Warum 2 Gehirne
 /  Warum 2 Gehirne

Warum 2 Gehirne

Lieber Herr Dr. Tisdale,

mir ist nicht klar, warum Sie mir die Formulierung vorgeschlagen haben, es gebe zwei unterschiedliche Denkstile als Ausprägungen eines Gehirnkontinuums statt meiner Version zweier eigenständiger Gehirne. Warum bereitet diese Vorstellung Schwierigkeiten? Die Vorstellung eines Gehirnkontinuums gibt es übrigens schon – z. B. Jeffrey Freed (1998) spricht von einem solchen „Gehirn-Kontinuum“ mit links-, bi-, und rechtshemisphärischer Persönlichkeitsvariante.
Ich meine, dass uns ganz allgemein die Annahme eines Kontinuums nicht weiterbringt, im Gegensatz zur Annahme zweier Gehirne mit je eigener Art des Denkens. Noch einmal, wo liegt das Problem?

Viele Grüße,
Elisabeth Dägling

Liebe Frau Dägling,

bitte, nur weil andere auch von einem Kontinuum (allerdings auf einer ganz anderen Dimension) reden, ist meine Annahme nicht gleich haltlos. Fragen wir mal andersherum: Was konstituiert „zwei eigenständige Gehirne“? Verschiedene Gehirnstrukturen? Auf welchem Auflösungsniveau? Unterschiede in Transmitterquantitäten? Dann haben also auch Depressive ein „eigenständiges Gehirn“. Unterschiede in Denk- und Gedächtnisprozessen? Dann haben alle Menschen ein „eigenständiges Gehirn“…. Ich denke wir müssen darüber weiter streiten ;-))) …….was ja Erkenntnisgewinn bringt.

Viele Grüße
Tim Tisdale

Lieber Herr Dr. Tisdale,

jetzt wird mir schon klarer, wonach Sie fragen. Ich hatte ja schon früher von einer Geschlechtlichkeit auf geistig-seelischer Ebene gesprochen. Den Vergleich mit den Geschlechtern habe ich gewählt, weil ich meine, dass funktionales und prädikatives Denken im Geistig-seelischen der physischen Geschlechtlichkeit analog sind. Zunächst müssen wir jedoch klären, was wir unter „eigenständig“ bzw. Kontinuum verstehen wollen:

1. Gehen wir davon aus, Weiblichkeit und Männlichkeit als Ausprägungen eines Körperkontinuums zu betrachten und sagen, es gibt einen menschlichen Körper (wir sprechen ja auch von unserem Körper). Wir beschreiben ihn als Kontinuum, von dem wir wissen, dass es einerseits eine männliche, andererseits eine weibliche Ausprägung gibt und zwar als „normalerweise“ entweder / oder bzw. als 0 /1 Ausprägung – es gibt also von diesem menschlichen Körper entweder eine weibliche oder eine männliche Version. Diese „entweder / oder – Version“ ist der Normalfall, die „sowohl/als auch-Version“ eine Abweichung von der Norm und die absolute Ausnahme. Die jeweilige Ausprägung männlich vs. weiblich ist genetisch bedingt (X- bzw. Y-Chromosom) und bereits bei der Zeugung des Individuums festgelegt. Sie ist nicht abhängig von äußeren Einflüssen, d.h., es gibt nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle keine „Präferenz“, sich im Laufe der Schwangerschaft oder erst nach der Geburt durch „Erfahrung“ oder Umweltbedingung für das eine oder andere Geschlecht zu entscheiden (unabhängig von der Tatsache, dass in einem frühen Stadium der Embryo rudimentäre Genitalien beiderlei Geschlechtes entwickelt – ebenso wie er vorübergehend einen Kiemenansatz entwickelt, ohne deswegen zum Fisch zu werden).
Auf der Basis dieser Gleichsetzung mit einem Körperkontinuum kann ich mich mit Ihnen einigen auf ein Gehirnkontinuum.
2. Gehen wir davon aus, Weiblichkeit und Männlichkeit als Enden eines Körperkontinuums zu betrachten und sagen, es gibt einen menschlichen Körper. Wir beschreiben ihn als Kontinuum, jedoch nicht mit einer Entweder / Oder – Ausprägung (X- bzw. Y- Chromosom spielen keine Rolle?), sondern mit der genetisch bedingten Anlage des Sowohl / Als-auch. In diesem Fall gäbe es zwei Möglichkeiten:
a) Das Individuum besitzt genetisch bedingt die Anlage, sich in die eine oder in die andere Richtung zu entwickeln – um Ihr Beispiel vom Alkoholismus zu verwenden: Es besitzt die genetische Anlage sich sowohl in Richtung Weiblichkeit als auch (!) Männlichkeit entwickeln zu können, muss es aber nicht. Wenn es sich jedoch für eine Richtung, sprich, für ein Geschlecht entschieden hat, bleibt es dabei. Die Frage ist dann, welches die Norm ist. Um beim Alkoholismusbeispiel zu bleiben – die genetische Anlage zu haben heißt, der Mensch kann krank werden, muss es aber nicht werden, er kann auch gesund bleiben. Wovon gehe ich bei der genetischen Anlage im Falle der Geschlechtlichkeit aus? Wenn ich sage, der Mensch kann weiblich (oder männlich?) werden, muss es aber nicht, er kann auch was werden – männlich, weiblich – menschlich?
b) Im Normalfall ist der Mensch ein „Sowohl-Als auch“ – Wesen, er ist also sowohl männlich als auch weiblich. Es gibt jedoch auch extreme Ausprägungen, die nur männlich oder nur weiblich sind.

Weder auf der a) noch auf der b) Basis werde ich mich mit Ihnen einigen können, wenn wir sie wiederum als Analogie zum menschlichen Denken nehmen und von Kontinua sprechen.

