Antizipation
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Antizipation

Lieber Herr Dr. Tisdale,

Sie haben Recht, wir müssen uns wohl noch einmal mit der Fähigkeit zur Antizipation beim prädikativen wie beim funktionalen Denken beschäftigen – denn in diesem Unterschied liegt, so meine ich, der Zweck, der eigentliche „Grund“ (wenn man es denn so nennen will) für das (von mir unterstellte) Vorhandensein und die Notwendigkeit zweier geistiger Geschlechter – ich nenne es jetzt einfach einmal so, obwohl meine Annahme ja noch nicht untersucht wurde.
Ich gestehe aber, dass ich doch ein etwas mulmiges Gefühl habe – wie einige Male zuvor auch schon, wenn ich Themen nur „anreiße“, die eine ganz andere Art der Auseinandersetzung verlangen, jedenfalls aus wissenschaftlicher Sicht. Aber momentan schreibe ich ja einen Brief und keine wissenschaftliche Abhandlung, auch wenn es um ein wissenschaftliches Thema geht. Daher meine ich, wir sollten doch einen Blick darauf werfen. Nachdem ich Ihnen gegenüber die Hypothese aufgestellt habe, funktionales Denken sei geeigneter, langfristig sich ergebender Folgen von Aktionen innerhalb aktueller komplexer Situationen zu antizipieren und operiere daher in diesen Situationen strategischer, sollte ich wenigstens ein paar Argumente für meine These liefern.

Ich versuche einmal zu beschreiben, worin nach meiner Ansicht die Gemeinsamkeiten und worin die Unterschiede in der Antizipationsfähigkeit beim prädikativen und beim funktionalen Denken bestehen. Gemeinsam ist uns, dass wir alle, prädikativ wie funktional Denkende, bei unserem Handeln und Planen auf etwas zu Erwartendes hin denken. Zur Beschreibung der prädikativen Art der Antizipation ist es am besten, ich zitiere, denn diese Art ist, wie Sie wissen, nicht die meine. Hoffmann(1993) hat sich in seinem Buch „Vorhersage und Erkenntnis“ mit der Antizipationsfähigkeit beschäftigt und beschreibt hier die prädikative Form. Er erwähnt in diesem Zusammenhang Edward Tolman, Sie erinnern sich, dass ich Sie einmal auf ihn ansprach: Tolman soll als einer der ersten Forscher darauf hingewiesen haben, dass wir nicht einfach nur auf Reize hin reagieren, sondern unsere Reaktionen, unser Verhalten auf ein Ziel hin gerichtet sind. Wie gesagt, das ist uns gemeinsam, diese Richtung auf ein Ziel hin.
Hoffmann schreibt nun (S.44): „Die Antizipation von Verhaltenskonsequenzen kann in der Regel nur dann erfolgreich sein, wenn die Ausgangsbedingungen berücksichtigt werden, auf die der jeweilige Verhaltensakt angewendet wird“. Drücke ich es einmal etwas einfacher aus, so heißt das, ich muss meine Aufmerksamkeit zunächst einmal auf eine „zentrale Variable“ (Dörner) und deren statische Details und die Relationen der gerade aktuellen Sache oder Situation richten und von dieser Ausgangslage aus die Mittel suchen, mit deren Hilfe ich ein anvisiertes (antizipiertes) Ziel erreichen will. Dass es die statischen Details sind, auf die sich die Aufmerksamkeit beim prädikativen Denken richtet, davon geht auch Hoffmann aus, wenn er weiter unten sagt, dass „wir“ von invarianten Merkmalen unterscheiden und: „.. daß die invarianten Konsequenzen des Verhaltens in Abhängigkeit von den Bedingungen (….) immer sicherer antizipiert und damit auch kontrolliert werden können.“ Wieder übersetzt heißt das, wenn ich meine Aufmerksamkeit an den statischen, den invarianten Merkmalen der Ausgangsbedingungen festmache, dann über das Handeln zu einem Ergebnis komme (dessen Zustand ich feststelle), und nun nach mehrmaliger Wiederholung – indem ich den gleichen Vorgang wiederhole, das könnte man auch üben nennen – feststelle, dass dieses Ergebnis gleich bleibt, dann kann ich daraus für alle folgenden Situationen schließen, dass auch in Zukunft ähnliches zu erwarten sein wird. Vorausgesetzt, die Bedingungen in der aktuelle Lage als Ausgangssituation bleiben gleich und ich handele in gleicher Weise wie immer.
