Beobachtungen an Erwachsenen 2
 /  Beobachtungen an Erwachsenen 2

Beobachtungen an Erwachsenen Teil 2

 

1.3 Vergleich zweier Schreibgeräte

Im folgenden Versuch sollten die Versuchspersonen Kugelschreiber und Bleistift miteinander vergleichen. Die Hypothese war, wie schon zuvor bei der Rechenaufgabe, daß normgesteuerte Personen sich auf das Wesentliche beschränken. Sie müßten den Zustand, die Beschaffenheit der Geräte beschreiben, also Informationen über das jeweilige Schreibutensil zusammentragen. ADHS-Personen müssten dagegen, nach meiner These, einen Zweck für einen solchen Vergleich unterstellen. Außerdem ging ich davon aus, daß diese Personen dabei vor allem auf die Funktion der Stifte als Mittel zum Zweck eingehen würden.

An diesem Versuch nahmen elf Personen teil. Eingeteilt wurde in zwei Gruppen. Die erste Gruppe umfaßte sieben Personen, von denen mit einer Ausnahme nicht bekannt war, welchem Personenkreis sie zugeordnet werden sollten – ADHS oder normgesteuert. Die zweite Gruppe bestand aus vier Personen, zwei normgesteuerten und zwei ADS-Personen. Die Zuordnung erfolgte anhand der Selbsteinschätzung der Personen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und anhand der Symptome aus dem Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM IV). Beide Gruppen erhielten die Anweisung: »Vergleichen Sie bitte Kugelschreiber und Bleistift miteinander; machen Sie es bitte schriftlich; es reichen fünf bis sechs Sätze. Sie haben zehn Minuten Zeit.« Die zweite Gruppe erhielt zusätzlich den Hinweis auf die auf dem Tisch liegenden Schreibgeräte. »Hier sind Bleistifte und Kugelschreiber.« Den Probanden wurde nicht mitgeteilt, welchem Zweck der Vergleich dient.

Es wurden Zettel verteilt, mehrere Kugelschreiber und Bleistifte lagen auf dem Tisch, die Personen durften sich die Schreibgeräte heraussuchen. Bei der ersten Gruppe wurden die restlichen Stifte sofort entfernt, nachdem jede Person sich einen Stift genommen hatte, bei der zweiten Gruppe erst nach fünf Minuten. Mehrere Testpersonen der ersten Gruppe nahmen sich sowohl einen Kugelschreiber als auch einen Bleistift.

Verlauf: Die Personen der ersten Gruppe schrieben kommentarlos und relativ zügig, mit kurzen Augenblicken, in denen offenbar überlegt wurde. Eine Person wirkte sehr desorientiert, brauchte mehrere Minuten, bevor sie die ersten Sätze mit Kugelschreiber hinschrieb. Dann nahm sie den Bleistift und sagte: »Ich mag keine Bleistifte.« Sie schrieb einen Satz damit.

In der zweiten Gruppe überraschte eine der beiden ADHS-Personen die anderen Probanden, indem sie sofort zügig zu schreiben begann, kaum dass die Anweisung ergangen war. Sie schaute kein einziges Mal zu den auf dem Tisch liegenden Stiften hinüber. Die andere ADHS-Probandin brauchte mehr als eine Minute, bevor sie den ersten Satz hinschrieb, schaute zwischendurch immer wieder auf die Stifte, ehe sie einen weiteren Satz schrieb. Als die Schreibgeräte nach fünf Minuten vom Tisch entfernt wurden, hörte sie auf zu schreiben. Die beiden normgesteuerten VPn betrachteten zunächst die Stifte am Tisch, schrieben danach zügig, ohne diese noch einmal anzuschauen.

Die Auswertung ergab: Der Unterschied war deutlich auszumachen. Alle normgesteuerten Personen in beiden Gruppen hatten den Zustand – die Beschaffenheit – und die Funktion der Schreibgeräte beschrieben. Im Schnitt waren vier bis sechs Merkmale genannt worden.

Abb. 1: Vergleich zweier Schreibgeräte: die „norm­gesteuerte“ Version. Die Versuchsperson listet invariante Eigenschaften der Stifte auf

Eine Probandin hatte hier geschrieben: »Kugelschreiber enthalten eine Mechanik«. Abb. 1 zeigt einen solchen Vergleich, beschrieben von einer normgesteuerten Person.