Ich gehe also von folgender Analogie aus:
Es gibt analog zu einem menschlichen Körper, von dem es zwei unterschiedliche und „eigenständige“ Formen (oder Arten?), nämlich eine männliche und eine weibliche gibt, ein menschliches Gehirn, von dem es ebenfalls zwei unterschiedliche und „eigenständige“ Formen gibt, nämlich eines, das funktional und eines, das prädikativ denkt. Mit anderen Worten, ich behaupte, es gibt im physischen wie im geistig-psychischen Bereich zwei Geschlechter, und ich weiß, dass ich mich hier auf ein gefährliches Pflaster begebe, wenn ich die Evolution ins Spiel bringe. Aber wenn ich behaupte, dass es zwei „eigenständige“ Arten des Denkens – und damit im gewissen Sinn zwei eigenständige Gehirne gibt, muss ich ihre Notwendigkeit begründen. Da Dörner u.a. in „Die Logik des Misslingens“ davon gesprochen hat, dass unser Gehirn so und nicht anders funktioniere, weil uns die „Evolution oder wer auch immer“ mit eben diesem Gehirn versehen habe, denke ich, dass ich, wenn ich behaupte, dass es anders geht, erklären muss, zu welchem Zweck die Evolution zwei unterschiedliche bzw. eigenständige Gehirne beim Menschen hervorgebracht haben soll.
Wenn ich meine These an der Geschlechtlichkeit festmache, muss ich mich an Kriterien orientieren, die für die Geschlechtlichkeit gelten. Es müsste also, was für Geschlechtlichkeit im Physischen gilt, in analoger Weise für eine Geschlechtlichkeit im Psychischen gelten. Anders ausgedrückt: Ich muss Kriterien formulieren, die dann anhand empirischer Studien belegt werden müssen, um die Gültigkeit der Kriterien zu beweisen. Ist so eindeutig formuliert, was ich meine? Dann nehme ich also zunächst einmal die nachfolgenden Punkte zum Vergleich her. Ihre Aufzählung und die Beschreibungen, die als Hypothesen gesehen werden sollen, sind keine „Beweise“ für meine Annahme, sondern der Versuch, mit Hilfe des Vergleichs zu Kriterien zu kommen. Ich werde aber, soweit möglich versuchen meine Behauptungen mit Beispielen zu unterlegen. Also:

1) Zweck der Geschlechtlichkeit: Aufgabenteilung und Kooperation
2) Vor- und Nachteile der Aufgabenteilung
3) Geschlechtsunterschiede, – merkmale im physischen (neurologischen Bereich)
4) Ausnahmen

Ich hoffe, ich bringe jetzt nicht sämtliche Biologen gegen mich auf, wenn ich im Folgenden etwas locker formuliere, also nicht explizit auf alle Einzelheiten eingehe.

1) Zweck der Geschlechtlichkeit: Aufgabenteilung und Kooperation

a) Aufgabenteilung in männlich und weiblich hat den Zweck der Fortpflanzung zur Erhaltung der Art (als menschliches Individuum – ich beziehe mich hier nur auf den Menschen)
Dabei fällt dem männlichen Geschlecht die Aufgabe der Zeugung zu. Diese wird möglich durch die Fähigkeit zur Samenproduktion. Dem weiblichen Geschlecht fällt die Aufgabe der Schwangerschaft und des Gebärens zu, dies wird möglich durch die Fähigkeit zur Produktion von Eizellen. Durch Kooperation entsteht Nachwuchs

b) Aufgabenteilung in prädikativ und funktional dient dem Zweck des Problemlösens (in komplementärer und dialektischer Form) zur Erhaltung der Art (Überleben als menschliche Gesellschaft)
Dabei fällt dem prädikativen Geschlecht die Aufgabe des Bewahrens zu, diese wird möglich durch die Fähigkeit zum zustandsorientierten Denken. Dem funktionalen Geschlecht fällt die Aufgabe des Veränderns zu, diese wird möglich durch die Fähigkeit zum handlungs- und wirkungenorientierten Denken. Durch Kooperation wird Fortschritt möglich, der dem Überleben und der Erhaltung der menschlichen Gesellschaft dient.

Ich sagte ja schon, dass ich behaupte, dem jeweiligen Denken sei etwas eigen, das dem anderen fehlt, was also die Personen, die zum anderen Denkgeschlecht gehören, nicht haben (nicht können).
Ich meine, es ist besser von Nichthaben als von Nichtkönnen zu sprechen, aus folgendem Grund: Im Falle eines Kontinuums (s.o. 2) wäre dieses Nichtkönnen, gemessen an einer Norm, ein Mangel bzw. ein Defizit. In der von mir postulierten Form einer „eigenständigen“ Art des Denkens ist es das nicht, sondern eine mit der jeweiligen Denkweise verbundene Fähigkeit, der die Denkweise ihre „Existenzberechtigung“ verdankt. Es ist also nicht so, dass ein Denkgeschlecht ein Manko gegenüber dem anderen aufweist, sondern dass es ausgestattet ist für die ihm zufallende Aufgabe.

Nun muss ich wohl erklären, was man unter zustandsorientiertem Denken einerseits und handlungsorientiertem Denken andererseits verstehen soll. Unter Punkt 3 gehe ich noch einmal darauf ein, hier will ich es nur an einem Beispiel erläutern – Sie kennen es schon -, und an einer Beschreibung von Hermann Hesse:
Sie erinnern sich an Die Geschichte mit Heidi und der Hausaufgabenhilfe, ich meine die Episode, in der sie sagte: „Heute haben wir was Neues gemacht.“ Was das Neue war, wusste sie wie gesagt nicht. Es ging dabei um die Erweiterung des Zahlenraumes von 10 000 auf 100 000.
Der Zahlenraum ist ein Konstrukt, in dem jede Zahl ihre feste Position hat. Er lässt sich als Zustand beschreiben, er selber verändert sich nicht, auch der Zustand der Zahlen, ihr Wert bleibt gleich. Heidis Problem war: Sie konnte die Aufgaben nicht rechnen, weil sie mit unter „etwas neues machen“ eine weitere Grundrechenart erwartet hatte, denn sie sagte: „Wenn man dann das gleiche macht (!!), ist es doch nichts Neues!“-
Frau Schwank nennt funktionales denken auch Werkzeugdenken: Wichtig ist das, was die Veränderung bewirkt, der Operator, also die Grundrechenarten tun dies, sie verändern den Wert einer Zahl.
Die Beschreibung eines Baums stammt aus: H. Hesse, Gesammelte Werke in zwölf Bänden; achter Band (1987) Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt, Main: Beschreibung einer Landschaft, S.431 (ich habe einiges kursiv gesetzt, um Werkzeugdenken deutlich zu machen):
„Dieser Ulmbaum kommt aus der Erde mit einem festen und dicken, aber von allem Beginn an nach Höhe und Schlankheit trachtendem Stamm, der dann nach kurzem energischen Anlauf in ein ganzes Volk von himmelwärts drängenden Ästen wie ein sich vielfach teilender Wasserstrahl auseinanderspritzt und sprießt, schlank, heiter und lichtbegierig, bis seine freudige Aufwärtsbewegung in einer hohen, schön gewölbten Krone zur Ruhe kommt.“
Hesse beschreibt nicht den Zustand, in dem der Baum sich befindet, nicht wie er aussieht, die Beschaffenheit und die Details – er beschreibt, was der Baum macht: Er kommt aus der Erde, er trachtet nach Höhe, die Äste spritzen auseinander.

