Egalitarismus und Eliten
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Egalitarismus und Eliten

 

Die Entwicklung, die Politik und Gesellschaft  in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten genommen haben folgt einem Besorgnis erregenden Trend. Der griechisch stämmige Philosoph Panajotis Kondylis beschrieb diese Entwicklung bereits 1990 in seinem Buch „Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform“. Darin beschreibt er nicht nur den Verfall dieser Epoche, sondern legt auch eine Analyse und Prognose der neuen Gesellschaftsordnung vor, der er den Namen „Massendemokratie“ gibt. Als ihr zentrales Merkmal nennt er die Überwindung der Güterknappheit, mit der die ehemaligen Bürger als Mitglieder der neuen Gesellschaft zu Konsumenten geworden sind. Der Massenkonsum, der mit der Massenproduktion an Gütern einherging, kann jedoch nur in einer Gesellschaft verwirklicht werden, in der jedes Mitglied der Gesellschaft in gleichem Maße Zugang zu diesen Gütern hat, wie alle anderen Mitglieder auch. Dies wiederum setzt, wie Kondylis schreibt, die Atomisierung der Gesellschaft voraus, was nichts anderes heißt, als dass die Egalität, die Gleichheit aller Menschen  als Einzelwesen nicht nur gefordert sondern auch realisiert werden muss. Diese Atomisierung betrifft nicht mehr nur die Lebensverbände, wie die Großfamilie, die Haus- oder Dorfgemeinschaft, die sich zunehmend auflösen in Lebens(abschnitts-)gemeinschaften, Ein-Eltern- oder Patchwork-Familien, sie soll zugleich dem Zweck dienen, die Chancengleichheit zu gewährleisten. Dabei ist, so Kondylis,  eine Realität der Gleichheit viel weniger wichtig ist als eine Potenzialität der Gleichheit, weil diese einen Erwartungshorizont erschafft,  der das Gefühl verleiht, dass jeder, der dies will, auf der Erfolgsleiter nach oben steigen kann.

Die derzeitige Politik kommt dem entgegen, indem in immer mehr Bereichen eine vermeintliche Gleichheit Aller durch- und umgesetzt werden muss – von der Gleichstellungsbewegung bis hin zur Inklusion -, ohne sich um die Folgen zu bekümmern, aber in dem Wissen, dass  sie nicht  zu verwirklichen ist. Denn diese Gleichheit aller Menschen läuft letztlich auf eine Gesellschaftsordnung hinaus, die einmal als Gegenentwurf zu Demokratie und Monarchie gedacht war: auf die Anarchie. Diese ist die herrschaftsfreie Gesellschaftsordnung aller gleichen Menschen,  ohne Staat, also auch ohne Grenzen, ist auf dem Vormarsch: eine Politik, in der niemand mehr für Entscheidungen, die getroffen wurden, verantwortlich ist und die Verantwortung mit einem „wir schaffen das“ an Alle delegiert wird (schaffen ‚wir‘ es nicht, sind wir auch daran schuld); einen Staat, der in Auflösung begriffen und dabei ist, in der EU aufzugehen; Grenzen, die aber keine Wirkung mehr haben …

Eine anarchische Ordnung kann nur in überschaubaren Gemeinschaften funktionieren, in kleinen Kollektiven oder Genossenschaften, nicht aber in großen heterogenen  Gesellschaften. Gelöst wird dieses Problem derzeit durch eine Herrschaft der Eliten, die eben deshalb, damit es niemand merkt, permanent die Wahrung der Demokratie beschwören und allenfalls von neuer Weltordnung, nicht aber von Anarchie sprechen.

Kondylis hat diese Entwicklung vorhergesehen. Er schreibt: „ Zugehörigkeit zu den Eliten ist weder erblich noch wird sie durch irgendwelche persönliche Eigenschaft außer der Fähigkeit zuerkannt, dem jeweiligen Gegner innerhalb und außerhalb der Elite erfolgreich gegenüberzutreten; Eliten können demnach zu permanenten Herrschaftsorganen erst nach der Atomisierung der Gesellschaft und der Durchsetzung der egalitären Prinzipien und Einstellungen werden. Sie entstehen in der Politik, in der Wirtschaft und im sozialen Leben, sie konkurrieren und schließen Bündnisse miteinander, und sie beziehen ihre Legitimation aus der Tatsache, dass sie jedem offenstehen, also nicht gegen das übergeordnete Prinzip der Gleichheit (der Chancen) verstoßen. Konkurrierende politische Eliten, die um die Herrschaft im Staat miteinander kämpfen, müssen sich zusätzlich durch das Votum der Wähler legitimieren(…). Der Ausweg aus der Zwickmühle der objektiv vorhandenen doppelten Notwendigkeit, Herrschaft auszuüben und den vielerlei Anliegen der Wähler Rechnung zu tragen, ist der Populismus.

Wir können an dieser Stelle abbrechen, denn die Parallelen zur derzeitigen gesellschaftlichen und politisch-wirtschaftlichen Situation in Deutschland sind unübersehbar. Die Frage ist angesichts der bereits erkennbaren Folgen und der ebenfalls erkennbaren, in naher Zukunft auf uns zukommenden Probleme, inwieweit unsere derzeit noch existierende, aber in Auflösung begriffene Nation und ihre Bürger noch in der Lage sind, sie zu bewältigen und angemessen mit ihnen umzugehen. Die „Erziehung“ zum guten, die Würde und die Rechte aller Menschen achtenden Individuum hat zur Schwächung und zur Unfähigkeit geführt, sich und die eigenen Rechte im Notfall verteidigen zu können.

Ein gewaltiges und nicht zu unterschätzendes Problem stellt zudem die Unfähigkeit  der überwiegenden Mehrheit der Menschen dar, mit komplexen Problemen umgehen zu können. Dazu gehört die Unfähigkeit, größere Zusammenhänge zu erfassen und mögliche Aus- und Fernwirkungen in ihre Entscheidungen und ihr Handeln mit einzubeziehen. Die Aufmerksamkeit und Beurteilung einer Situation beschränkt sich auf einen als zentral angesehenen Sachverhalt  und das Beziehungsmuster seiner aktuell wahrnehmbaren Details, mit der nicht erfasst wird, was läuft.

Wir befinden uns am Beginn eines Trends mit beachtlichem Entwicklungspotenzial. Am Beginn solcher Entwicklungen ist die Zahl derer, die zu einer eine langfristigen und sich dann exponentiell entwickelnden Veränderung der Gesellschaften führen – seien es Menschen, seien es Umstände -, immer gering. Auf die Gefahr hin, polemisch zu wirken: Jesus hatte zunächst auch nur zwölf Jünger. Getragen wird eine Veränderung jedoch immer auch über die Masse derer, die einer Idee wie der der Gleichheit aller Menschen folgen – und der großen Masse derjenigen, die angesichts der „geringen“ Zahl derjenigen, die die Vorreiterrolle spielen, den Trend dahinter nicht sehen.

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