Die Postmoderne
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Die postmoderne Epoche

 

1.

Wir leben in der Postmoderne. So jedenfalls wird jetzige Epoche genannt.

Epochen haben es an sich, dass der Übergang ihnen fließend ist – mal vollzieht er sich schneller, manchmal dauert er Jahrzehnte bis Jahrhunderte, und manchmal kommt es auch innerhalb einer größeren zu kleineren Epochen, die nur eng umgrenzte Bereiche betreffen. Die Postmoderne hat sich zu einer großen Epoche entwickelt, denn sie hat alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche der westlichen Hemisphäre durchdrungen und mit dem ihr eigenen Weltbild und ihrer „Denkfigur“ gravierend verändert. Wann genau sie begann, lässt sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen, aber es zeichnet sich ab, dass mit ihr die mehr als zweitausendjährige Geschichte Europas, seiner Völker und Nationen beendet sein könnte. Denn das Weltbild, das – in der Ideologie der universellen Menschenrechte und wirtschaftlichen Globalisierung verankert – dieser Epoche zugrunde liegt,  hat als Ziel, eine friedliche Zukunft für die ganze Menschheit erreichen zu wollen.

Man darf vermuten, dass dieses Ende der europäischen Geschichte von den Verfechtern der Globalisierung und der neuen Weltordnung auch beabsichtigt ist. Allerdings werden sie wohl andere Zielvorstellungen mit der neuen Weltordnung verbinden als die, die mit der betriebenen Umsetzung der Ideologie tatsächlich eintreten werden. Denn diese Vorstellungen berücksichtigen weder menschliches Verhalten, noch menschliche Interessen, Bedürfnisse und kulturelle Prägungen. Noch weniger ist in ihnen ein Verständnis für das Verhalten von Systemen, das naturgegebenen Gesetzen folgt, enthalten. Zu diesen naturgegebenen Gesetzen gehört, dass Systeme ihre Stabilität aus ihrem Fließgleichgewicht gewinnen. Das heißt, jede Änderung der Rahmenbedingungen in eine bestimmte Richtung löst zugleich eine Reaktion aus, die in die Gegenrichtung zielt.

 

2.

Man kann den Prozess des Epochenwechsels als natürlichen Vorgang der Veränderung  verstehen: eine Gesellschaftordnung mit ihren Sitten, ihren Gebräuchen, ihren Werten hat sich überlebt, eine neue tritt an ihre Stelle. Das geht nicht von heute auf morgen,  sondern es vollzieht sich sukzessive, bis die Veränderungen alle Bereiche einer Gesellschaft erfasst hat: es ändern sich die Werte, die Sitten und Normen, die Kultur und die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Politik, die Rechtsprechung und schließlich auch das Leben und der private  Bereich des Individuums innerhalb seiner Gesellschaft. Zumeist ist es ein Grundgedanke, der einem solchen Wechsel zugrunde liegt, eine neue, von einer Moral geprägte Weltanschauung, die sich allmählich durchsetzt und eben deshalb so nachhaltig wirkt, weil sie nicht vom Verstand geprägt wird, sondern das herrschende Selbstbild und das Selbstverständnis betrifft.

 

3.

Gegen Ende der vorangegangenen Epoche, der Moderne, lösten sich die Strukturen in allen diesen Bereichen allmählich auf. Dazu trugen viele Faktoren bei. Die ersten Anzeichen der „Auflösung“ enthielten den Fortschritt, der mit einem Epochenwandel auch verbunden sein sollte. Sie fanden in der Kunst und in der Wissenschaft statt. In der Kunst stand dahinter der Gedanke von der Gleichheit aller Teile, in die man Strukturen zerlegen kann, um sie auf einer Ebene gleichberechtigt zu versammeln und sie beliebig kombinieren zu können, bzw. sie sich kombinieren zu lassen. Dieser sozialdemokratische Gedanke der Egalität sollte sich schließlich in einer Weise durchsetzen, von der nur nicht klar ist, ob gewollt oder einer erstaunlichen Gefahrenblindheit geschuldet ist, dass das Gleichheitsprinzip, der Egalitarismus, letztlich zur Auflösung auch einer Gesellschaft – und damit in ihren Untergang führt. Denn die Vereinzelung der Menschen  als Dividuen einer amorphen Masse, ist mit einer emotionalen Bindung an Andere und einem Wir-Gefühl als Gemeinschaft, die sich gegen andere Gemeinschaften abgrenzt, nicht vereinbar.