2) Vor- und Nachteile der Aufgabenteilung

Jetzt geht es ins Eingemachte: männlich vs. weiblich
Nach Norbert Bischof sind sich die Genetiker darin einig, dass ein entscheidender Vorteil der ist, dass durch die Möglichkeit der Rekombination, also der immer neuen und anderen Kombination von Genen, die Variabilität der einzelnen Individuen erhöht wird; es gibt keine zwei Individuen (eineiige Zwillinge vielleicht ausgenommen), die sich vollständig gleichen. Thibault (1979, S.34) schreibt dazu: „Während die Fortpflanzung durch Zellteilung nur die Wiederholung des gleichen Genoms gestattet, kommt es bei der geschlechtlichen Fortpflanzung zu einer Vermischung von zwei Genomen – des väterlichen und des mütterlichen – mit einer praktisch unbegrenzten Zahl von Kombinationsmöglichkeiten zwischen den Genen; das hat eine maximale Vielgestaltigkeit zur Folge. (….) Sie (die Vielfalt, Anmerk. von mir) hat die Entwicklung der Arten bis hin zum Menschen und deren immer größere Anpassungsfähigkeit an die Umwelt begünstigt.“ Der erste Vorteil einer Zweigeschlechtlichkeit besteht also in der Vielfalt der Einzelwesen einerseits und in ihrer besseren Anpassungsfähigkeit. Ohne ins Detail gehen zu wollen, die größere Vielfalt, die sich aus der praktisch unbegrenzten Möglichkeit der Rekombination der Gene ergibt, ermöglicht eine optimale Ausnutzung der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen (unsere Art kann z.B. sowohl am Polarkreis als auch am Äquator oder in der Wüste überleben, die jeweilige Rasse ist an die Bedingungen gut angepasst). In dieser Art beschrieben habe ich es auch bei Stearns und Reichholf gefunden.
Der zweite Vorteil besteht in einer Erhöhung der Merkmalsbreite, ich gehe darauf nicht weiter ein, da man das in der Literatur zum Thema nachlesen kann.

Die Nachteile– und ich handele diese nur kurz ab, da sie, nachdem sich die Natur beim Menschen für die Geschlechtlichkeit entschieden hat, in Kauf genommen worden sind – hängen mit der Störanfälligkeit (s. Bischof) der Zweigeschlechtlichkeit zusammen: Man muss einen geeigneten Partner zunächst suchen, vor allem im Botanischen scheinbar keine glückliche Lösung, da Pflanzen zusätzlich noch auf die Bestäubung durch Dritte angewiesen sind. Doch auch wenn man einen Partner gefunden hat, ist nicht sicher, ob man gemeinsam den biologischen Zweck der Fortpflanzung erfüllen kann.

prädikativ vs. funktional
Hier wird es nun schwierig. In den ersten Unterlagen, die ich Ihnen zugeschickt habe, habe ich es in etwa so formuliert:
Zwei Gehirne teilen sich die gemeinsame Aufgabe des Problemlösens mit dem Zweck, das Überleben der eigenen Art zu sichern,
– wobei Aufgabe der Prädikativen der Umgang mit zeitlich und lokal begrenzten Problemen ist, zu dem sie besonders befähigt sind durch ein Erfassen des Statischen (Merkmale und Relationen) mit der Aufmerksamkeit auf die Zustände von Objekten und Situationen und zu deren Beurteilung. Die Eigenschaft des abstrakt-strukturellen zustandsorientierten Denkens qualifiziert in besonderer Weise zur Schaffung und Bewahrung von Organisationen, (Gesellschafts)-Ordnungen, Regeln, Gesetzen, Klassifizierungen etc. und zur Stabilisierung dieser geschaffenen Systeme.
– und Aufgabe der Funktionalen der Umgang mit komplexen (raumzeitlichen) Problemen ist, zu dem sie besonders befähigt sind durch ein Erfassen des Dynamischen (Einflüsse, Abhängigkeiten) mit der Aufmerksamkeit auf die Wechselwirkungen zwischen Objekten und Ereignissen innerhalb von Situationen mit der Schlußfolgerung zum Handeln zur Zielerreichung und der Vermeidung (antizipierter) negativer Fern- und Nebenwirkungen. Die Eigenschaft des konkret-anschaulichen handlungsorientierten Denkens dient dem Zweck, neuartige Ideen zu entwickeln und zu verhindern, dass die menschliche Gesellschaft in den von Prädikativen geschaffenen Strukturen und Systemen stagniert (s. Ihr Beispiel mit der Notwendigkeit einer Empirie, wenn man etwas veröffentlichen möchte: Ich hätte beträchtlich mehr Chancen, einen Artikel mit einer empirischen Untersuchung über die Häufigkeit, mit der Frauen im Alter zwischen 30 und 35 Jahren im Vergleich zu gleichaltrigen Männern vom Fahrrad fallen zu veröffentlichen, selbst wenn es niemanden interessiert, – etwas, das Dörner einmal „Irgendwas-Forschung“ nannte, für die viel Zeit und Mühe zur Erforschung nicht
wissenswerter Zusammenhänge aufgewendet würde – als es mir mit meiner Entdeckung möglich ist, die um ein Vielfaches bedeutsamer ist, die ich aber nicht selber untersuchen kann). Die Bedingungen werden durch Regeln, Standards und Vorschriften so starr, dass sie anderen als den gesetzten keinen Raum geben. Dieser wird erst dann wieder geschaffen, wenn eine Entdeckung, die das bisherige System verändert, hinein getragen wird und neuem Freiheitsgrade eröffnet (was zu beweisen wäre, ich weiß.)

