Denkarten & Denkstile
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Denkarten & Denkstile

Lieber Herr Dr. Tisdale,

Sie sagten, nachdem Sie meine These nun kennen, sei deutlich geworden, worin der Unterschied zwischen Denkarten und Denkstilen besteht. Dennoch sollten wir, so meine ich, diesen Unterschied noch einmal aufzeigen, weil dies hilfreich sein kann für die Entwicklung von Konzepten zur Förderung prädikativer wie funktionaler Kinder.
Bei Robert Sternberg(1997) habe ich nachgelesen, was unter Denkstilen zu verstehen ist, wie sie beschrieben und unterschieden werden. Ich liste sie hier kurz auf, um nachher genauer darauf eingehen zu können.
Mehrere Hinweise von Sternberg scheinen mir besonders beachtenswert: Zunächst einmal spricht er davon, dass wir nicht nur einen einzelnen Denkstil haben, sondern ein Denkstileprofil. Denkstile sind danach Denkweisen, sie sind also keine Fähigkeiten (auch keine Eigenschaften), sondern wie Sternberg sagt, bevorzugte Weisen, die eigenen Fähigkeiten zu nutzen: „It is not an ability, but rather, a preferred way of using the ability one has.“ Denkstile können gelehrt werden, sie können kulturell bedingt sein – ich komme darauf zurück – und sie können sich im Laufe des Lebens ändern. Mit Denkarten ist dagegen gemeint, wie und nach einer Regel das menschliche Gehirn Information zum Zweck ihrer Verarbeitung zu Einheiten zusammensetzt. Es war, solange ich den Begriff Denkart nicht definieren konnte so schwierig zu beschreiben, worin der Unterschied besteht. Selbst mit der Theorie von Frau Schwank ließ sich nicht eindeutig erklären, das Denkart etwas grundsätzlich anderes meint als Denkstil. Deshalb war ich auch vorübergehend etwas beunruhigt, als ich in der „Gehirn und Geist“ 3 /2003 den Artikel vom „asiatischen Denken“ las, in dem asiatisches Denken als holistisch und eines in Wechselwirkungen und westeuropäisch-usamerikanisches Denken als analytisch und als eines in Begriffen beschrieben wurde. Es wurde dann bei nochmaliger Lektüre allerdings deutlich, dass mit den Begriffen holistisch und analytisch Denkstile gemeint waren. Und die Wechselwirkungen entpuppten sich als Beziehungen- Geflecht, nicht aber als eines aus Wirkungen. Bevor ich nun darauf weiter eingehe, möchteich erst einmal schildern, wie ich diesmal vorgegangen bin:

Ich habe nach der Lektüre von Sternbergs „Thinking Styles“ die verschiedenen Denkstile, die Sternberg genannt hat, auf ein Blatt Papier untereinander geschrieben – in gleicher Ordnung, wie er dies getan hat. Das Interessante daran ist – und deswegen bin ich auch so vorgegangen – , dass schon beim Benennen der Stile und mehr noch bei ihrer Beschreibung man dazu neigt, einige von ihnen als „typische Eigenschaften“ von ADS-Personen zu bezeichnen, nehmen Sie nur die Impulsivität! Das ist ein klassisches ADS-Symptom – und daran sieht man vielleicht auch schon, wie sehr kurz die derzeitige ADS-Sichtweise greift. Sie orientiert sich mit der Beschreibung von Symptomen im DSM IV an Denkstilen und schließt offenbar daraus, es müsse sich um  Symptome für eine Krankheit handeln. Aber nun zähle ich die Stile nach Sternberg erst einmal auf:

Zuerst die einzelnen Funktionen:Legislativer, judikativer und exekutiver Stil,
dann die Formen: monarchisch, hierarchisch, oligarchisch und anarchisch,
anschließend die Ebenen – global und lokal;
sowie die Bereiche – internal und external;
und die Neigungen – liberal und konservativ.
Dann gibt es noch die persönlichkeitszentrierten wie Intro- und Extraversion und die Präferenz für konkretes oder abstraktes Denken,
die kognitionszentrierten wie Feldabhängigkeit und –unabhängigkeit, die Präferenz Dingeeher nach Übereinstimmung oder Unterschieden zu identifizieren (aha!, das klingt ja schon sehr nach prädikativ vs. funktional), und entweder impulsiv oder reflexiv zu denken,
und schließlich die aktivitätszentrierten Denkstile wie den konvergenten im Gegensatz zumdivergenten Denkstil.