Da ich vorhin erwähnt habe, dass ich Sie auf Tolman angesprochen habe – in diesem Zusammenhang habe ich auch nach Drescher gefragt, den ich jedoch nicht gelesen habe. Erwähnt wird Drescher von Stolzmann (2003): „Drescher (1991) published a Context/Action/Result–unit approach, he called schemata. His approach is based on the Piagetian development theory. One of his foundational problems is how to notice the result of an action“.
Piagets Entwicklungstheorie habe ich auch erwähnt – nur habe ich kein grundsätzliches Problem mit dem Erkennen eines Ergebnisses einer Handlung: Ich denke, ich habe in meiner These und bei der Beschreibung des Wirkungendenkens erklärt wie das funktioniert – ich komme gleich bei der Begründung einer Notwendigkeit, des Zweckes zweier Denkarten darauf zurück. Beim prädikativen allerdings – und die Reihenfolge, die Stolzmann nennt entspricht dem prädikativen Denken – habe ich das schon eher.
Nur muss ich an Hoffmanns Aussage noch auf etwas aufmerksam machen, was nämlich die Wiederholung eines Handelns und die daraus resultierende Erfahrung der invarianten, also der unveränderlichen Konsequenzen angeht – sehen Sie, genau das ist der springende Punkt: Zur Feststellung dieser unveränderlichen Konsequenzen ist es notwendig, zu Beginn, bevor man plant oder handelt, auf die unveränderlichen, die statischen, invarianten Merkmale der Ausgangslage zu achten, um im Vergleich die Veränderungen feststellen zu können. Aber auch, damit man die richtige Vorgehensweise wählt, die zum erwarteten Ziel führen soll. Unveränderliche Konsequenzen erhalten wir jedoch nur dann, wenn die Zeiträume, in denen wir handeln, überschaubar, relativ transparent, nicht allzu komplex sind. Der Zeitraum zwischen der Anfangssituation und dem Ergebnis des Handelns muss überschaubar sein, damit ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang hergestellt und erkannt werden kann. Außerdem ist in einem überschaubaren „Ursache-Wirkungen Raum“auch die Zahl der zusätzlichen Einflußvariablen noch überschaubar und stören den Ablauf nicht übermäßig. D.H., das System wird nicht irgendwann chaotisch.
Damit wäre die prädikative Antizipationsfähigkeit beschrieben. Prädikatives Denken ist deshalb, so meine ich, prädestiniert für den Umgang mit der Wirklichkeit im normalen Alltag, in überschaubaren raumzeitlichen Bereichen. Wie Sie einmal sagten, ganz zu Beginn in Ihrer ersten mail: „In vielen Fällen ist es sehr sinnvoll, nicht komplex und vernetzt zu denken, denn dadurch wird die Handlungsfähigkeit erhalten“.

Das ändert sich radikal, sobald wir es mit komplexen Systemen zu tun haben. In einigen meiner früheren Briefe habe ich dieses Thema ja schon angeschnitten, und hier noch einmal zur Erinnerung ein Beispiel:
Ich erinnere mich noch an die ersten Waschmaschinen, die in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf den Markt kamen. Bei diesen gab es ein Problem: den „ungebremsten“ Schaum. Die Kochwaschmittel damals waren produziert worden zum Waschen in großen Bottichen unter langsamen und wenigen Bewegungen, die manuell ausgeführt wurden. Mit dem mechanischen, rhythmischen Bewegungen der Trommel entwickelte sich eine enorme Schaumbildung, die Maschinen liefen über und man stand über kurz oder lang im Schaumwasser. Ergo brauchte man Waschmittel mit gebremstem Schaum. Und irgendwie kam man darauf, Phosphate zuzusetzen, die die Schaumentwicklung bremsten. Jetzt stelle ich mir mal vor, in einer dieser Besprechungen, in denen das Forschungsergebnis – Phosphate verhindern übermäßige Schaumbildung ohne die Waschleistung zu vermindern – hätte jemand eingewandt: „Sind Phosphate nicht auch Zusatzstoffe in Düngemitteln?“. Wie hätte die Reaktion der anderen aussehen können? „Was soll dieser Einwand?“ „Bleiben wir beim Thema“ „Wir sind hier nicht in einer Düngemittelfabrik“…..Vermutlich hätte der betreffende selbst auch nicht sagen können, warum ihm das so eingefallen ist. Und selbst wenn er erwidert hätte, er frage sich, welchen Einfluß es haben könne, wenn man einem Waschmittel, das über die Kanalisation in die Gewässer gelangt, ein Düngemittel zusetzt, hätte ihm niemand Glauben geschenkt, wenn er dann gefolgert hätte, was letztlich tatsächlich passiert ist: Die exorbitante Überdüngung unserer Gewässer mit den katastrophalen Folgen für die Umwelt – einfach, weil sich niemand vorstellen kann, dass aus dieser geringen Menge an Phosphaten eine solche Wirkung entstehen kann.
