbrechen. Greift fast immer nach dem richtigen Teil, muss kaum probieren, ob das Teil passt. Erkennt ein Puzzleteil nicht, welches er auch erst zum Schluss einbaut, meint: „Da fehlt ein Teil.“ Er hat von oben nach unten gearbeitet, erkennt erst am fertigen Motiv, nachdem er es einen Moment lang angeschaut hat, dass es auf dem Kopf steht und dreht es herum.

 

4) Dieter, vier Jahre alt.

Er kippt die Teile aus, dreht nicht alle um. Schaut die Vorlage nicht mehr an. Er orientiert sich am „Spitz.“ Setzt die einzelnen Teile nicht auf der Tischplatte zusammen, sondern hält sie zunächst aneinander, um zu prüfen, ob sie passen. Probiert immer einzelne Teile aus, ob das »Spitz« passt, legt sie wieder zurück. Erkennt häufig nicht, dass das Teil vom Motiv her gar nicht passen kann. Er schaut unter den losen Teilen nicht nach einem passenden, sondern geht umgekehrt vor: Er greift nach irgendeinem losen Teil, schaut, ob es an die Stelle passt, an die er es anfügen will, legt es wieder weg, wenn es nicht passt, greift nach dem nächsten und verfährt in gleicher Weise. Mitunter dreht er ein Puzzlestück in der Hand und versucht es noch einmal an der gleichen Stelle anzusetzen. Schüttelt immer wieder den Kopf, sagt: „Das passt nicht.“ Frage der VL: „Welche Teile baust du denn da gerade zusammen, was ist denn das?“ Er schaut einen Augenblick auf das bislang Fertiggestellte, schaut dann VL an, antwortet aber nicht, sondern wartet. Als VL sagt: „Magst du weiter machen?“, lacht er vergnügt und greift nach dem nächsten Teil. Ist die ganze Zeit über eifrig bei der Sache.

Interpretation

Gemeinsam ist allen vier Kindern, dass keines mehr mit der Vorlage verglichen hat, nachdem es mit dem Puzzle begonnen hat.

Bei Marco und Christoph fällt auf, dass sie ihr Tun kommentieren. Der Kommentar selbst lässt den Rückschluss zu, dass die Kinder ganz offenbar ein Bild des fertigen Puzzles gespeichert haben und ihr Puzzle nach diesem Bild zusammensetzen. Auffallend ist auch die Betrachtung des Puzzles aus unterschiedlicher Perspektive – Marco dreht das Puzzle, verändert dessen „Zustand“, Christoph bewegt sich selber. Ebenfalls auffallend sind die simultan ausgeführten unterschiedlichen Tätig­keiten der beiden Hände, bzw. das Abwandern des Blicks, noch während die Hand eine angefangene Tätigkeit ausführt. Diese Auffälligkeit wurde bislang als mangelnde Konzentration auf die aktuelle Sache gedeutet. Die Kinder sind jedoch keineswegs abgelenkt, denn zwischen Blickrichtung und der darauf folgenden Tätigkeit besteht ein dynamischer Zusammenhang. Ein systematisches Abgleichen, der Blickwechsel von freien Teilen zum Teilstück und von dort zum nächsten freien Teil erfolgt nicht. Der Blick wandert über die freien Teile, um ein gesuchtes zu finden, das an die vorgesehene Stelle gesetzt werden kann. Ausprobiert, ob ein Teil passt, wird relativ selten.

Bei Ivo und Dieter fällt auf, dass beide die einzelnen Teile nacheinander nehmen und sie einzeln prüfen. Beim Umdrehen der Teile sind bei Ivo beide Hände mit der gleichen Tätigkeit beschäftigt. Beide Kinder orientieren sich beim Zusammensetzen offenbar an der Form der Teile bzw. den Konturen oder farblichen Gemeinsamkeiten der Abbildungen. Im Unterschied zu Marco und Christoph betrachten beide auch nicht das entstehende Puzzle aus verschiedenen Perspektiven oder drehen es; sie drehen nur einzelne Puzzleteile in der Hand oder halten sie vergleichend an die Stelle, an die sie es einfügen wollen. Während Marco beispielsweise Teile des Motivs in den einzelnen Puzzleteilen („das sind die mit den Giraffen“) wiedererkennt, ist das weder bei Ivo noch bei Dieter der Fall. Auffallend ist bei Ivo das systematische Abgleichen zwischen den losen Teilen und dem bereits fertigen Teilstück: vom Puzzlestück zum Teilstück, zum nächsten Puzzlestück und wieder zum Teilstück. Während er vergleicht, sind die Hände ruhig. Nicht eindeutig erkennen lässt sich, ob nicht auch diese beiden Kinder eine Vorstellung des fertigen Puzzles – das Ergebnis – im Gedächtnis gespeichert haben (Ausnahme Ivo beim zweiten Puzzle). Da aber weder Ivo noch Dieter erkennen, welchen Teil des Puzzles sie gerade bearbeiten, kann vermutet werden, dass sie nicht nach einer im Gedächtnis gespeicherten Vorstellung gearbeitet haben. Ivo war eines der Kinder, das mit dem Heraussuchen und Auslegen der Eckteile eine Strategie verfolgte. Ebenso ging Christoph immer wieder strategisch vor, indem er die Randteile setzte. Er unterbrach diese Tätigkeit jedoch, wenn er während des Einsetzens dieser Teile vorausschauend schon nach weiteren suchte und dabei eines entdeckte, das an eine Stelle in der Mitte passte.

[1] Die Kinder bekamen Codenamen

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