Mein Kind hat ADHS
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Mein Kind hat ADHS

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Was bedeutet es für Eltern, deren Kind die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität (ADS, ADHS) erhalten hat? Einerseits kann es ein Gefühl der Erleichterung sein, nun zu wissen, „was“ dem Kind fehlt. So gesehen gibt die Diagnose so etwas wie Sicherheit. Andererseits bereitet sie aber auch massive Sorgen: Denn ADHS ist die Bezeichnung für eine Verhaltensstörung, die seit 2002 als Krankheit gilt. Das bedeutet, das Kind sollte nach der Diagnose einer Behandlung zugeführt werden. Nun kommt es aber auch darauf an, wer die Diagnose durchführt und welche Behandlung vorgeschlagen wird. In der Wissenschaft, der Medizin und der Psychotherapie gibt es zwei verschiedene Lager: Die einen sehen im Verhalten eine nicht heilbare Krankheit, die möglichst multimodal behandelt werden sollte. Das bedeutet, neben einer Verhaltenstherapie wird auch die medikamentöse Behandlung empfohlen. Manche Eltern schrecken davor zurück, denn die Mittel der Wahl – Ritalin, Medikinet, Concertá  -fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Eltern sorgen sich wegen der Nebenwirkungen und sie fürchten, ihr Kind könnte als behindert „abgestempelt“ werden. Doch die medikamentöse Behandlung kann dem Kind die Integration in einen Klassenverband erleichtern. Sie kann sich auf seinen Schul- und Lernerfolg positiv auswirken und für das Kind das Zusammenleben mit Anderen einfacher machen.

Das andere Lager vertritt die These, das Verhalten sei eine Störung, die psychoanalytisch und / oder pädagogisch behandelbar und heilbar sei. Von Vertretern dieser These wird die medikamentöse Behandlung abgelehnt.
Beide Lager führen überzeugende Argumente für ihre Position ins Feld. Das Problem, das beide haben ist, dass die Ursache(n) von ADHS nicht bekannt sind. Derzeit gilt, dass mehrere Faktoren zusammenkommen müssen, um das Verhalten auszulösen. Dazu zählen der genetische Faktor, Auffälligkeiten im Gehirn bei der Signalweiterleitung durch Botenstoffe und äußere Lebensumstände. Auf diesen Gebieten wird intensiv geforscht, doch schon seit Jahrzehnten tut sich nichts wirklich Neues mehr. Ein Durchbruch, mit dem sich das Verhalten der betroffenen Kinder und Erwachsenen erklären lässt, ist nicht in Sicht.

Ich vertrete inzwischen einen anderen Ansatz. Er erklärt das Verhalten plausibel und ist würdiger ist als die Störungs- oder Krankheitsthese. Er besagt, dass das abweichende Verhalten genauso normal ist, wie das Verhalten welches derzeit als ‚normal‘ gilt. Kinder und Erwachsene sind nach dieser These nicht von einer Störung der Aufmerksamkeit betroffen, sondern ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf Abläufe und auf Wirkungen und ist prozessorientiert. Dagegen ist die Aufmerksamkeit der Mehrheit der Menschen zustandsorientiert und richtet sich auf die Beziehung zwischen den Dingen und ihren Eigenschaften bzw. auf Sachverhalte und deren Einzelheiten. Dies gilt als richtige Art der Aufmerksamkeit, von der anderen weiß man bisher noch nicht. Doch diese andere Art zwingt ein Kind dazu, sich deshalb auch auf eine andere, vom normalen Verhalten abweichende, Art Wissen anzueignen und Erfahrungen zu sammeln.