Anschließend habe ich neben jeden Stil die Namen von Personen hingeschrieben, von denen ich meine, dass der jeweilige Stil für die Person zutrifft. Insgesamt waren es zehn Personen, mich eingeschlossen, die also je nach Denkstil mehrmals auftauchten. Von diesen Personen gehören fünf zu den funktional denkenden und fünf zu den prädikativ denkenden. Beim Denkstil „legislativer Typ“ z. B. hatte ich drei Namen stehen – den zweier funktional denkender und den einer prädikativ denkenden Person. Bei den „Formen“ hatte ich mich selbst zunächst unter „hierarchisch“ eingetragen, aber ich habe noch mal in Feyerabends „Wider den Methodenzwang“ nachgelesen und mich danach eines Besseren belehren lassen – ich muss ein anarchischer Typ sein, in mir steckt etwas von Mephisto: der Geist, der stets verneint!
Das Ergebnis war: es gab zwar Tendenzen für bestimmte Stile für die eine oder die andere Art zu denken – hinter legislativ, impulsiv und divergent z. B. standen mehr funktionale Personen, aber ausschließlich zuordnen ließen sie sich auch nicht. Mir fiel während der Lektüre des Buches auf, dass Sternberg großen Wert darauf legt, zwischen Fähigkeiten und Denkstilen zu unterscheiden, die man auseinander gehalten werden müssen. Seine Schwierigkeiten bei der Beschreibung der Unterschiede erinnerten mich an meine, die ich hatte, bevor ich den Begriff Denkart definieren konnte. Und genau darin, in dieser Schwammigkeit der Definition liegen auch die Gründe für die Schwierigkeiten bei der Beschreibung des Verhaltens oder der Verhaltensweisen: Denkarten, Denkstile, Eigenschaften und Fähigkeiten werden miteinander vermengt, zumal die Grenzen fließend sind, und Primäres und Sekundäres wird in einen Topf geworfen – ich habe ja gerade oben auch festgestellt, dass die Beschreibung verschiedender Denkstile sich auch in der Definition für die beiden Denkarten wiederfinden lässt.
Daraus werden Rückschlüsse zur Beurteilung des Verhaltens gezogen, die zwangsläufig zu Irrtümern bei der Beurteilung führen müssen. Eine klare Zuordnung, die eine sachlich richtige Beurteilung erlaubt, kann nicht erfolgen, weil etwas Wesentliches fehlt: die Definition. Für den Begriff Denkart habe ich diese Definition gefunden und ich kann sie mit einer Formel beschreiben. Für die Begriffe Denkstil und Fähigkeiten stehen diese eindeutigen Formulierungen, wie ich meine, noch aus. Das macht es für die Leute so schwierig, sich bei der Beurteilung oder Diagnostizierung eines Verhaltens von seiner Komplexität zu lösen und zu differenzieren.
Da ich ein Fan von Vergleichen und Analogien bin, muss ich hier einmal einen solchen Vergleich zur Verdeutlichung bringen: Wenn ich einen Kuchen backen möchte, dann habe ich in der Regel schon eine Vorstellung, welcher es denn nun genau sein soll. Nichtsdestotrotz muss ich, wenn ich mit den Vorbereitungen beginne, mich an den Bedingungen orientieren, die zur Herstellung des Kuchens nötig sind. Zunächst einmal muss ich wissen: will ich einen Blechkuchen backen oder einen in der Form? Als nächstes kommt der Teig: was für einer soll es sein und welche Zutaten brauche ich dazu? Für die Zusammensetzung der Zutaten kommt es auch darauf an, ob es ein Blech- oder ein Formkuchen sein soll. Und schließlich sind die Feinheiten dran, die den individuellen Kuchen ausmachen. So ähnlich könnte man sich den „Aufbau“ beim menschlichen Denken vorstellen: Erst die Denkarten (Blech oder Form), dann die Eigenschaften und Fähigkeiten (Teig) und schließlich die Denkstile (spezieller Kuchen). Wenn es bei zwei Arten und einer begrenzten Menge an Teigen, die bekannt sind, schon eine unglaubliche Menge  verschiedenster Kuchen und Torten gibt, dann kann man sich gut vorstellen, wieviel mehr an individuellen Unterschieden im Verhalten möglich sind, wenn man die Menge der Fähigkeiten und Eigenschaften – inklusive der Bandbreite von Emotionen – und die diversen Denkstile bedenkt. Rechnen Sie dazu die umfeld- und umweltbedingten Variationen, die Unterschiede durch das jeweilige Geschlecht eines Menschen – die Zahl der individuellen Unterschiede im Verhalten nimmt astronomische Ausmaße an.