Nun könnten Sie natürlich einwenden, ob es nicht auch beim prädikativen Denken möglich sei, zu neuen Ideen zu kommen. Doch, es ist möglich. Der Unterschied besteht darin, dass bei neuen „prädikativen“ Ideen ein Zusammenhang zwischen dem Problem und der Idee, die zur Lösung führt besteht, Beispiel, der „morphologische Kasten“. Der Zweck ist dabei, eine Sache gedanklich in ihre Teile zu zerlegen, in dem man darüber nachdenkt, aus welchen sie besteht, wie diese Teile beschaffen sind und welche Funktion sie haben. Für diese Teile werden dann Oberbegiffe gesucht und nun wird überlegt, welche anderen Unterbegriffe noch unter diesen Oberbegriff fallen. Dann überlegt man, wie diese als Unterbegriffe gefundenen Objekte aussehen, wie diese beschaffen sind. Und nun wird darüber nachgedacht, ob der Gegenstand, mit dem man sich eingangs beschäftigt hat, nicht auch in dieser Weise funktionieren könnte. Man muss also vom Gegenstand abstrahieren und – den jeweiligen Zustand des Objektes, auch in der Art seiner Beziehungen betrachten. Wie gesagt, man kann auch auf diese Weise zu neuen Erkenntnissen kommen, aber zum einem geht es sehr viel langsamer und zum anderen – ich denke, der wesentliche Unterschied besteht im „Neuem“ des prädikativen Denkens zum „Neuartigen“ des funktionalen Denkens. Mit prädikativem Denken erhält man, ohne dass der Gegenstand des Interesses gewechselt wird – ein neues und vielleicht auch unerwartetes Ergebnis, das jedoch keinen Perspektiven- oder Paradigmawechsel zur Folge hat.
Die neuartigen Ideen des funktionalen Denkens haben oft keinen erkennbaren semantischen Zusammenhang mit dem Gegenstand des Interesses. Dieser Vorwurf wird ADS-Personen übrigens recht häufig gemacht, dass bei ihren Gedankensprüngen der erkennbare semantische Zusammenhang fehlt – was nicht heißt, dass jedes Mal eine tolle neuartige Idee herauskommt. Als Beispiel einer neuartigen Idee sei Gutenbergs Erfindung der Buchdruckerkunst genannt. Gutenberg hatte zwar schon, als er sich mit dem Problem des Buchdrucks beschäftigte, die Idee, etwas einem Siegel Vergleichbares zu verwenden, aber wie er das Problem mit der Flüssigkeit lösen sollte, die Idee kam ihm beim Anblick einer Weinpresse. Und vielleicht kein tolles Beispiel, aber doch: Welcher semantische Zusammenhang besteht zwischen der Abbildung von Kanizsas Dreieck und der Idee zweier unterschiedlicher Arten des menschlichen Denkens – meine Erfahrung? Neuartigen Ideen ist im Unterschied zu neuen eigen, dass sie das Problem aus einer gänzlich anderen Perspektive betrachten und u.U. einen Paradigmawechsel zur Folge haben (die Entschlüsselung des menschlichen Genoms durch Venter jedenfalls ist keine neuartige Idee, sondern eine Fortführung und Differenzierung von etwas bereits Bekanntem).

Als Beispiel für das Bewahrende im prädikativen und das Verändernde im funktionalen Denken wäre eine „Verhaltensauffälligkeit“ so genannter ADS-Kinder zu nennen. In der Literatur zum Thema wird immer wieder erwähnt, dass die Kinder sich nicht an Regeln halten, s. a. Neuhaus (1996), S. 22: „Früh fällt die Unfähigkeit auf, einfachste Regeln des Zusammenlebens einzuhalten.“ Diese Eigenschaft tritt auch auf beim gemeinsamen Spiel mit anderen Kindern. Die Kinder stellen Regeln auf, schaffen also Ordnungen, die es zu bewahren, einzuhalten gilt, um ein gemeinsames Spiel möglich zu machen: Wer fängt an, wie gehen wir vor, was ist erlaubt und was nicht, usw. Von solchen Spielen werden so genannte ADS-Kinder sehr schnell ausgeschlossen, weil ihnen mittendrin einfällt, was man außerdem noch oder auch ganz anders machen könnte, bevor ein Spiel überhaupt zu Ende gebracht wurde – die Kinder stören, weil sie laufend etwas verändern wollen, was von den anderen geschaffen wurde und erhalten bleiben soll.