Zu Beginn der Epoche war noch nicht zu erkennen, dass dieser Auflösungsprozess nach und nach alle Bereiche der westlichen und insbesondere der bundesrepublikanischen Gesellschaft erfassen würde. Denn in der Kunst führte die Zerlegung von Strukturen in ihre einzelnen Elemente dazu, sie voran zu bringen: mit dem Expressionismus gegen Ende des 19 Jahrhunderts begann die klassische Moderne: Farben wurden Formen frei zugeordnet, die Formen lösten sich ebenfalls auf und wurden neu kombiniert, und dieser Trend setzte sich mit dem Surrealismus und dem Kubismus fort. Hinzu kam schließlich mit dem Dadaismus auch der Protest gegen das Establishment.

In der Musik wurde die Romantik vom Neoklassizismus und der Zwölftonmusik ab – und von den Strukturen her aufgelöst: jeder Ton sollte gleichberechtigt neben allen anderen bestehen und mit diesen kombiniert zu neuen Kompositionen gefügt werden.

Doch während vorangegangene Epochen mit dem, was sie geschaffen hatten, zugleich auch den Boden bereiteten für die nachfolgende Epoche, die das Bisherige ablöste, ist nicht zu erkennen, was als tragfähiges Element der postmoderne Kunst für die Zukunft gelten könnte: Wenn alles aufgelöst und zerlegt wurde, muss, wenn überhaupt, noch einmal von vorn angefangen werden.

Auch in den Wissenschaften begann die „Auflösung“ der Strukturen etwa  gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts: In der Physik war es die Materie, die in immer kleinere „Teile“ zerlegt wurde, von den Atomen bis zu den Elementarteilchen, die keine Dimension besitzen; in der Biologie stieß man bis zur Erbsubstanz, der DNA und zu den Genen vor, doch einem eigentlichen Verständnis des jeweils Ganzen hat man sich damit nicht genähert.

 

4.

Was in Kunst und Wissenschaft begann und dort auch für Weiterentwicklung sorgte, setzte sich nun auch auf der gesellschaftlichen, der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ebene fort. Und auch hier schien es, als diene der Wechsel dem Fortschritt im Sinne der Aufklärung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand Ende der fünfziger Jahre  in den USA eine Jugendbewegung, die anfangs mehr eine Spaß- als eine Protesthaltung war, die Hippie-Jugendbewegung. Sie entwickelte sich rasch zu einer Bürgerrechtsbewegung, die sich in Folge der kubanischen Revolution, der Kuba-Krise und dem Vietnamkrieg politisch links verortete, woran auch die Kulturrevolution in China, die kommunistische Gewaltherrschaft in der Sowjetunion und die Gräueltaten des Pol Pot-Regimes nichts änderten: das ‚Rechte‘, repräsentiert durch den Nationalsozialismus, wurde zum Inbegriff des Bösen, wodurch sich die Verbrechen der Linken relativierten. In Deutschland entstand die Studentenbewegung der 68er Jahre, die sich ebenfalls politisch links einordnete und eine neue, gerechte Weltordnung forderte. Diese propagierte neue Weltordnung hätte sich nicht durchsetzen können, wenn sie sich nicht den Gedanke der Aufklärung von der Gleichheit aller Menschen zu eigen gemacht hätte. Die Idee des Sozialdemokratismus wurde von allen Parteien aufgegriffen, und mit dem Regierungswechsel, zunächst als Große Koalition, wurde der Egalitarismus, der die Gleichheit aller Menschen meint, in der Gesellschaft verwirklicht. Wie zuvor in Kunst und Wissenschaft, begann nun auch der Auflösungsprozess der gesellschaftlichen und sozialen Strukturen, um deren Elemente – die Menschen als Einzelwesen – gleichberechtigt auf einer Ebene zu versammeln. In der Postmoderne gab und gibt es aufgrund der Demokratisierung keine Gesellschaft der Klassen mehr. Es entstand die „Massendemokratie“, wie der Philosoph Panajotis Kondylis die neue Gesellschaftsordnung bezeichnet: Denn zur Massendemokratie  konnte sich die Gesellschaft auch nur deshalb verändern, weil es inzwischen dank der Fortschritte in Technik, Technologie, Chemie, Pharmazie usw. zur Massenproduktion an Waren gekommen war, die zum wirtschaftlichen Aufschwung führte und sämtliche Lebensbereiche inklusive Ernährung und Gesundheit umfasste. Eine derartige massenhafte Produktion an Waren aller Art hatte es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben, und sie benötigte sowohl massenhaft Konsumenten, sowie an der Massenproduktion beteiligte Mitarbeiter.