1. Das Verhalten

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Berichte von Eltern über die Einfälle und Aktivitäten ihrer Kinder lassen nicht nur einen erstaunlichen Ideenreichtum der Kinder erkennen, sie zeigen auch die Hilflosigkeit der Eltern angesichts der überbordenden Einfälle und der angerichteten Schäden, die schon beim Kleinkind auftreten. Am Verhalten stört nicht, was das Kind macht, sondern wie es etwas macht. Eine Zusammenfassung einiger solcher Aktivitäten soll dies zeigen, und vielleicht entdecken Sie Ihr Kind darin ja wieder?
Das Wie tritt beim hyperaktiven Kind als Umtriebigkeit auf, mit der es Unruhe und Hektik verbreitet. Es zeigt sich im ansatzlosen, nicht vorhersehbaren Umsetzen plötzlicher Einfälle in Handlungen, auf die kaum rechtzeitig reagiert werden kann: Die Familie sitzt am Frühstückstisch, unterhält sich, das Kind isst sein Müsli, die Mutter führt gerade die Kaffeetasse zum Mund. Im selben Moment fällt das Kind ihr in den Arm, der heiße Kaffee ergießt sich auf ihren Rock. Was war passiert? Das Kind hatte gesehen, dass unter der Tasse ein Kaffeetropfen hing und hatte verhindern wollen, dass er der Mutter auf den Rock fällt – und zugreifen geht halt schneller als zu sagen: Mama, unter deiner Tasse hängt ein Tropfen Kaffee. Bis man den Satz ausgesprochen hat, ist der Tropfen ja bereits auf dem Rock. – Solche und ähnliche Ereignisse sind an der Tagesordnung.
Hinzu kommt der Drang, alles anfassen zu müssen, auch ohne dass ein echtes Interesse an den Gegenständen vorhanden sein muss. Es bleibt jedoch nicht beim Anfassen, sondern Gegenstände werden irreparabel auseinandergenommen oder zweckentfremdet verwendet: Auf einer elektrischen Zitruspresse wird ein Kilo mürber Äpfel ausgepresst, elektrische Spielgeräte, Uhren, Telefone und Spielzeugmotoren werden in ihre Einzelteile zerlegt, voll abgewickelte Toilettenpapierrollen oder auch schon mal Toilettenpapierrollen als ganze in die Toilette gestopft und die Spülung betätigt, eine volle Flasche Haushaltsreiniger wird im Bad auf den Boden entleert, der Inhalt einer Waschmittelpackung in die Badewanne geschüttet, deren Abfluss vorsorglich zugestöpselt wurde, und der Wasserhahn aufgedreht – die Schaumentwicklung ist beeindruckend. Dem Erfindergeist unsinniger und destruktiver Handlungen scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Diese Kinder sind ständig in Bewegung, sie klettern überall hinauf, auf Tische, Schränke, Regale, bauen sich Kletterhilfen aus unterschiedlichen Gegenständen.

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Auffallend bei älteren Kindern und bei betroffenen Erwachsenen ist das „sprunghafte“ Denken, der rasche und übergangslose Themenwechsel bei Unterhaltungen, häufig mitten im Satz, wobei Beginn und Folge des Erzählten oft ohne Zusammenhang erscheinen. Schwierigkeiten bekommt das Kind auch im Spiel mit Gleichaltrigen. Es stört das gemeinsame Spiel durch ständig neue Einfälle und / oder weil es sich nicht an die zuvor ausgemachten Regeln hält. Mit jüngeren oder älteren Kindern kommt es meist besser zurecht, aber Freunde findet es häufig nur schwer. Freundschaften kann es auch nur unter Schwierigkeiten halten.

Die eigentlichen Probleme beginnen mit dem Schuleintritt. Das auffallende Verhalten stellt Lehrer vor das Problem, wie sie angesichts der permanenten Störungen einen vernünftigen Unterricht gestalten sollen: In der Grundschule ruft das ADHS-Kind in den Unterricht hinein, begleitet alles mit seinen Kommentaren, gibt unartikulierte Geräusche von sich und wird häufig zum Klassenclown. Die lebhaften unter diesen Kindern – es gibt auch einen anderen, stillen und verträumten Typ – verbreiten ständige Unruhe: Sie trommeln mit den Fingern, stoßen rhythmisch mit den Füßen gegen Tisch- oder Stuhlbeine, summen vor sich hin. Sie springen plötzlich und unmotiviert auf, schaukeln oder kippeln mit dem Stuhl, liegen quer über dem Tisch, wühlen ohne Grund in der Schultasche, hantieren ständig mit irgendwelchen Gegenständen, können nicht ruhig arbeiten, müssen ständig nachfragen oder beim Banknachbarn abschauen: Was sollen wir jetzt machen; was macht der?
Im Federmäppchen fehlt in kürzester Zeit die Hälfte des Inhalts, die Hausaufgaben werden schlampig und / oder nicht vollständig angefertigt, etwas fehlt fast immer. Im Laufe der Zeit gehen Lehrer dazu über, auch geringfügige Abweichungen zu ahnden, das Kind fühlt sich ungerecht behandelt und „rächt“ sich, indem es noch mehr stört – es entsteht ein circulus vitiosus, der kaum zu durchbrechen zu sein scheint. Die Eltern werden wiederholt in die Schule zum Gespräch gebeten und aufgefordert „endlich etwas zu tun.“