Der Vorteil des prädikativen Denkens besteht nach meiner These darin, mit der diesem Denken eigenen Fähigkeit zum Schaffen und Bewahren von Ordnungen gesellschaftliche Systeme zu schaffen, die ein Zusammenleben in einem begrenzten raumzeitlichen Umfeld, der Gegenwart, in hervorragender Weise möglich machen. Dazu einmal Dörner, Hofinger, Tisdale (1999): Umweltbewußtsein, Umwelthandeln, Werte, Wertewandel, Endbericht: „Forschungen in der Denkpsychologie haben aber gezeigt, daß Menschen aber Schwierigkeiten haben mit dem Erkennen von Entwicklungen, die sich über Monate oder Jahre erstrecken(…). Das menschliche kognitive System ist <auf Gegenwart angelegt>, hat Schwierigkeiten mit Vergangenheit und Zukunft und große Defizite beim Umgang mit sehr komplexen Systemen.“ Was hier generalisierend als das auf Gegenwart angelegt sein angeführt wird, betrifft das überwiegend vertretene prädikative Denken, zugleich wird hier auch der Nachteil angesprochen, nämlich die Schwierigkeit beim Erkennen langfristiger Folgen und bei der Antizipation solcher Entwicklungen.
Der Vorteil des funktionalen Denkens ist diese Fähigkeit zur Antizipation langfristiger Folgen von Handlungen, die in der Gegenwart stattfinden und neben den erwarteten auch unerwartete und nicht vorhergesehene aber durchaus berechenbare Entwicklungen mit auslösen und Auswirkungen haben auf Bereiche, die in die Überlegungen nicht mit hinein genommen worden sind. Der Nachteil dieser Art des Denkens sind die Pannen im Alltag, weil wieder einmal ein Detail übersehen, eine Kleinigkeit vergessen wurde.
Auch hierzu als Beispiele:
Dörner meinte zur Fähigkeit der Prognostizierung langfristig sich ergebender Konsequenzen (1983): „Für induktive Trendabschätzungen sind Zeitreihenerhebungen erforderlich, also die Beobachtung und Registrierung der Veränderung von Werten von Variablen über die Zeit hin (kursiv von mir). Darauf scheint der menschliche Geist nur wenig eingerichtet zu sein.“ Diese Zeitreihenerhebungen sind Registrierungen von Zuständen; eine dynamische Betrachtung registriert jedoch nicht kontinuierlich den jeweiligen Zustand, sondern richtet die Aufmerksamkeit auf die Wechselwirkungen der verschiedenen Variablen eines Systems.
Der folgende Auszug stammt aus dem Bericht eines im kaufmännischen Bereich einer namhaften Firma tätigen ebenfalls ADS-diagnostizierten Mannes (Hervorhebungen von mir) und nennt Gegenteiliges:
„Eine beliebte Methode, die Situation eines Unternehmens darstellen zu wollen ist, alles „In-Prozent-vom-Umsatz“ zu rechnen. Diese Methode ist ebenso weit verbreitet, wie falsch. Man könnte ebenso gut versuchen, die Unternehmenssituation „In-Prozentvom- Pegelstand-der-Donau“ oder der „Schneehöhe-auf-der-Zugspitze“ darzustellen. Ich weiß nicht, wer diese Unsitte erfunden hat, doch sehe ich dieses Kennzahlendenken im Zusammenhang mit sogenannten „Unternehmensberatern“, die hiermit den wenig glücklichen Versuch unternehmen, komplexe Sachverhalte auf eine einzige Zahl zu reduzieren. Die Methode, alles im Prozent vom Umsatz darstellen zu wollen, beschränkt sich nicht nur auf die meist mißglückenden Versuche einer Analyse, sondern wird manchmal auch bei der Erstellung von Unternehmensplanungen (Budgetplanung) herangezogen. In diesem Fall wird es richtig gefährlich, denn wie oben bereits erwähnt, ist diese Methode bestenfalls geeignet, einen groben Plausibilitätscheck durchzuführen, aber keinesfalls dazu, eine Ursachenanalyse, geschweige denn eine Unternehmensplanung zu erstellen. Warum ? Zum einen handelt es sich bei solchen Kennzahlen um statische Methoden. Sie schildern den momentanen Zustand in dem sich das Unternehmen befindet, lassen jedoch die Ursachen für die jetzige Situation und die Perspektiven außer Betracht.
Somit bieten sie nicht die Möglichkeit, wirkungsvolle Gegenmaßnahmen zu ergreifen, die die Ursache der jetzigen Situation beseitigen. Daher werden in den meisten Fällen nur die Auswirkungen bekämpft und das meistens mit den falschen Maßnahmen. Auch die monatliche Aneinanderreihung von statischen Zahlen ergibt immer noch keine dynamische Betrachtung, die dazu geeignet ist, einen Blick in die Zukunft zu werfen.
Der gleiche Mann fuhr an einem Samstagvormittag in die city, um ein Zubehörteil für ein Hauhaltsgerät zu besorgen. Er kam nach zwei, drei Stunden wieder heim, hatte inzwischen alle möglichen Besorgungen gemacht und verschiedenes erledigt – das Zubehörteil, dessentwegen er überhaupt weggefahren war, hatte er jedoch vergessen zu besorgen. Seine Ehefrau kommentierte dies gelassen mit den Worten: „Ich kenne ihn ja.“
Dörner (1999) nennt bei der Beschreibung des Aktionsschemas(!!!, die Form des prädikativen Denkens) einen Begriff von Lurija, die „rückläufige Afferentiation“, also die Prüfung, ob eine Aktion zum erwarteten Erfolg geführt hat. Zustandsdenken: Man stellt den derzeitigen Zustand fest, agiert, um ihn zu verändern und stellt dann den neuen Zustand fest, um zu vergleichen, ob die Aktion zum Erfolg geführt hat. Die Aufmerksamkeit, der Focus beim prädikativen Denken liegt auf Anfang- und Endzustand, und weniger auf dem Akt des Veränderns.

Um es noch einmal deutlich zu betonen: Zustandsorientiertes Denken bedeutet nicht, unfähig zum Verändern zu sein, sondern beim Handeln auf den Zustand, der verändert wird zu achten, wobei das Verändern selbst ein intrasystemisches ist – es werden Teile des Systems verändert, aber nicht das System als solches (Beispiel Schulsystem: es werden Teile reformiert – Oberstufenreform, Rechtschreibreform, usw.). Es dient aber wohl auch und vor allem dazu, den jeweiligen Zustand zu erhalten – auch wenn wir die Welt in der Gegenwart als Zustand erleben, es ist eine Welt des Werdens und Vergehens. Man muss sich also den Veränderungen anpassen, um den „Besitzstand zu wahren“, den erreichten Zustand zu erhalten.
Handlungsorientiertes Denken bedeutet nicht, unfähig zum Bewahren, sondern tätigkeitsorientiert zu sein, wobei das Bewahren ebenfalls ein intrasystemisches ist, es werden Teile des Systems bewahrt, während das System verändert wird (Beispiel Mozart: Er verarbeitete auch das, was er an Anregungen erhielt so, dass die neu entstandene Einheit dieser Werke sich nicht mehr in die alten Formen einordnen ließ. Er schuf zudem mit seinen Klavierkonzerten etwas neues und anderes. Dennoch hielt er an Teilen seiner Kompositionen starr fest: Eine Klaviersonate hatte drei Sätze zu haben und nicht mehr). Es ist natürlich heikel, Mozart als Beispiel zu nennen, da ich damit impliziere, dass Mozart funktional-logisch dachte bzw. „ADS“ hatte, was nicht bewiesen ist. Andererseits gibt es Hinweise darauf, z.B. folgende Beschreibung Erich Valentins aus „Mozart – Weg und Welt“: „Was daraus folgerte, die Synthese der heterogenen Elemente von <alter> und <neuer> Musik, eben das, was sich in Mozart vollzog, beruhte auf den gleichen Voraussetzungen, die den literarischen Aufbruch im Zeichen der Naturpoesie, der Shakespeare-Begeisterung und des Sturm und Drang zur Klassik führten. Die kühne Größe seiner von Ausdruck und Spannung erfüllten Musik war das Neue und für manche Erschreckende (…..)Für die unmittelbare Zeitgenossenschaft war der durchaus berühmte <Tonkünstler> Mozart alles andere als unumstritten(….)Die <große Persönlichkeit> gab es schon immer, die Bewegung und Unruhe stiftende Kraft des Außergewöhnlichen.“(kursiv von mir)