 

5.

Die Auflösung der Strukturen erfasste alle gesellschaftlichen Strukturen:

Die Familie, einst die Keimzelle eines Staates, ist in Auflösung begriffen. Alleinerziehende Elternteile, sogenannte Patchwork-Familien sind keine Seltenheit mehr, gleichgeschlechtliche Partner können die Ehe eingehen, der Familienname kann bei Heirat ausgesucht werden, nichteheliche Partnerschaften gelten als der Ehe nahezu gleichgestellt.

Der Mittelstand (das sind Firmen mit 10 bis 499 Beschäftigten) , eine der tragenden Säulen der Volkswirtschaft, wird zunehmend zerschlagen, es gibt immer weniger kleinere und mittlere Unternehmen, die entweder verschwinden, fusionieren, oder von größeren Firmen und von Monopolgesellschaften ‚geschluckt‘ werden. Mit dem Mittelstand verschwindet auch die Mittelschicht, denn immer mehr Menschen in Deutschland und Europa  können von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Stattdessen wachsen Monopolgesellschaften und Online-Firmen, denn die Auflösung der  Strukturen  dient dem Zweck der Globalisierung. Diese wird vorangetrieben mit der Behauptung, sie diene der Wirtschaft und dem Wohlstand aller, doch zeigen Zahlen inzwischen das Gegenteil: die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Und immer mehr Menschen müssen Sozialleistungen in Anspruch nehmen, Leistungen, die erst einmal erarbeitet werden müssen.

Ein weiterer Effekt der Egalisierung, der Gleichmacherei, ist die Misere im Schul- und Bildungssystem. Unter dem Schlagwort Chancengleichheit wurde das System ‚durchlässig‘ gemacht, angefangen mit dem Wegfall von Übertrittszeugnissen und der Einführung der G8 über die permanente und sich immer rascher vollziehende Änderung der Lehrpläne, in denen es nun nicht mehr um den Wissenserwerb, sondern den Erwerb von Kompetenzen geht, bis hin zur Studentenschwemme an den Universitäten. Auf die Frage, ob unser System denn so viele Akademiker braucht, ob es so viele Arbeitsplätze überhaupt gibt, lautet die Antwort damals wie heute: darum kümmern wir uns, wenn es soweit ist. Doch aufgrund der Eigendynamik der Systeme und der eingeleiteten  Maßnahmen verändern sich die Verhältnisse grundlegend, und da nicht rechtzeitig vorgesorgt wurde, haben wir heute zu viele Akademiker, die keine angemessene Betätigung mehr finden, zu wenig Facharbeiter, und in der Masse gehen diejenigen unter, die eigentlich aufgrund ihrer Fähigkeiten gefördert werden müssten. Doch das Prinzip der Gleichmacherei hat sich verselbstständigt und fordert weitere Auflösung , inzwischen bis hin zur Inklusion – denn, wie der Historiker Rolf-Peter Sieferle schreibt: da man den Dummen nicht klüger machen kann, muss man die Klugen eben dumm machen, um so die Gleichheit herzustellen.

Die Auflösung der Strukturen hat  auch vor der Wissenschaft nicht Halt gemacht – es ist nicht mehr nur die Materie, mit der man sich beschäftigt, auch der Wissenschaftsbetrieb ist davon erfasst worden. Die moderne Wissenschaft kennt keine großen Ideen mehr, das „einsame genie im Elfenbeinturm‚ ist passè – ungeachtet der Tatsache, dass große Ideen immer nur in einem einzelnen Kopf stattfinden können. Stattdessen werden nur noch kleinste Erkenntnisteile  im Team und interdisziplinär gewonnen, wobei man meint, wenn man sie zusammensetzt sei dies im Endeffekt dasselbe wie eine große Idee. Und da auch hier die Chancengleichheit gewährt bleiben muss, müssen alle Wissenschaftler ihre Arbeit in Fachzeitschriften publizieren  – weshalb die Menge an Fachzeitschriften sowie an eingereichten Artikeln inzwischen nicht mehr überschaubare Ausmaße angenommen hat.