Mit diesem Vergleich verfolge ich einen Zweck – Sie wissen ja, kein Funktionaler kann denken ohne Zweck: Wenn ich wie beim Kuchen backen die Fakten und Bedingungen kenne, dann fällt mir leicht, beim fertigen Kuchen zu erkennen, um welchen es sich denn handelt. Und falls ich einen Kuchen vorgesetzt bekomme, dessen Rezept der Bäcker nicht herausgeben will, kann ich doch anhand meiner Kenntnisse und mit ein wenig Probieren einen ähnliche Kuchen nachbacken. Habe ich diese Kenntnisse nicht oder nur zum Teil, werde ich rückblickend dem fertigen Kuchen nicht ansehen können, welche Bedingungen zu seinem endgültigen Aussehen beigetragen haben.
Vor diesem Problem stehen die Fachleute momentan, die sich mit der Beurteilung des Verhaltens von ADS-Personen befassen – sie kennen die Bedingungen, die Voraussetzungen nicht oder nur zum Teil, und sie versuchen nun, vom komplexen Verhalten der Personen Rückschlüsse auf die Ursachen zu ziehen. In Unkenntnis der zugrunde liegenden Ursache werden dabei Fähigkeiten und Eigenschaften mit Denkstilen vermischt – primäre und sekundäre Ursachen vermengt- Und gerade diese Komplexität des Verhaltens einerseits und die fehlende Kenntnis der zugrunde liegenden Ursache andererseits machen die Diagnose nach dem bisherigen Muster so aufwändig.