Also weiter: Das prädikativ-logisch denkende Gehirn besitzt die Fähigkeit zum systematischlinearen, abstrakt-strukturellen Denken. Das funktional-logisch denkende Gehirn besitzt die Fähigkeit zum systemisch-stochastischen, konkret-Parallelen-vergleichenden Denken. Aus Gesprächen mit Lehrern weiß ich, dass ihnen auffällt, dass bei den prädikativ denkenden Kindern gegen Ende des Grundschulalters allmählich die Fähigkeit zum abstrakten Denken einsetzt, während so genannte ADS-Kinder immer noch konkret-anschaulich ( s. Piagets Phasen kindlicher Entwicklung, intuitiv-anschaulich – 4-7 Jahre und konkret-operational – 6/7 -11 Jahre) denken. Albert Einstein sagte einmal von sich: „How did it come to pass that I was the one to develop the theory of relativity? The reason, I think, is that a normal adult never stops to think about problems of space and time. These are things which he has thought of as a child. But my intellectual development was retarded, as a result of which I began to wonder about space and time only when I had already grown up. Naturally, I could go deeper into the problems than a child with normal ability.“
Wenn also im Physischen ein Vorteil in der Vielfalt der Möglichkeiten durch immer neue Genkombinationen besteht, so liegt der Vorteil im geistigen Bereich in der Vielfalt der Möglichkeiten im Umgang mit der Wirklichkeit – durch Kombination sowohl individueller statisch orientierter und individueller dynamisch orientierter Sichtweisen.
Dem Vorteil der besseren Anpassung an die Umwelt im Physischen würde im geistigen eine bessere Anpassung durch eine einfache Dialektik entsprechen: Die prädikative These erzwingt die funktionale Antithese. Beide gemeinsam führen schließlich durch das Einbringen sowohl prädikativer als auch funktionaler Sichtweisen und Argumente zur Synthese, also einem neuen und weiter entwickelten, durch das Übergewicht des prädikativen Denkens, Zustand. Durch die komplementäre Ergänzung der unterschiedlichen Denkweise zweier Gehirne können somit bessere und tragfähigere Lösungen erreicht werden. (Vesters Sensitivitätsmodell mit dem biokybernetischen Systemansatz ist möglicherweise deshalb so erfolgreich, weil es beide Denkweisen vereinigt- das müsste doch zu überprüfen sein.)

Von einer Geschlechtlichkeit im geistig-seelischen Bereich zu sprechen ist m. E. auch deshalb berechtigt, weil angenommen werden kann, dass das selbe menschliche Gehirn nicht zugleich die gegensätzlichen Aufgaben des spontanen Urteilens, verbunden mit der Fähigkeit zum systematischen Vorgehens nach eingehender Lagebeurteilung, des Ordnens und der Beständigkeit einerseits und des spontanen Schlußfolgerns zum Handeln und – damit verbunden – der (Zer-)Störung dieser von ihm selbst geschaffenen Systeme andererseits in sich vereinen kann (und ich meine Zerstörung bzw. Veränderung der Systeme, nicht Veränderungen innerhalb der Systeme – letztere sind auch dem prädikativen Denken möglich).
Zu Ihrer Anmerkung „Noch besser angepasst wären wir, wenn wir beides könnten und von Fall zu Fall umschalten könnten..“: Das Problem dabei ist zum einen der von Ihnen erwähnte Fall zu Fall und die Umstellung darauf – wenn es nur darum ginge, gäbe es diese Möglichkeit vielleicht. Die Schwierigkeit liegt in der Gleichzeitigkeit – ich sagte eingangs unter Zweck der Geschlechtlichkeit, im Gegensatz zur physischen Geschlechtlichkeit, bei der der Zweck in der Erhaltung der Art durch „Schaffen“ von Individuen besteht, liegt der Sinn der geistigen Geschlechtlichkeit im Überleben der Art als menschliche Gemeinschaft, durch das Lösen von Problemen, die die Gemeinschaft, nicht den Einzelnen betreffen. Wir sind soziale Wesen und ein Leben in der Gemeinschaft funktioniert nur dann gut, wenn man ein die Gemeinschaft betreffendes Problem gemeinsam löst und nicht jeder Einzelne nach Gutdünken und Vermögen drauflos agiert. Wir müssen anstehende Probleme gemeinsam lösen – das ist m. E. ein Argument für die Annahme zweier verschiedener Arten des Denkens – und das heißt, wir müssen beim selben Problem gleichzeitig prädikativ (bewahrend und ordnend ) und funktional (verändernd und zerstörend) vorgehen, dialektisch, wenn Sie so wollen – ich kann mir nicht vorstellen, wie so etwas gleichzeitig für ein Individuum möglich sein sollte – entweder will ich eine Sache bewahren und suche nach einer Lösung, die das möglich macht oder ich will sie (radikal) verändern, und suche nach einer solchen Lösung, aber beides zugleich? Wie soll das gehen? Es geht aber in der Gemeinschaft, s. z. B. Debatten in wirtschaftlichen Fragen zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierung – die einen wollen etwas bewahren, das die anderen verändern oder abschaffen wollen, und in jeder Gruppe muss es sowohl Personen der einen als auch die der anderen Art des Denkens geben, damit sich Kompromisse ergeben können.
Die Erledigung der jeweiligen Aufgaben ist an Fähigkeiten gebunden, die eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit erfordern. Im Fall des prädikativen Denkens ist die Aufmerksamkeit auf eine zentrale Variable und ihre (statischen) Merkmale und Relationen gerichtet, wobei allenfalls noch direkte Nebenwirkungen bedacht, aber die Umgebung, in der das Ganze stattfindet, sowie Faktoren, die durch die Schaffung einer Realität als Folge entstehen, nicht mit berücksichtigt werden.
Im Fall des funktionalen Denkens ist die Aufmerksamkeit auf die (dynamischen) wechselseitigen Abhängigkeiten der nicht für sich gewichteten zentralen Variablen und deren Kontextvariablen gerichtet, wobei die statischen Merkmale der zentralen Variablen nur berücksichtigt werden, wenn sie eine Schlüsselposition haben, d.h., wenn sie wichtig sind für den Zweck, den die zentrale Variable besitzt oder erfüllen soll.