 

6.

Mit der Veränderung der Gesellschaft auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene ging zugleich ein Wertewandel einher. Die Idee der Menschenrechte wurde zum Dogma der Neuen Weltordnung und zur Verpflichtung, sie global zu verbreiten und auch in alle anderen Gesellschaften zu implementieren.

Nun hat eine Verquickung von Politik einerseits und Moral, verkörpert als Religion oder Ideologie – noch selten, um nicht zu sagen: nie, zu etwas Gutem geführt. Die Ideologie der universalen Menschenrechte inklusive der Gleichheit Aller ist eine gesinnungsethische, von der der Soziologe und Nationalökonom Max Weber einmal sagte:

„Wir müssen uns klarmachen, daß alles ethisch orientierte Handeln unter zwei  voneinander   grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert sein. Nicht daß Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein       abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: ‚Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim‘ – oder unter der verantwortungsethischen: daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines  Handelns aufzukommen hat.“

Der letzte Halbsatz ist gerade nicht kennzeichnend für unsere Gesellschaft der Postmoderne: Niemand ist mehr für die Folgen seines Tuns verantwortlich, stets waren die Umstände daran schuld – oder die Verantwortung wird delegiert, und auch dann ist letztlich niemand mehr verantwortlich für das, was eingetreten ist.

Die gesinnungsethische Neue Weltordnung hat auch noch andere Folgen, deren Anzeichen nichts Gutes ahnen lassen: Zu den Werten, die nun vertreten werden, gehören Emanzipation, Weltoffenheit, Toleranz und die Freiheit und Freizügigkeit des Einzelnen. Das klingt positiv, doch wurde die Rechnung ohne den Menschen gemacht: es wird mit ihnen ein Ideal postuliert, das eine Kehrseite hat, und damit verkehren sich die Werte in ihr Gegenteil: Emanzipation und Selbstverwirklichung wurden zu Egoismus, Selbstdarstellung und Rücksichtslosigkeit, Toleranz wurde zum Laisser faire und zum Freibrief für übergriffiges Verhalten, mit dem man demjenigen, der sich dagegen verwehrt, entgegenhält, er sei intolerant.

 

7.

Da neue Weltordnung aus einer jugendlichen Protestbewegung hervorgegangen war – und auch das hatte es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben, dass sich eine Gesellschaft ‚nach unten‘ orientierte, fand eine Entfeinerung auf allen Ebenen statt. Denn zur Jugend gehört der Protest gegen die Erwachsenenwelt, die ihr Widerstand entgegensetzt. Aus dieser Auseinandersetzung kann das Neue entstehen, das weiterträgt. Doch dem Protest von damals wurde kein nennenswerter Widerstand entgegengesetzt – die scheinbare Veränderungsunwilligkeit war eher der Trägheit des Systems als einer großen Masse geschuldet. Jugend, die noch keinerlei Lebenserfahrung hatte, wurde zur Vorbildfunktion und mit ihr der Protest, der sich auch gegen die Sitten wandte. Was die Elterngeneration abgelehnt und als `proletenhaft‘ bezeichnet hat, wurde zur Mode, war chic und ‚in‘. damit erklärt sich auch der Widerspruch, wie es möglich werden konnte, dass eine Ideologie, die eine politisch korrekte Sprache, die Achtung der Würde des Menschen fordert, zugleich eine ordinäre, vulgäre Sprache pflegt, den prole drift lebt und in zunehmendem Maße zu rohem, gewaltbereitem Verhalten neigt.