Doch zurück zu den Denkstilen. Für einige von ihnen scheint es eine Präferenz zu geben, was die jeweilige Denkart angeht, wie die genannte Impulsivität. Nun macht Sternberg bei seiner Auflistung von Denkstilen Unterschiede: Während er für Formen und Funktionen noch drei bzw. vier Stile nennt, die in die jeweilige Kategorie gehören, sind es ab den Ebenen und vor allem bei den persönlichkeits- kognitions- und aktivitätszentrierten Stilen Gegensatzpaare. Es wäre zu prüfen, ob es sich hier tatsächlich um Denkstile im von Sternberg eingangs genannten Sinne handelt, nämlich um solche, die erlernt werden, die kulturell bedingt sind oder sich im Laufe der Zeit verändern. Bei der Besprechung dieser Gegensatzpaare, z.B. Impulsivität- Reflektivität weicht er von dieser Definition nämlich ab. Er bezieht sich bei der genannten beispielsweise vor allem auf Arbeiten von Jerome Kagan, der sich mit diesen beiden „Denkstilen“ eingehend beschäftigt und sie so benannt hat. Und nach Kagan hat sich in einer ganzen Zahl von Studien gezeigt, dass diese „Stile“ über die Zeit hinweg relativ stabil erhalten bleiben, sich also nicht im Laufe der Zeit verändern. Es ist auch fraglich, ob Impulsivität „gelernt“ werden kann. Und dass sie kulturell bedingt sein sollte halte ich für ein Gerücht. Damit will ich nun nicht behaupten, es könne sich beim Gegensatzpaar „impulsivreflektiv“ nicht um Denkstile handeln. Es soll auch nicht heißen, wir haben es mit einem Ebenenproblem zu tun – Impulsivität sei also kein Denkstil, sondern eine „Fähigkeit“ (dann doch wohl eher eine Eigenschaft, aber die nennt Sternberg nicht – könnte es sein, dass Fähigkeiten und Eigenschaften als ein und das selbe gesehen werden? Das hoffe ich doch nicht! Für den Fall, dass eine Unterscheidung notwendig sein sollte: Eigenschaft meint, was ich bin, Fähigkeit meint, was ich kann.). Es soll nur heißen, hier fehlt mir mal wieder eine eindeutige Definition, die von Sternberg genannten „Kriterien“ sind nicht ausreichend. Neben diesen müsste, solange es nichts besseres an Erklärungen gibt, zumindest noch als Kriterium hinein, dass Denkstile und Fähigkeiten oder Eigenschaften auch Denkart-bedingt sein können, wie z.B. auch beim Gegensatz konkret-abstrakt. Denn auch wenn für funktional denkende (oder ADS-)Personen eine Präferenz für impulsives Handeln und konkretes Denken bestehen kann, heißt das noch lange nicht, dass nun alle Funktionalen mehr oder minder impulsiv sind – oder nicht abstrakt denken können. Bei letzterem stellt sich m. E. wohl eher die Frage, wovon abstrahiert wird.

Beunruhigt hatte mich ja vorübergehend auch der bereits erwähnte Artikel in der „Geist & und Gehirn“, „Denken auf asiatisch“ und ein weiterer Artikel Nisbetts, wonach der usamerikanische Forscher und seine asiatischen Kollegen zu der Ansicht neigen, das holistische Denken asiatischer Menschen und das analytische Denken westeuropäischer und usamerikanischer Menschen sei kulturell bedingt. Als Definition für Denkstile hatte Sternberg ja ebenfalls die kulturelle Komponente genannt. Aber von zwei unterschiedlichen Denkstilen, nur weil sie in verschiedenen Regionen der Erde bevorzugt auftreten, die These zweier unterschiedlicher Gehirne abzuleiten, finde ich schon gewagt – ich erinnere mich an eine mail von Ihnen, in der Sie sagten, dann hätten alle Menschen ein „eigenständiges“ Gehirn – weil ja weitere Denkstile hinzukommen – siehe Sternbergs Denkstileprofil. Zu meiner Beruhigung sagte mir Frau Schwank, dass ihre in Asien durchgeführten Studien zum prädikativen und funktionalen Denken nicht ergeben hätten, dass Asiaten mehrheitlich eine andere – funktionale – Art des Denkens präferieren. Und auch die Erhebungen in weltweiten Untersuchungen zur Häufigkeit von ADS haben in Asien nicht zu bedeutend anderen Ergebnissen geführt als in Europa oder USA. Die Schwankungen sind, wie Trott (1993) es einmal nannte, vor allem auf uneinheitliche Standards bei den Untersuchungen zurück zu führen und nicht auf eine mögliche Häufung betreffender Personen in einem bestimmten Land. Auf die Aussagen Nisbetts, wonach asiatisch-holistisches Denken eines ist, dass Gegensätze in sich vereint, was dem europäisch-analytischen Denken nicht entspricht, bin ich bereits eingegangen. Die Autoren des Artikels in der G & G meinten denn auch, man dürfe das holistische Denken nicht gleichsetzen mit dialektischem Denken, z.B. im Marx`schen Sinne. Es gibt, wie ich meine, jedoch auch in unserer Kultur Hinweise auf ein Denken, welches holistisch im gemeinten Sinne ist. Heraklit hatte ich schon genannt; hier nur noch ein Beispiel aus jüngerer Zeit, nämlich von Hermann Hesse: „Unsere Bestimmung ist, die Gegensätze richtig zu erkennen, erstens nämlich als Gegensätze, dann aber als Pole einer Einheit“.