Nun könnten Sie wiederum einwenden, dass man die jeweilige Art der Aufmerksamkeit ja auch lernen könnte, dass man die Aufmerksamkeit auch steuern kann. Ich denke, dies muss ich eingehender erläutern, allerdings werde ich das gesondert machen – sonst werde ich mit diesem Brief nicht mehr fertig.

 

3) Geschlechtsunterschiede, – merkmale im physischen und neurologischen Bereich

Hier erspare ich mir die Beschreibungen für männlich-weiblich, ich denke, die sind ja wohl hinlänglich bekannt.

Beim prädikativ-funktionalen habe ich zunächst noch wenig. Schwank (2003) geht auf diese Unterschiede beim Gehirn ein: „Die stabilen funktionalen oder prädikativen Verhaltensweisen unserer Versuchspersonen legen es nahe, dass das Gehirn die Augen entsprechend seines Interesses steuert, so dass entweder Merkmale ins Auge springen, diem über ihre Gleichartigkeit in Verbindung gebracht werden können oder dass Unterschiede ins Auge springen, die über einen Prozess mittels Werkzeuganwendung ins Zusammenspiel gebracht werden können.“ Und sie zitiert aus Singers „Neurobiologische Anmerkungen zum Konstruktivismus-Diskurs“: „Das System (gemeint ist die Großhirnrinde, Anmerk. von mir) beschäftigt sich hauptsächlich mit sich selbst; 80 bis 90 % der Verbindungen sind dem inneren Monolog gewidmet.“
Ich kann nun natürlich auf die Dichte von Dopamin, also die von Ihnen angesprochenen Transmitterquantitäten im Kernhirnbereich eingehen, ebenso auf die anatomischen Unterschiede von Teilen der rechten Hirnhälfte, aber nachgewiesen ist beides ja nur für ADSPersonen, nicht für Funktionale. Gehe ich einmal davon aus, dass ADS-Personen zu den funktional denkenden gehören, dann gibt es durchaus Hinweise auf Unterschiede, die sich der von mir postulierten Funktion zuordnen lassen. Castellanos, Hynd, Filipek und andere haben z.B. Abweichungen in Teilen des Gehirns gefunden, die sich bestimmten Aufgaben zuordnen lassen. Mertens (2001) schreibt hierzu: „…Veränderungen in dem rechtsseitigen vorderen Stirnhirn (dem präfontalen Cortex) und zwei tiefsitzenden Basalganglien, die kleiner sind als normal… Diese Regionen steuern die Aufmerksamkeit, wobei das rechte vordere Stirnhirn an der Planung von Verhalten teil hat und hilft, Ablenkungen zu widerstehen und ein Bewusstsein von Selbst und Zeit zu entwickeln. Die tiefer sitzenden Basalganglien sind beteiligt, automatische Reaktionen abzuwägen und angemessene Entscheidungen zu treffen“. Die Unterschiede im Anatomischen sind zwar insofern nicht vergleichbar, als bei der physischen Geschlechtlichkeit die Genitalien sich grundlegend auch in der Gestalt unterscheiden und nicht in der Größe. Aber im einen (physischen) wie im anderen (geistigen) Fall haben diese Unterschiede einen Bezug zur Funktion. Und was im Physischen die Hormone betrifft, eine ähnliche Rolle könnten im Geistigen die Unterschiede im Neurotransmitterbereich spielen. Bisher hat man sich leider nur darauf beschränkt diese Unterschiede festzustellen und sie im Vergleich zu den als Norm gesetzten Gegebenheiten des Gehirns der vermeintlich „gesunden“ Personen als krank anzusehen. Es ist aber noch niemand auf den Gedanken gekommen, einmal zu untersuchen, ob diese Unterschiede mit einer Funktion verbunden sind, wie ich dies behaupte.
Es gilt, die richtige Art der Beweisführung zu finden. Und möglicherweise trifft auch zu, was Sie schon mit dem Alkoholismusvergleich angesprochen haben – es kann, muss aber nicht sein, dass beim betreffenden Personenkreis im Striatum eine höhere Dichte der Dopamintransporter vorliegt.
Nun könnte man natürlich einwenden, dass es dennoch einen gravierenden Unterschied gibt, der einer Analogie von Geschlechtlichkeit im Physischen und meiner These einer Geschlechtlichkeit im Geistigen entgegen steht: Das Verhältnis von männlich / weiblich ist in etwa ein 1 : 1 –Verhältnis. Im geistigen Bereich haben wir es beim prädikativen zum funktionalen Denken mit einem deutlich überwiegenden Anteil an prädikativ-logisch denkenden Personen zu tun. Das Verhältnis dürfte im Schnitt zwar höher sein als der Schnitt von „normgesteuerten“ zu ADS-Personen – da differieren die Angaben zwar ebenfalls, aber sie liegen im Schnitt um die 5 % – viel höher wird er allerdings wohl auch nicht liegen, ich schätze einmal so um die 15 – 20%.
Interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang folgendes: In der Biologie gibt es im Zusammenhang mit Geschlechtlichkeit den Begriff Anisogamie. Gemeint ist damit, dass es zwei Arten von Fortpflanzungszellen (Gameten) gibt, männliche – beim Menschen und Säugetieren Spermien – und weibliche – beim Menschen und Säugetieren Eizellen. Relevant ist hier der Selektionsdruck, was bedeutet, es ist einerseits von Vorteil, wenn es möglichst viele und kleine Fortpflanzungszellen gibt. Es ist andererseits von Vorteil, wenn die Zelle möglichst groß ist, um lebensfähiger zu sein. Menge geht jedoch nur auf Kosten von Größe, also entweder viele kleine (männliche Samen-) oder weniger und große (weibliche Ei-)Zellen. Es gäbe zwar die Möglichkeit des mittleren Maßes, aber laut Bischof konnten Forscher (Parker, Baker & Smith, 1972) zeigen, dass solche Individuen schlechter dran sind als jene, die sich für die Extreme entschieden haben – so wie der Mensch (S.41) : „…Die Individuen einer Art variieren auf einer bestimmten Merkmalsdimension, und (….) an diesem Merkmal setzen zwei unabhängige Selektionsdrucke in entgegensetzter Richtung an. Es bringe also Vorteile, wenn die Individuen sich möglichst weit an den linken Rand der Merkmalsskala drängen, zugleich aber auch wiederum andere Vorteile, wenn sie möglichst weit rechts zu liegen kommen.(….) Unter bestimmten, mathematisch angebbaren Bedingungen kann die Population aber auch einen Dimorphismus in bezug auf das betreffende Merkmal ausbilden; es gibt dann Individuen am linken und solche am rechten Rand der Merkmalsskala, aber keine dazwischen.“
Ich hoffe, dass ich nun nicht einer falschen Schlußfolgerung erliege, wenn ich diese biologische Faktoren auf das Denken übertrage: Wenn es zwei Vorteile gibt, die jedoch an entgegengesetzten Polen liegen, da sie sich nicht vereinbaren lassen – z. B. viel und klein, wenig und groß – so dass es nur ein Entweder / Oder, (eine 0 / 1 –Verschaltung), aber nichts dazwischen gibt, dann könnte dies für eine Geschlechtlichkeit auch im Geistigen sprechen: Viel und statisch, wenig und dynamisch. Vielleicht kann man das sogar mathematisch beweisen: Wenn viel und statisch gleich Bewahren und wenig und dynamisch gleich Verändern heißen soll und zuviel Statisches Stagnation und zuviel Dynamisches Chaos zur Folge hat, wie ich ja behaupte, dann müsste sich das Verhältnis ausrechnen lassen, das notwendig ist, um ein interdependentes Gleichgewicht zu erreichen: Wieviel an Bewahrendem einerseits und wieviel an Störfaktor andererseits braucht es dafür? Vielleicht gibt es Systeme, Regelkreise, an denen man das untersuchen kann, es muss ja nicht gleich unsere gesamte Umwelt sein.