Womit beschäftigt sich eigentlich die Chaosforschung?

Dörner hat sich wohl am eingehendsten mit dieser Problematik beim komplexen Problemlösen beschäftigt – und Sie ja auch, ich habe Ihre Dissertation gelesen. Dörner kam damals als Resultat seiner Studien und Forschungen auf diesem Gebiet allerdings zu dem Schluß, dass die gravierenden Fehler, die Menschen machen, sobald sie es mit komplexen, dynamischen Systemen zu tun haben, auf die mangelnde Fähigkeit „unseres“ Gehirns zurück zu führen sei, mit solchen Systemen umzugehen. Sobald also die Zeiträume zu groß werden, so dass ein Ursache-Wirkungen-Zusammenhang nicht mehr zu erkennen ist, sobald in einem System nicht alle daran beteiligten Variablen zu erkennen sind und, das wohl vor allem, die mit dem Beginnen ausgelösten Folgen als zusätzliche Einwirkungen in ihren Einflüssen für ein zu erwartendes Ergebnis antizipiert werden müssen, ist das menschliche Gehirn überfordert. (Warum erzähle ich Ihnen das eigentlich? Sie waren doch bei der Lohhausenstudie dabei!) Und was die zusätzlichen Einwirkungen angeht, die nicht vorhersehbar waren: Vor der Erfindung der Waschmaschine war einmal im Monat, allenfalls einmal die Woche Waschtag. Nach ihrer Erfindung wurde wesentlich häufiger gewaschen – es war ja viel bequemer geworden und außerdem wollten alle plötzlich das weißeste Weiß ihres Lebens haben.

Sie hatten einmal gemeint, man könne dieses Denken auch lernen. Ich erinnere mich, im Lohhausenbericht gelesen zu haben, dass im Anschluß an dieses Projekt Sie alle dieses Experiment selber noch einmal durchgeführt und dabei besser abgeschnitten hatten, weil sie aus den Fehlern der Probanden und den Erfahrungen gelernt hatten. Ich meine, es ist nicht richtig, daraus die Folgerung zu ziehen, man könne „strategisches“ Denken, den besseren Umgang mit dynamischen Systemen lernen. Das Projekt war eine Computersimulation, die Ausgangslage war immer die gleiche, bestimmte Situationen hatten sich während des Projektes schon einmal in gleicher oder ähnlicher Weise ergeben……, ich sagte schon einmal, à posteriori ist es möglich, das andere Denken, nein, nicht das Denken selbst, aber die Überlegungen nachzuvollziehen, aus den Fehlern zu lernen und anders zu handeln – oder in einer gleichen Situation in der Wiederholung Fehler zu vermeiden, weil man gelernt hat. Gelernt wurde aber nicht, auf die andere Art zu denken!! Gelernt werden kann, in ähnlichen Situationen, bestimmte Fehler nicht zu wiederholen, indem man sich Fehler bewusst macht. Man kann zum Beispiel als prädikativ denkende Person lernen, Ziele klarer definieren. Man kann jedoch nicht lernen, wie man a priori zu Beginn der beschäftigung mit einem neuen Problem die möglicherweise unterwegs eintretenden, durch das Handeln erst ausgelöste Folgen antizipieren kann. In der Realität gibt es keine Situation, die einer anderen genau gleich ist, nicht einmal in überschaubaren Bereichen. Für diese letzteren kann man, siehe Hoffmanns Aussagen, aber Folgen antizipieren, die unmittelbar mit der Sache, in der man handelt zu tun haben. Bei der Entwicklung eines Medikamentes kann man z.B. die möglichen Nebenwirkungen und die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bedenken. Welche Folgen die Möglichkeit der Einnahme des Medikaments auf das Verhalten der Menschen hat, das lässt sich weit weniger gut antizipieren und wird auch normalerweise nicht in die Überlegungen mit einbezogen. Wer hat bei der Entwicklung der Babypille an einen derartigen Rückgang der Geburtenrate (Pillenknick) gedacht?