Aber da wir die Frage des Unterschiedes von Denkarten und Denkstilen nun mit Hilfe der Integrationsvarianten zufriedenstellend klären konnten – denke ich doch, oder? – muss ich mich ja nicht mehr ereifern. Eines möchte ich nur noch anmerken. Mir ist aufgefallen, dass Sternberg ein Gegensatzpaar entschieden vergessen hat zu nennen. Das will ich hier nachholen, bin mir allerdings nicht ganz sicher unter welches der Denkstilpaare ich es einordnen sollte; persönlichkeitszentrierte gefiele mir am besten, aber da bin ich leidenschaftslos: Es darf auch anders untergebracht werden. Und hier ist es:
chaotisch vs. pedantisch – hübsch, nicht wahr? Und Sie kommen bestimmt nie drauf, welcher der beiden Stile für mich zutrifft.
Aber weil ich vorhin von möglicherweise denkartbedingten Denkstilen gesprochen habe muss ich noch etwas nachtragen – meine ich jedenfalls. Ohne mich jetzt festlegen zu wollen auf Stil oder Eigenschaft: Mir ist in den zwei Jahren, in denen Sie und ich uns mit dieser meiner Entdeckung beschäftigen, etwas an meiner Art zu denken – und das ist, wie Sie wissen die funktionale – aufgefallen. Ich bezeichne es jetzt einmal als „Schluderhaftigkeit“, obwohl diese Bezeichnung nicht wirklich zutrifft. Was ich mit schluderhaftig meine, ist bedingt durch das spontane Schlußfolgern. Ich hatte ja bereits, als ich meine These vorstellte, davon gesprochen, dass funktionales Denken ein eher schlußfolgerndes Denken sei, während prädikatives ein zunächst urteilendes und (be)wertendes ist. Wenn Sie sich erinnern, ich hatte einmal die Vorgehensweisen bei der Lösung der QuaDIPF-Aufgaben beschrieben: Um bei den funktional lösbaren Aufgaben zum richtigen Ergebnis zu kommen brauche ich mir nicht alle acht Figuren einer Aufgabe anzuschauen, mir reichen im Schnitt fünf. Und ich muss sie nicht einmal genau anschauen, um zur Lösung zu kommen. Bei diesen Aufgaben stören bzw. irritieren mich die restlichen Figuren mehr, als dass sie zur Lösungsfindung beitragen. Was dann erst im Nachhinein erfolgt ist das Überprüfen – und dazu braucht man dann alle Figuren und ihre Details. Diese Überprüfung bleibt allerdings aus, wenn entweder niemand nachfragt (wie kommst du darauf?) oder man einen „Schuß vor den Bug“ bekommt (rede nicht solchen Unsinn, schau erst einmal genau hin, bevor du den Mund aufmachst). Solche negativen oder ausbleibenden Reaktionen fördern die „Schluderhaftigkeit“, weil auch der Betroffene seine Aussage oder These daraufhin nicht mehr überprüft.