Mit der politischen Korrektheit etablierte sich nicht nur die Ideologie der neuen Weltordnung sondern auch ihre Kehrseite, mit der sie sich, wie Peter Fürth es nannte, als Heuchelei und als zutiefst feindselig entlarvt: Wer sich nicht unterwirft, wird zwangsläufig zum Gegner. Ihm wird vorgeworfen, ein Chauvinist oder ein Rassist und Nazi zu sein. Der Vorwurf, ein Nazi zu sein, kommt dem Ausgestoßenwerden aus der menschlichen Gesellschaft gleich, hier gilt das Prinzip der Toleranz, der Achtung der Würde des Anderen nicht mehr. Denn spätestens mit dem Historikerstreit Ende der 80er Jahre wurde die nationalsozialistische Vergangenheit zur deutschen Erbsünde, die durch nichts mehr getilgt oder entschuldet werden kann. Und wer dieser Gesinnung verdächtigt wird, hat kein Anrecht auf den Anspruch der Menschenrechte.

Zur politisch korrekten Ideologie und der Einteilung der Welt in dieses Schwarz-Weiß-Bild gehört, dass auch die Sprache dahingehend verändert werden muss, dem neuen Weltbild zu genügen. Wörter, die oft Jahrhunderte lang zum Alltag gehörten, werden zu Unwörtern des Jahres erklärt, um sie aus dem Sprachschatz und möglichst aus dem Gedächtnis  zu eliminieren. Diese Praxis, die an Orwells „Verbrechdenk“ und „Neusprech“ erinnert und Anzeichen einer Diktatur ist, wird von den Verfechtern der neuen Weltordnung auf ihre Gegner projiziert und an ihnen erbittert bekämpft. Dieser Abwehrmechanismus der Projektion findet sich bei Ideologien sehr häufig.

 

8.

Im Zuge der Auflösung der Strukturen können nun auch gewachsene gesellschaftliche Gemeinschaften keine Ausnahme machen. Die Begriffe Volk und Nation sind nun negativ konnotiert, aus Volk ist inzwischen schon Bevölkerung geworden,  denn im Zuge der Globalisierung und des vereinten Europa kann es keine Grenzen mehr geben, weshalb die Staatsgrenzen in Europa allmählich aufgelöst werden sollen.

Im alten Grundgesetz von 23. Mai 1949 lautete die Präambel:

Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen,

von dem Willen beseelt, seine nationale Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk

(…), kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen

(Unterstreichung von mir)

Im neuen Grundgesetz vom 23.12. 2014 lautet sie:

Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen,

von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.

Zwar ist der Begriff „Deutsches Volk“ noch in der Präambel enthalten, aber die an erster Stelle genannte Forderung  „seine nationale Einheit zu wahren“ , wurde ersatzlos gestrichen.

Inzwischen sieht es so aus, als sei die Postmoderne die letzte Epoche, die wir als Nation noch erleben. Man kann das gut finden, aber die Chancen stehen schlecht, dass es auch gut endet. Denn der Mensch ist von der Natur aus nicht nur als soziales Wesen angelegt, das nur in einer sozialen Gemeinschaft überleben kann. Er ist auch darauf angelegt, in der größeren Gemeinschaft einer Nation, der er zugehört, die identitäts- und Vertrauen stiftend wirkt,  an die er sich gebunden fühlt, zu überleben. Gerade dies aber bietet eine weltoffene, globalisierte Gesellschaft nicht: sie fordert einen neuen Menschentyp, der keine gefühlsmäßigen Bindungen mehr kennt. Und es sieht so aus, als ginge es in dieser Gesellschaft in eben diese Richtung. Nur ist eine Gesellschaft, die keine Bindungen mehr kennt, keine Gemeinschaft mehr; die dem Einzelnen Zugehörigkeit, Halt und Schutz bietet. Aber vielleicht ist es das, was mit der Neuen Weltordnung gewollt ist: die Auflösung, wenn auch nicht der menschlichen Gesellschaft, so doch die des deutschen Volkes und die der Nationen Europas.

 

Quellen:

Panajotis Kondylis: Der Niedergang der bürgerlichen Denk-und Lebensform. Die liberale Moderne und die massendemokratische Postmoderne. 3. Auflage, Akademie- Verlag, Berlin 2010

Peter Furth: Massendemokratie. Landt Verlag, Berlin 2015

Rolf Peter Sieferle: Das Migrationsproblem. Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und             Masseneinwanderung. Die Werkreihe von TUMULT. Vierteljahresschrift für  Konsensstörung. Dresden 2017

Max Weber: Politik als Beruf, in: Gesammelte Politische Schriften, hrsg. von J. Winckelmann, 5. Auflage Mohr Siebeck, Tübingen 1988, 551-552

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