Solche Folgen wie diese und die Überdüngung durch Phoshatzusätze im Waschmittel zu antizipieren, kann man, wenn man es nicht á priori schon tut, ganz sicher nicht lernen.

In komplexen Situationen verändern sich einzelne Variablen sehr rasch, neue kommen hinzu – keine Situation gleicht einer anderen. Wir alle vergleichen deshalb die Ähnlichkeiten, suchen nach Gemeinsamkeiten und nach Unterschieden. Die Frage ist nur, woran man diese Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede festmacht, was man beachtet, worauf man sich konzentriert: die invarianten Merkmale und die Art ihrer Relationen oder die dynamischen Gefüge. Für ein Planen und Handeln in sehr komplexen Situationen ist das Festmachen an invarianten Merkmalen die schlechtere Strategie, denn solche Situationen und Systeme besitzen trotz ihrer invarianten Anteile eine hohe Eigendynamik. Die lässt sich gut erkennen und erfassen mit einem auf Wirkungen ausgerichtetes Denken. Prädikativ denkende Menschen handeln aber auch in solchen komplexen Situationen, Sie wissen es, wie Hoffmann (s.o.) dies beschrieben hat: Aufgrund der im kleinen überschaubaren Bereich gemachten Erfahrungen – mit dem Blick auf die invarianten Bedingungen zu Beginn – werden die invarianten Konsequenzen antizipiert, die sich zwangsläufig? ergeben werden, wenn nur in der gewohnten Weise gehandelt wird. Dörner nannte dies ein „lineares Extrapolieren“ – die Übertragung gegenwärtiger Strukturen auf solche in der Zukunft. Man erwartet einfach, aufgrund alltäglicher im Kleinen gemachten Erfahrungen, ein gleiches oder doch ähnliches Ergebnis auch dann zu erhalten, wenn es in fernerer Zukunft liegt. Mit dem Ergebnis, dass man irgendwann von den Resultaten total überrascht wird – oder, wie eine meiner Versuchspersonen es nannte (damals bei der Frage zum Kanizsadreieck): „Aber wenn dann nach drei Wochen, drei Monaten, drei Jahren der Karren gegen die Wand fährt, dann fragen sie, wie war denn so was möglich?“
Und mich überrascht immer noch, obwohl ich doch nun schon seit geraumer Zeit weiß, dass und wieso das so ist, wenn ich fest mit einer bestimmten Reaktion rechne, wenn diese nicht erfolgt: Weil die Leute einfach nicht „erkennen“ und entsprechende Schlußfolgerungen ziehen können, so dass ich Erklärungen hinterher schieben muss – und das, obwohl die Fakten auf dem Tisch liegen. Wie heißt es so schön? „Ein Meister des Schachspiels sucht nicht den besten Zug, er sieht ihn“. Aber er sieht ihn nicht, weil er Meister geworden ist, sondern er ist Meister geworden, weil er ihn sieht. Aber, funktional denken zu können heißt noch lange nicht, dies in jeder Situation zu können. Hier spielen dann auch die individuellen Fähigkeiten und Denkstile eine Rolle. Ein funktional denkender erfolgreicher Manager kann mit seiner Fähigkeit zur Antizipation in seinem Job sehr erfolgreich sein, im sozialen Bereich muss das dagegen nicht unbedingt ebenso sein.