Das Gefährliche an solchen spontanen, oder auch impulsiven Bemerkungen ist die scheinbare „Schluderhaftigkeit“: Man kennt nur wenige Fakten, wirft aber eine solche nur auf der Basis dieser wenigen Fakten beruhende spontane Folgerung in den Raum: da ist sie. Da sie in Form einer Aussage gemacht wird, sieht es so aus, als stehe dahinter die Überzeugung, diese Aussage trifft zu, die Person, die sie geäußert hat, ist zu diesem Urteil gekommen. Das ist jedoch nicht unbedingt der Fall. Die Schlußfolgerung, die da in den Raum gestellt wird, ist in den meisten Fällen eine Hypothese, die als Aussage formuliert wurde. Wenn Sie sich erinnern: die Antworten auf das beim Kanizsa-Dreieck waren solche Hypothesen, obwohl sie nicht hypothetisch genannt wurden: „Das sind Leute, die ins Leere reden“, „das hat was mit optischer Täuschung zu tun“. Und die Kinder, die ein Modell aus baufix nur nach Anweisung ohne Kenntnis des fertigen Modells bauen sollten, stellten ebenfalls z. T. Hypothesen in dieser Form auf: Ich weiß, was es wird, es wird ein Auto.
Was ich so – fast möchte ich sagen: tragisch – finde ist, dass solche Äußerungen in der Regel nicht als hypothetische Äußerungen erkannt und gesehen werden, leider auch nicht von den Betreffenden selber – für sie ist erst einmal nur offensichtlich: so wird es sein. Nun kommt prädikatives Denken aber zunächst einmal zu Urteilen (Feststellungen), bevor Folgerungen gezogen werden. Wenn nun von einer funktional denkenden Person eine solche Hypothese in Form einer Ist-Aussage gemacht wird, dann wird sie von einer prädikativ denkenden Person als Urteil bewertet: „Das hat derjenige, der diese Aussage macht, festgestellt“, denn dies entspricht ja seiner Art zu denken.
Wenn nun diese Hypothese entweder falsch ist oder nicht zu erkennen ist, wie derjenige, der sie aufgestellt hat, zu ihr gekommen ist, dann wird nun umgekehrt ein Urteil gefällt: Die Person redet Unsinn. Funktionales Denken braucht aber diese Hypothesen als „Ergebnisse“, weil ein Ziel in den Bedingungsteil geholt werden muss. Es wird auch keineswegs starr an ihnen festgehalten, sondern sie werden verworfen, wenn sie sich als nicht zutreffend oder als Modell nicht hilfreich erweisen. Eines der Kinder in der o.g. Beobachtung hat dies ebenfalls gemacht: Es kam zunächst zu der Annahme, es wird ein Auto, im weiteren Verlauf revidierte es die Annahme und meinte, es werde ein Kran.
Aber solche spontanen Schlußfolgerungen, die in der Mehrzahl der Fälle zunächst einmal Hypothesen sind, werden funktional denkenden Personen leicht zum Verhängnis. Die Reaktion ist nämlich meist eine negative, s.o. Mit diesen Reaktionen provoziert man bei den betreffenden Personen ein hohes Maß an Unsicherheit, Ängstlichkeit und Orientierungslosigkeit. Im zweiten Teil der Studie haben wir, die Studentin und ich, Frau Schwank gefragt, ob die Instruktion bei den QuaDIPF-Aufgaben erweitert werden kann. Wir wollten den Zusatz: „Jeder von uns hat seine Art, eine Aufgabe, ein Rätsel zu lösen. Ich möchte wissen: wie hast du es gemacht.“ Diesen Zusatz haben wir gebraucht, weil beide Studentinnen übereinstimmend feststellten, dass die Kinder, sobald sie gefragt wurden, wie sie denn zur Lösung gekommen seien und warum sie meinen, dass die Lösung richtig ist, nicht etwa eine Erklärung abgegeben, sondern sofort nach einer anderen Lösung gesucht haben.
Das Verhalten lässt sich interpretieren: die Kinder haben gelernt, dass ihre spontanen Folgerungen negative Reaktionen hervorgerufen haben – man hat ihnen ihre Hypothesen nicht gelassen, damit sie mit ihnen arbeiten können, sondern sie gleich verworfen, ohne ihnen die Chance zu geben, sie überprüfen und selber verwerfen zu können. Wenn nun gefragt wird, wie sie denn darauf gekommen sind, dann konnte erfahrungsgemäß die Lösung nur falsch sein, sonst würde ja nicht gefragt werden. Bei richtigen Lösungen wird nämlich nicht nachgefragt.