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Das unauffällige – hypoaktive – Kind ist häufig noch schlechter dran, seine Probleme werden oft gar nicht erkannt. Es ist meist überangepasst und ängstlich, wirkt  verträumt und nicht bei der Sache. Es ist oftmals gedankenverloren und erscheint  desinteressiert. Selbstvergessen können diese Kinder sich stundenlang mit einer Sache beschäftigen, ohne Notiz von ihrer Umwelt zu nehmen. Manche von ihnen zeigen autistische Züge. Hypoaktive Kinder probieren nicht gern aus, und sie üben wie die hyperaktiven nur ungern. Sie sind jedoch bemüht und lernwillig, bringen es aber trotzdem nicht zu den Noten, die dem betriebenen Lernaufwand und der Intelligenz entsprechen. Sie beobachten lange, oft scheinbar unbeteiligt, ohne handelnd einzugreifen. Und dann überraschen sie ihr Umfeld damit, dass sie sich Fähigkeiten in erstaunlich kurzer Zeit aneignen. Eine Mutter aus meinem Elterngesprächskreis berichtete von ihrer Tochter: „Wir hatten oft den Eindruck, bevor sie etwas Neues lernte, dass sie dazu überhaupt keine Anstalten machen würde. Sie erweckte den Anschein, als würde sie das alles nicht interessieren, aber plötzlich konnte sie es. Und zwar zeitlich genauso früh wie andere Kinder, und zum Teil sogar früher, z.B. schwimmen, Radfahren, Rollschuh- und Schlittschuhlaufen.“ .

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Die größten Sorgen und Ängste um die Zukunft ihres Kindes bereiten den Eltern seine Lernschwierigkeiten und Verständnisprobleme. Sie sind die Quelle von Frustration und Ängsten der Kinder. Es gibt zwar auch unter diesen Kindern solche, die den Unterricht problemlos meistern, doch in der Regel haben sogenannte ADHS-Kinder weitaus größere Schwierigkeiten, die ihrer Intelligenz angemessenen Leistungen zu erbringen. Teilleistungsstörungen wie Lese-Rechtschreibschwäche und Dyskalkulie treten im Zusammenhang mit der ADHS-Diagnose häufig auf. Typisch sind Schwierigkeiten in den so genannten Lernfächern, die zum vorschnellen Urteil verleiten, das Kind sei nur faul, zumal wenn das Kind über Langeweile im Unterricht klagt. Unter den Schulaufgaben stehen häufig Bemerkungen der Lehrkraft, wie: „Beantworte nur die Frage“ oder „Das gehört nicht hierher“. Fragt man die Schüler, erhält man zur Antwort, dass für sie aus der Aufgabenstellung nicht hervorging, was verlangt wurde – was mit zunehmendem Alter vom Schüler/ von der Schülerin aber erwartet wird. Dieses Verhalten und das ständige Nachfragen werden entweder als Unaufmerksamkeit oder als Faulheit interpretiert. Verbote werden wiederholt offen und arglos übertreten, obwohl die Kinder bestätigen, sie verstanden zu haben. Man unterstellt ihnen deshalb Trotz oder bewusste Provokation, was auf Dauer Wut, sogar Hass auslöst. In Anlehnung an Goethes Faust könnte man es jedoch besser mit den Worten beschreiben: „Die Botschaft hört ich wohl, allein mir fehlt der Sinn.“

2. Die Ursache

Derzeit geht man in den Wissenschaften, die sich mit der vermeintlichen Aufmerksamkeitsstörung beschäftigen, von mehreren Faktoren aus, die gemeinsam an der Entstehung einer ADHS beteiligt sein sollen. Ein Faktor sind danach genetische Veränderungen in verschiedenen Regionen des Erbgutes, die im Zusammenspiel mit Umwelteinflüssen zum Verhalten beitragen. Als ein weiterer Faktor gilt die erhöhte Dichte der Dopamintransporter im sogenannten Striatum, die den Botenstoff Dopamin zu rasch in die präsynaptische Endplatte zurück transportieren. Dadurch steht er nicht ausreichend lange zur Signalübermittlung zur Verfügung (sie dazu die Seite „Kausalität“).
Diese und andere Faktoren wie die bereits genannten Umwelteinflüsse können jedoch nicht ursächlich für das Verhalten sein, weil bisher nicht geklärt ist, wie es zu diesen Veränderungen bzw. Unterschieden kommt.  Untersuchungen zur Entdeckung der Ursache blieben erfolglos, weshalb man nun auch nicht mehr davon spricht, dass es eine oder mehrere Ursachen gibt oder gebe müsste, sondern man spricht, wie ich dies oben getan habe, von verschiedenen Faktoren.
Der Grund für die Erfolglosigkeit ist, dass man die Ursache im falschen Gebiet sucht. Denn tatsächlich ist die vermeintliche Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung gar keine, sondern es handelt sich um eine andere, dem vermeintlich normalen Verhalten komplementäre Art zu sein, zu denken, zu erleben und sich zu verhalten. Die ersten, die etwas in dieser Richtung vermuteten, waren drei Psychologen aus USA und Kanada. Sie hatten festgestellt, dass einige Teilnehmer an ihrer Studie, etwas länger brauchten, um einen geschriebenen Satz zu verstehen, dafür aber schneller waren, wenn es darum ging, den Satz mit einem Bild zu vergleichen und zu sagen, ob Satz und Bild übereinstimmen oder nicht.
Der Satz lautete:
Plus ist über dem Stern
Die Mehrheit der Teilnehmer benötigte etwa anderthalb Sekunden, um zu signalisieren, dass sie den Satz verstanden hatten. Eine Minderheit brauchte dazu eine Sekunde länger.  Sie benötigte dann aber nur eine halbe Sekunde, um zu bestätigen, ob Satz und Bild übereinstimmten oder nicht. Die Mehrheit brauchte dafür fast genauso viel Zeit, wie für die bestätigung, den Satz verstanden zu haben, nämlich fast eineinhalb Sekunden.