Wenn Sie sich erinnern, ich hatte einmal gesagt, die geistige Geschlechtlichkeit habe m.E. den Zweck das Überleben der menschlichen Gesellschaft durch Kooperation beim Problemlösen zu sichern. Es wäre, wie ich meine, deshalb notwendig, zu wissen, einmal dass es zwei verschiedene Gehirne gibt (oder zu geben scheint, noch ist es ja nicht bestätigt). Zum anderen wäre wichtig zu wissen, worin sie sich in aktuellen Situationen unterscheiden. Ich mache es einmal an einem Beispiel deutlich, wobei ich nicht auf die Aussagen selbst eingehen will, sie sind nicht Thema:
Vor einigen Jahren sorgte die Ärztin und frühere Sportlerin und Olympiateilnehmerin Heidi Schüller u.a. mit ihrem Buch „Wir Zukunftsdiebe“ für Wirbel: „Unser angeblich so erfolgreiches Gesundheitswesen wie unsere angeblich so sichere Altersversorgung sind nicht länger finanzierbar.“… „Diese ungleiche Ressourcenverteilung ist nur eines von vielen Symptomen. Sie macht deutlich, wie unser Sozialstaat gemeinhin funktioniert: zielungenau und mit fatalen Präferenzen.“…. „Solange ein Schulbuchtext zwei Jahre lang in der Fachbegutachtung der verschnarchten Pädagogengremien liegenbleibt, bevor er dann – vielleicht – nach endlosen Debatten ins Lehrbuch gehievt wird, könnt Ihr die offizielle Bildungspolitik vergessen“. Schüller spricht hier zwei Defizite des prädikativen Denkens an, die auch Dörner mehrfach erwähnt: seine Langsamkeit und den Mangel an klar definierten Zielen (da klingt es fast wie Hohn, wenn ein Schuldirektor in mehreren Artikeln, erschienen in zwei Zeitschriften, herausgegeben von ADS-Verbänden, schreibt, der Grund für das Versagen von ADS-Kindern in der Schule sei ihre mangelnde Fähigkeit, auf ein Ziel hin zu arbeiten. Ich meine, man sollte den Begriff Ziel genauer definieren; so nach dem Motto, was sind prädikative Ziele – Erreichen eines angestrebten Zustandes, was sind funktionale Ziele – Erreichen eines angestrebten Zieles als einer Bedingung zum weiteren Handeln).
Ein Denken, das zunächst möglichst viele Details über eine gegebene Sache zusammentragen muss, braucht einfach Zeit – man muss die aktuellen Um- und Zustände feststellen, Fakten zusammentragen, sich über aktuelle Details einigen usw. Nur, da wir in offenen Systemen leben, die von hoher Dynamik geprägt sind, vergeht mit dem Feststellen der gegenwärtigen Bedingungen zu viel Zeit, bevor Beschlüsse gefasst und in die Tat umgesetzt werden können. In der Zwischenzeit sind sie längst von der Entwicklung überholt worden. Was mir zunächst einmal auffällt ist, dass zwei Sachverhalte, die zusammenhängen nicht miteinander in Verbindung gebracht, sondern isoliert (auseinander hängend) betrachtet werden. Der eine Sachverhalt ist die unbezweifelte Annahme, die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeitsfokussierung normgesteuerter (prädikativ denkender) Personen sei richtig – mit der Konsequenz, dass ADS-Kinder richtiges Wahrnehmen inklusive der „richtigen“ Aufmerksamkeitssteuerung lernen müssten. Der andere Sachverhalt ist das ebenfalls nicht bezweifelte Faktum, dass menschliches Denken – und hier geht man von der Mehrheit der Menschen aus – Schwierigkeiten im Umgang mit komplexen Situationen hat. Das Überraschende ist, es kommt niemand auf den Gedanken, hier ein Zusammenhang zu vermuten. Niemand geht davon aus, das eine – die Probleme im Umgang mit komplexen Situationen – könne bedingt sein durch das andere – die Art der vermeintlich richtigen Wahrnehmung und der Aufmerksamkeitssteuerung. Beides sind aber Seiten der selben Medaille.
Nun sagte ich ja schon, dass für beide Arten des Denkens zutrifft, auf ein zu erwartendes Ziel hin zu denken und zu planen. Worin liegt nun der Unterschied? Wenn man Schüllers Aussagen nimmt, so dürfte wohl jedem klar sein, dass alle, prädikativ wie funktional denkende Menschen erkennen und antizipieren können, wohin sich eine Situation entwickeln kann oder auch möglicher Weise entwickeln wird – wenn man nichts tut. Der Unterschied liegt nicht unbedingt in einer möglichen Unfähigkeit, eine bedrohliche Entwicklung zu erkennen. Er liegt auch nicht in der Unfähigkeit zu erkennen, wohin diese Entwicklung führen kann. Der Unterschied liegt – und persönliche Befindlichkeiten nehme ich hier mal aus – vor allem in der Planung der Verhaltensakte. Diese Planung hängt ab von der Art des Denkens. Hoffmann beschreibt, wie prädikatives Erkennen und Antizipieren funktioniert und wie daraus auf ein Handeln abgehoben wird. Man braucht zunächst zwei Antizipationen, die der Ausgangsituation und die des Zielzustandes. Beide zusammen (S.46) „ergeben.. ein (mentales) Bild von den zu erwartenden Veränderungen (…) Sie erlauben zugleich eine sichere Kontrolle über den Einsatz und den Erfolg der Verhaltensausführung.“ Diese Abhängigkeit der Planung vom jeweiligen Denken betrifft zunächst die Sicht auf das Problem: plane ich von der augenblicklichen Lage aus oder plane ich vom antizipierten Ziel, mit dessen Erreichen ich dann etwas anfangen will, aus? Von dieser Sicht wiederum hängt ab, welche Mittel gewählt und wie das Handeln geplant wird.