Anders sieht es mit spontanen Folgerungen aus, wenn man vom Fach ist. Bei Folgerungen, die hier von funktional denkenden Personen spontan genannt werden, stimmt der Hintergrund. Ihre Grundlage sind nicht einige wenige Prämissen, sondern die betreffende Person besitzt aufgrund ihrer beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen einen ausreichenden Wissensstand. In solchen Fällen lässt sich dann auch erklären, wie man zu dieser Folgerung gekommen ist, bzw. man kann rekonstruieren und mit Fakten oder Argumenten belegen, was zu dieser Folgerung geführt hat.
Dies ist jedoch keineswegs immer der Fall. Ich erinnere mich an eine Situation, in der in der Supervision ein Fall durchgesprochen und nach der richtigen Vorgehensweise gesucht wurde. Ich hatte spontan die m. E. geeignete im Kopf, habe sie aber für mich behalten, um die Vorgehensweise der anderen zu beobachten. Außerdem: hätte man mich nach einer Begründung gefragt, wäre ich sehr schnell in Erklärungsnotstand geraten. Vermutlich hätte mich aber, wenn ich sie tatsächlich geäußert hätte, niemand gefragt, wie ich darauf komme. Sondern man hätte sie zunächst einmal verworfen, weil sie ja noch gar nicht durchdiskutiert worden war. Die anderen haben dann vier Stationen gebraucht – und bei jeder dachte ich: oh, das hab ich gar nicht bedacht – , um dann schließlich genau bei der zu landen, die mir spontan als die geeignetste erschienen war.

Als ich damals zu meiner Entdeckung kam war das im Grunde auch eine spontane Schlußfolgerung, eine ohne Kenntnisstand: die einen konzentrieren sich auf die Sache als solche, die anderen beziehen die Umgebung mit ein = es gibt zwei menschliche Gehirne – so ist es!
Sie wissen, ich habe ja auch von Anfang an davon gesprochen, es gebe zwei Gehirne. Und ich habe auch zunächst nur diese Aussage gemacht, ohne sie begründet zu haben, was sich als schludern interpretieren lässt. Erst als die Reaktion ausblieb, bin ich daran gegangen, sie zu überprüfen und auszuarbeiten. Und doch gibt es hier einen Unterschied: Ich habe keine Hypothese aufgestellt, sondern ich wusste! Mit den Beobachtungen, die ich durchgeführt habe, habe ich auch nicht eine Hypothese zu überprüfen versucht, sondern nach Mitteln gesucht, um meine Entdeckung verständlich beschreiben zu können. Wäre es nur eine Hypothese gewesen, hätte ich sie irgendwann aufgegeben und verworfen, weil ihre Überprüfung zu viel Aufwand erfordert hätte. So aber bin ich an der Sache dran geblieben. Wie gesagt, ich habe eine offenkundig wenig fundierte Behauptung aufgestellt, die sich so, wie ich sie aufgestellt habe auch nicht in einfache Aussagesätze fassen und überprüfen lässt. Infolgedessen musste ich so lange zurück gehen und mir Kenntnisse aneignen, bis ich in der Lage war, diese Aussage zu begründen. Und hier habe ich als Laie eine massiven Nachteil: Ich kann mit meinen Behauptungen noch so Recht haben – wenn ich keine Möglichkeit habe, an die Fakten und die Quellen zu kommen, um mir das für eine Begründung notwendige Wissen anzueignen, dann habe ich keine Chance, zu einer profunden, gut begründeten Hypothese zu kommen. Ohne Ihre Hilfe wäre mir niemals möglich gewesen, die beiden Programme zu entdecken und zu beschreiben. Wie hätte ich z.B. an das Memorandum kommen sollen, wenn Sie es mir nicht zugeschickt hätten? In beiden Fällen, den oben genannten Hypothesen und bei einer Entdeckung ebenso wie einer Folgerung, die dem beruflichen Kenntnisstand entspringt und eine aus der Erfahrung ist, muss überprüft oder, bei einer Behauptung, die aus der Erfahrung kommt, doch wenigstens die Folgerung begründet werden. Der Unterschied ist: Im ersten Fall arbeitet man auf das Ziel hin, um die Annahme zu überprüfen. Im zweiten Fall läuft man gedanklich zurück, um die Entdeckung oder Folgerung zu rekonstruieren. Und auch diese Aussagen, die ich hier gemacht habe, sind solche, die überprüft werden müssten – als Hypothesen.

Nun hoffe ich, der Beginn des Wintersemesters war nicht allzu stressig,

viele Grüße,
Elisabeth Dägling

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