 

4) Ausnahmen

Ist bei männlich-weiblich diesmal einfach – Homosexualität, Zwittertum, Infertilität usw. – wie schon am Telefon gesagt, sind diese Einschränkungen nicht der Beweis dafür, dass es keine zwei Geschlechter geben kann. Dies wäre erst dann bewiesen, wenn z. B. ein Mann auf natürliche (!!!) Weise schwanger wird. Das halte ich jedoch für ausgeschlossen – und da spreche ich aus Erfahrung – so oft mein Mann und ich es versucht haben, jedes Mal war ich diejenige, die schwanger wurde und dabei hätte mein Mann es wenigstens einmal auch ganz gerne erlebt – behauptet er wenigstens.

Bei prädikativ-funktional tue ich mich wieder einmal schwer. Möglicherweise gibt es solche Einschränkungen. Da aber bislang außer Frau Schwank und mir keiner diese Trennung vorgenommen hat, sondern, wie Schwank es nannte, beides vermengt wurde, können Einschränkungen m. E. erst durch eingehende Studien festgestellt werden, wenn man über etwas fällt, das wie im obigen Fall nicht der Norm – und zwar der Norm des Entweder-Oder-Seins – entspricht.

Inwieweit jetzt die von mir angeführten Beispiele dazu dienen können, meine Hypothese der „Eigenständigkeit“ empirisch zu belegen, weiß ich nicht. Im Grunde bediene ich mich eines „Kniffes“, den andere schon vor mir verwendet haben und den auch Dörner (1974) anspricht, wenn er sagt: „Auf Dauer aber kann eine Wissenschaft nicht ohne große theoretische Entwürfe, die empirisch vielleicht zunächst wenig gesichert sind, nicht existieren.“
Mit Kniff meine ich, dass ich meine These gewissermaßen „axiomatisch“ setze, um damit arbeiten zu können, weil sich damit bestimmte, beobachtbare Verhaltensphänomene erklären lassen (auch wenn es vielleicht kein „großer“ Entwurf ist). Das haben andere ebenfalls gemacht, berühmtes Beispiel in einem Auszug aus E.P Fischer (1995): „ Das bekannteste Beispiel an dieser Stelle liefert uns Albert Einstein, dessen Briefe aus den Jahren zwischen 1902 und 1914 vor kurzem publiziert worden sind. Sie stammen also aus der Zeit, in der Einstein zuerst seine spezielle und dann seine allgemeine Relativitätstheorie entwickelte, und zwar ohne daß es dafür eine experimentelle Bestätigung gab“. Jetzt sagen Sie bitte nicht: „Quod licet Jovi…..!“
Ob nun alles zutrifft, was ich hier angeführt habe, das müsste also noch untersucht und belegt werden. Es muss Sie auch gar nicht überzeugen, im Gegenteil, es gefällt mir außerordentlich, in dieser Form mit Ihnen zu „streiten“, danke dafür und

viele Grüße,
Elisabeth Dägling

Impressum

Verantwortlich für Webinhalt
Elisabeth Dägling
E-Mail: info@kausalitaet-und-adhs.de

Konzeption und Produktion Web
mw ² >multidesignstudio
München
www.mw2.org

Haftungshinweis:

Trotz sorgfältiger Prüfung und ständiger Aktualisierung können wir keine Haftung für die auf dieser Webseite veröffentlichten Inhalte übernehmen. Dies gilt auch für die Seiten, die von dieser Seite aus verlinkt sind. Für deren Inhalt sind ausschließlich die Betreiber der Webseiten verantwortlich. Ebenso betrifft das Seiten, die mittels Link auf diese Seite verweisen. Des weiteren behalten wir uns das Recht vor, Änderungen oder Ergänzungen der hier bereitgestellten Informationen vorzunehmen.

Das Copyright der auf dieser Seite verwendeten Texte u. Illustrationen liegt bei E. Dägling. Das Verwenden der Texte ist nur nach Rücksprache möglich.