Die prädikative Sichtweise hat Hoffmann beschrieben; man beachtet die Ausgangslage um sie mit einer antizipierten Ausgangslage vergleichen zu können: „Wenn die und die Bedingungen zutreffen, dann…“. Diese Betrachtung des Ausgangszustandes erfordert es, dass die Aufmerksamkeit sich auf die invarianten Details der gegebenen Lage richtet. Man beginnt, was Dörner in der Logik beschreibt (S. 290):„…das Handeln zu planen und Informationen zu sammeln“. Dieses Sammeln von Informationen heißt sammeln von Informationen über die Ausgangslage, wie Hoffmann es, s.o., beschrieben hat. Gleiches haben die prädikativ denkenden Personen in meinem Kugelschreiber-Bleistift-Versuch gemacht – sie haben Informationen über die Gegenstände zusammengetragen. Auch von ihnen haben einige versucht, ein Ziel, einen Zweck zu antizipieren. Aber man plant, wenn man prädikativ denkt, von den Ausgangsbedingungen aus. Oder wie es eine funktional denkende Frau aus unserer inzwischen aufgelösten Arbeitsgemeinschaft einmal sagte: „Wenn in einer Gruppe Erwachsener etwas geplant wird, bin ich meist die Erste, die gleich feststellt, so kann es nicht funktionieren, während die anderen erst diskutieren und überlegen, wie, wo, was und wann.“ Beim funktionalen Denken wird dagegen, nein nicht vom Ziel allein, sondern den möglichen Wirkungen, die mit dem zu erreichenden Ziel verbunden sind, geplant. Nun sollte man das nicht verwechseln mit einer Rückwärtsplanung, wie Dörner sie in „Problemlösen als Informationsverarbeitung beschrieb. Die Aussage, funktionales Denken plant vom Ziel her ist, deshalb nicht korrekt. Vom Ziel her kann auch prädikativ geplant werden, z.B. bei Interpolationsproblemen, solchen, bei denen Start und Ziel bekannt ist – die Anreise zum Urlaubsort beispielsweise.
Antizipiert beim funktionalen Denken werden die Wirkungen zwischen Ausgangs- und Endlage: durch welche wird die Zielerreichung verhindert, durch welche behindert und welche führen zum erwarteten Ziel. Oder: Wenn ich das Ziel erreicht habe, was wird dann der Fall sein und worauf muss ich deshalb die Planung bereits jetzt schon einstellen.
Von diesen antizipierten Wirkungen hängt die Planung des Handelns und die Wahl der Mittel ab, wobei vor allem das Ziel angepeilt wird, das erreicht werden soll. Es werden daher auch nur solchen Bedingungen der Ausgangslage Beachtung gewidmet, deren Eigenschaften mit diesen Antizipationen im Zusammenhang stehen.