Bestätigung                        Verifikation
Plus über Stern_05

Die Psychologen interpretierten dieses Ergebnis so: Die Mehrheit der Teilnehmer hat keine Schwierigkeiten, einen Satz in eine Wissenseinheit umzuformen, um ihn zu verstehen. Die Minderheit muss den Satz erst in ein Bild transferieren, um ihn zu einer Wissenseinheit umformen zu können. Von Wissenseinheiten nimmt man an, dass sie die Grundlage unseres Denkens und Inhalte unseres Gedächtnisses sind.
Einige Jahre später kam die Mathematikdidaktikerin Frau Prof. Inge Schwank zu einer ähnlichen Entdeckung: sie fand heraus, dass es zwei Arten logischen Denkens gibt. Sie nennt sie funktional-logisch vs. prädikativ-logisch.

Die prädikativ-logische Art ist zustandsorientiert. Sie zeichnet sich aus durch ein Denken in Beziehungen und Urteilen, mit der Präferenz für die Beachtung von statischen, invarianten Details, die zueinander in Beziehung gesetzt werden. Kennzeichnend sind außerdem das Beachten von Gemeinsamkeiten und das mengenmäßige Erfassen von Sachverhalten, sowie die Fähigkeit, Dinge in ihren wesentlichen Eigenschaften zu packen und für ein geordnetes Nebeneinander zu sorgen. Dies ist die Art, in der die Mehrheit aller Menschen denkt. Sie prägt ihr Verhalten und ihre Art der Aufmerksamkeit, die sich deshalb auf Zustände und auf Beziehungen richtet.

Die andere, funktional-logische Art führt zu einem Denken in Wirkungsweisen und Handlungsfolgen, welches diese unmittelbar erfasst. Funktional-logisches Denken schlägt sich in einem Interesse für dynamische Ereignisse und deren Prozesshaftigkeit nieder, mit einer besonderen Vorliebe für Werdendes.

Aufgabe

Die Zeichnung zeigt drei Bögen, die nebeneinander angeordnet, sowie drei Kreise, die den Bögen zugeordnet sind. Beschreiben kann man diese Zeichnung auf zweierlei Weise: Ist das Denken prädikativ strukturiert, dann sieht man, dass sich beim linken Bogen der Kreis links neben ihm befindet; beim mittleren Bogen befindet sich der Kreis über dem Bogen, und beim rechten Bogen befindet sich der Kreis rechts neben ihm. Man achtet also auf den jeweiligen Zustand und die Beziehung, in welcher der Kreis zum jeweiligen Bogen steht: links, oben, rechts. Ist das Denken funktional strukturiert, sieht man einen Prozess: die Kugel bewegt sich von links nach oben und rollt rechts wieder herunter.