Die Ergebnisse der ADHS-Personen erschienen weniger einheitlich. Zwei Personen der ersten Gruppe hatten ebenfalls zwei invariante Merkmale genannt. Beide Personen hatten als weiteres Merkmal genannt, daß amtliche Schriftstücke nicht mit Bleistift unterschrieben werden dürfen: sie hatten einen Zweck für den Vergleich genannt: »Kugelschreiber ist amtlich geeignet!« Abb. 2 zeigt den Vergleich beschrieben von einer ADHS-Person.

Die desorientiert wirkende Probandin hatte willkürliche Sätze hingeschrieben (»Mein Sohn geht gerne in den Kindergarten«). Im anschließenden Gespräch erklärte sie, sie habe sich die ganze Zeit gefragt, worauf die VL (VersuchsLeiterin) mit dieser Aufgabe hinauswolle. Schließlich habe sie gemeint, es gehe wohl um einen Vergleich der Verwendungs­möglichkeiten der Stifte und eine Begründung, welches Gerät man bevorzuge (»Ich mag keine Bleistifte« – zum Schreiben bevorzuge sie Kugel­schreiber). Auch diese Probandin hatte einen Zweck benötigt und unterstellt, um die Aufgabe ausführen zu können. Von den beiden ADS-Frauen der zweiten Gruppe hatte eine den Zweck der Stifte inklusive der Vor- und Nachteile miteinander verglichen – welches Schreibgerät sich für welche Verwendungs­möglichkeit besser eignen würde. Sie lieferte weniger eine Gegenstandsbeschreibung als einen Aufsatz ab: »Beim Kugelschreiber gibt es nach dem Verschreiben keine Hilfe mehr, es ist eben ein Patzer passiert, dann hilft nur noch das Durchstreichen!«

Die andere hatte ein, den normgesteuerten Frauen vergleichbares, Ergebnis abgeliefert, jedoch nur, solange die Stifte am Tisch lagen und sie sich durch wiederholtes Hinschauen vergewissern konnte. In den verbleibenden Minuten, immerhin die Hälfte der zur Verfügung gestellten Zeit, hatte sie nichts mehr geschrieben: sie hatte Bedenken, etwas falsch zu machen.

Meine Annahme hatte sich im Wesentlichen bestätigt. Die ADHS-Personen hatten alle einen Zweck unterstellt,– im Gegensatz zu den normgesteuerten Personen. Die Funktion der Stifte hatten alle Personen beschrieben, mit Ausnahme der desorientiert wirkenden Frau.


Abb. 2: Vergleich zweier Schreibgeräte: die ADS-Version.

Die Versuchsperson nennt einen Zweck, für den ein Vergleich notwendig sein könnte: mit Kugelschreiber dürfen amtliche Schriftstücke unterzeichnet werden.

 

Auszug aus: „Vom Gewahrwerden zum Bewusstsein. AD(H)S oder die funktionale Art der Aufmerksamkeit.“

Reiner Saunar Verlag, Aldersbach (2009)

]

Impressum

Verantwortlich für Webinhalt
Elisabeth Dägling
E-Mail: info@kausalitaet-und-adhs.de

Illustrationen
Marion Dägling
E-Mail: marion@madae.de

Konzeption und Produktion Web
mw ² >multidesignstudio
München
www.mw2.org

Haftungshinweis:

Trotz sorgfältiger Prüfung und ständiger Aktualisierung können wir keine Haftung für die auf dieser Webseite veröffentlichten Inhalte übernehmen. Dies gilt auch für die Seiten, die von dieser Seite aus verlinkt sind. Für deren Inhalt sind ausschließlich die Betreiber der Webseiten verantwortlich. Ebenso betrifft das Seiten, die mittels Link auf diese Seite verweisen. Des weiteren behalten wir uns das Recht vor, Änderungen oder Ergänzungen der hier bereitgestellten Informationen vorzunehmen.

Das Copyright der auf dieser Seite verwendeten Texte u. Illustrationen liegt bei E. Dägling. Das Verwenden der Texte ist nur nach Rücksprache möglich.