Ein sehr schönes Beispiel aus anderer Quelle beschreibt diese Art des Denkens und Antizipierens wunderbar – mit einem kleinen Schönheitsfehler: Die Wissenschaftler André Didierjean, Vincent Ferrari und Évelyne Marmèche, die diese Beobachtung in der Gehirn und Geist Nr. 6 /2003 veröffentlicht haben, wissen nicht, dass sie funktionales Denken beschrieben haben. In dem Artikel geht es um die Fähigkeiten von Schachprofis. Sie beschreiben, dass Schachprofis offenbar in ihrem Gehirn so genannte Templates gespeichert haben (ich nenne es Wirkungengefüge, und interessanter Weise heißt es in dem Artikel an einer Stelle, es handele sich bei den Templates um dynamische Anordnungen, nett, oder?):
„Templates bestehen offenbar aus einem Dutzend Figuren (tun sie nicht, aber lassen wir das mal, woher sollen die Leute das wissen). Diese logischen Einheiten im Denken von Schachexperten beschränken sich aber nicht nur auf einen Ausschnitt aus der aktuellen Spielsituation sondern umfassen gleichzeitig die `Geschichte` und die `Zukunft` einer
Stellung. Ein guter Spieler berücksichtigt bei der Betrachtung eines Templates also automatisch, aus welcher Anfangsphase oder Eröffnung die jetzige Stellung hervorgegangen ist und welche Züge in der Situation möglich oder wahrscheinlich sind. Überdies enthalten diese Strukturen im Unterschied zu den starren Chunks wohl auch Variablen. Ein Beispiel: Bei einer gegebenen Eröffnung kann ein bestimmtes Feld mit einem Turm oder Läufer besetzt werden. Nach der Theorie stellt das Template dann einen Denkrahmen dar, an dem sich der Schachmeister mit der weiteren Gestaltung orientiert. Er weiß, dass sich das Spiel, je nachdem ob er den Turm oder den Läufer dorthin setzt, in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Dies legt den Schluss nahe, dass Templates nicht nur eine blitzschnelle Analyse der aktuellen Situation erlauben (sag ich doch!), sondern noch eine weitere Funktion erfüllen: der Partie eine Richtung zu geben und die optimalen Züge zu erkennen. – Solche antizipatorischen Komponenten in der Wahrnehmung von Schachmeistern konnte unsere Arbeitsgruppe nachweisen.“
In dem Artikel gibt es dann auch noch zwei Abbildungen, die zeigen, worauf die Augen eines Profis im Gegensatz zum Anfänger gerichtet sind, mit der Bemerkung, dass Profis das Ensemble als Ganzes sehen und ihre Augen sich auf das Zentrum richten, nicht auf die einzelnen Figuren.

Und nun fasse ich das nochmal zusammen:
Prädikatives Denken plant das Handeln vom gegebenen Ausgangszustand aus, indem es bei diesem die invarianten Merkmale beachtet, die Relationen zwischen den Ausgangszustand determinierenden Objekte betrachtet und möglichst viele dieser Daten feststellt. Von der Güte dieser Daten hängt die Wahl der Mittel ab, da diese Daten mit denen eines vergleichbaren antizipierten Ausgangszustandes verglichen werden.
Funktionales Denken plant das Handeln von den antizipierten Wirkungen her, indem es die Ausgangslage in ihrem (dynamischen- gibt es auch einen statischen?) Prozess betrachtet, diese Ausgangslage mit im Gedächtnis gespeicherten Schemata vergleicht und von diesen antizipierten Wirkungen her das Handeln plant. Darin liegt der Unterschied und ihn haben auch andere beschrieben, der Philosoph Hans Jonas (1984) zum Beispiel:
„… und im Übrigen (…) immer noch ‚unterwegs‘ Zeit ist, wenn ‚wir‘ (…) sehen, was ist. (…).. zu dieser allgemeinen Erwägung kommt aber (…), daß es mit dem ‚Unterwegs‘, das ja immer noch da ist und dem man die Berichtigung glaubt überlassen zu können, eine eigene Sache ist. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die vom technologischen Tun jeweils mit Nahzielen in Gang gesetzten Entwicklungen die Tendenz haben, sich selbständig zu machen, das heißt, ihre eigene zwangsläufige Dynamik zu erwerben,(…..) kraft dessen sie nicht nur (…) irreversibel, sondern auch vorantreibend sind und das Wollen und Planen der Handelnden überflügeln. Das einmal Begonnene nimmt uns das Gesetz des Handelns aus der Hand, und die vollendeten Tatsachen, die das Beginnen schuf, werden kumulativ zum Gesetz seiner Fortsetzung (…) daß, während der erste Schritt uns freisteht, wir beim zweiten und allen nachfolgenden Knechte sind.“
Ähnlich äußert sich seit Jahren auch Frederic Vester, der für seine Forderung nach einer Förderung des vernetzten Denkens von Dörner kritisiert wurde. Vester sagt (2000): „Denn wo immer wir auch eingreifen, pflanzt sich die Wirkung fort, verliert sich, taucht irgendwo anders wieder auf und wirkt auf Umwegen zurück: Die Eigendynamik des Systems hat das Geschehen in die Hand genommen. Eine Korrektur am Ausgangspunkt ist nicht mehr möglich. Um zu erfassen, was unsere Eingriffe in einem komplexen System bewirken, kommen wir nicht umhin, das Muster seiner vernetzten Dynamik verstehen zu lernen.“
Mit dem Verstehen des Musters der vernetzten Dynamik ist nichts anderes gemeint, als das Wahrnehmen und Erkennen von Wirkungen und Wirkungsweisen. Nur begeht Vester den „Fehler“ zu meinen, es sei möglich, dieses Denken ganz allgemein zu fördern. Und das sehe ich nicht!