Kennzeichnend sind außerdem das Be(ob)achten von Unterschieden und Einflussgrößen, sowie ein Denken vom Ziel oder Zweck her. Dieses Denken von einem Zweck her ist das einzige Kriterium, mit dem sich zweifelsfrei bestimmen lässt, ob jemand zur Gruppe der vermeintlich aufmerksamkeitsgestörten, tatsächlich aber funktional-logisch denkenden Menschen gehört.
Für uns, die „Betroffenen“, muss in allem, was und wie wir denken, in allen Gesprächen und Unterhaltungen und in allem was wir wahrnehmen, immer ein Ziel oder einen Zweck enthalten enthalten sein. Wir denken ihn automatisch mit, ohne uns seiner bewusst zu sein. Wenn dieser Zweck fehlt oder nicht zu erkennen ist, beispielsweise bei einer Anweisung oder einer Aufgabe, setzen wir ihn entweder spontan, oder wir können die Aufgabe nicht lösen und verstehen den Sinn der Anweisung nicht. Da wir ihn notwendig brauchen, behilft sich unser Verstand eben damit, dass wir als Zweck denjenigen unterstellen, der am wahrscheinlichsten zur Situation, zur Aufgabe oder zur Anweisung passt.
Damit liegen wir nicht immer richtig, aber im Laufe der Zeit gelingt uns das immer besser. Wenn sich allerdings gar kein Zweck setzen lässt, fragen wir nach oder reagieren, wie dies vor allem die Kinder tun – mit Unruhe, Orientierungslosigkeit, Angst und Hektik. Für die Mehrheit der Menschen, die für ihre Art zu denken keinen Zweck brauchen, sind das Nachfragen, die Hektik und die Unruhe unverständlich, weshalb uns vorgeworfen wird, nicht aufmerksam genug zu sein. Denn wer aufmerksam ist, hört und versteht, was er tun soll. Uns gelingt das nicht, und nicht aus Mangel an Aufmerksamkeit, sondern weil unser Gehirn nach einer anderen Regel arbeitet.
Der Unterschied zwischen uns und den nicht betroffenen, prädikativ-logisch denkenden Menschen besteht darin, dass ihnen die Fakten der momentanen Situation zunächst einmal genügen. Sie orientieren sich an deren Details, um davon abhängig den geeigneten Lösungsweg zu ermitteln. Deshalb müssen Lösungswege gelernt, wiederholt und geübt werdenen, müssen Tätigkeiten wie Radfahren oder Schlittschuhlaufen nach Anweisung erlernt und geübt werden, müssen Fertigkeiten durch wiederholendes Üben erworben werden. Auf diese Weise lernen prädikativ denkende Menschen, an den Bedingungen der aktuellen Situation zu erkennen, welche der gelernten Lösungswege, Tätigkeiten, Fertigkeiten usw. geeignet sind, um damit zu einem Ergebnis zu kommen. Folglich richten sie ihre Aufmerksamkeit auf diese Details. So lernen sie, dass man mit der richtigen Anwendung zum richtigen Ergebnis kommt.
Denkt man jedoch so wie wir, dann muss zu den Bedingungen der aktuellen Situation unbedingt noch der Zweck hinzukommen, damit wir wissen, was getan werden muss. In unserem Fall ist die Wahl des richtigen Lösungsweges vom Zweck abhängig, der erreicht werden soll. Anweisungen und Anleitungen für die verschiedenen Lösungswege, für die verschiedenen Arten von Tätigkeiten und Fertigkeiten sind für uns keineswegs so nötig wie die Anderen, und wir müssen sie auch nicht stundenlang einüben. Wir suchen lieber nach eigenen Lösungswegen, lernen durch beobachten und / oder ausprobieren. Wenn man also so anders denkt als die Anderen, kann es nicht verwundern, dass auch das Sammeln von auf andere Weise geschieht, und auch das Verhalten ein anderes ist.

Halten wir also fest: Die Anderen müssen sich auf den Kern einer Sache konzentrieren, Details beachten und Beziehungen zwischen ihnen herstellen. Wir dagegen müssen Abläufe und Prozesse beobachten und Wirkungen erkennen und verstehen, die sich aus diesen Prozessen ergibt. Das heißt auch, dass unsere ADHS- Kinder Prozesse in Gang setzen müssen, um sie beobachten zu können, dass sie  Gegenstände untersuchen müssen, um ihre Funktion zu verstehen. Und dabei kann dann schon leicht das ein oder andere kaputt gehen.

Weiterführende Literatur:

Dägling, E. (2009) Vom Gewahrwerden zum Bewusstsein. AD(H)S oder die funktionale Art der Aufmerksamkeit. Aldersbach: Reiner Saunar Verlag

Schwank, I. (2007) Einladung zum Vortrag „Mathematik begreifen in funktionalen Spielwelten. Können ADS-Kinder durch besondere Formen einer Handlungsorientierung geeigneter unterrichtet werden?“
http://www.ikm.uniosnabrueck. de/mitglieder/schwank/vortraege/MathematikBegreifenInFunktionalenSpielwelten_S.pdf

Schwank, I (1998) Ebook: Kognitive Mathematik
http://www.fmd.uni-osnabrueck.de/ebooks/kognitive-mathematik.htm

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