Um auf meine Aussage zurück zu kommen, wir, die menschliche Gesellschaft brauche beide Arten des Denkens: Wenn beide Arten des Denkens darauf angelegt sind, sich gegenseitig zu ergänzen, dann ist notwendig, die mit diesem anderen Sein verbundenen Fähigkeiten zu fördern. Denn jede Fähigkeit muss gefördert werden, damit sie sich entwickeln kann und nicht verkümmert. Mit dieser Förderung sieht es jedoch nicht gut aus – weder, was das prädikative und schon gar nicht, was das funktionale Denken betrifft. So lange man, wie es derzeit der Fall ist, beides in einem Topf wirft, konträre Arten des Denkens dem selben Schulsystem unterwirft und allen das Gleiche überstülpt, so lange werden weder die einen noch die anderen adäquat und ihren Fähigkeiten gemäß gefördert – und das liegt nicht an den Lehrern! Es liegt am System. Mir ist zu Beginn der Studie von einer Rektorin gesagt worden, mit dem neuen Lehrplan der bayrischen Schulen sei aber doch für die entsprechende Förderung gesorgt. Die Lehrer hätten nun die Möglichkeit, den Kindern verschiedene Strategien zu vermitteln. Das trifft sogar zu: Vor ein paar Tagen sprach ich mit einer Mutter, deren (ADS)-Kind plötzlich mit einer fünf in Mathe heimkam – bisher hatte es in diesem Fach gute Noten gehabt. Des Rätsels Lösung war: die Lehrerin, es war eine andere als im Schuljahr zuvor, hatte den Kindern drei verschiedene Möglichkeiten zur Lösung von Rechenaufgaben vermittelt – und sie hatte alle drei auf prädikative Weise vermittelt. Mit einer wäre das Kind noch zurecht gekommen, hätte vermutlich, wie bisher auch, einen eigenen Weg gefunden. Nun waren ihm alle verbaut worden: „Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte – Stanislas Jerzey Lec“. Die Strategien, die vermittelt werden, sind nicht auf die Denkarten, sie sind auf die unterschiedlichen Präferenzen für verschiedene Denkstile zugeschnitten. Die Wissensvermittlung bleibt in ihrer prädikativen Art jedoch die gleiche wie bisher.

Wenn ich in Gesprächen bemerke, dass eine unterschiedliche Unterrichtung von prädikativen Kindern einerseits und funktionalen Kindern andererseits notwendig sei, bekomme ich sehr häufig zur Antwort, man könne nicht auf die individuellen Unterschiede aller Kinder eingehen, um jedem gerecht zu werden – die Kinder müssten lernen, sich zu integrieren. Das sind Antworten, aus denen ersichtlich wird, dass die Leute nicht verstanden haben, dass sie wieder auf der Schiene der Denkstile und Fähigkeiten gelandet sind. Hier geht es doch nicht um die Integration des einzelnen Kindes, um seine ganz individuelle Förderung – die ist auch mit einer getrennten Unterrichtung nicht möglich: eine der Schwierigkeiten, die eigentliche Ursache der vermeintlichen Aufmerksamkeitsdefizitstörung zu finden ist die Bandbreite des Verhaltens dieser Menschen, die Heterogenität des Erscheinungsbildes. Es wird nicht möglich sein, alle Kinder in ihrer Individualität zu fördern.

Integration muss heißen: Prädikativ denkende Kinder müssen sich trotz aller individueller Unterschiede in ein prädikativ ausgerichtetes Unterrichtssystem integrieren, ungeachtet des individuellen Denkstileprofils. Und funktional denkende Kinder müssten sich – und das wäre zu fordern – in ein funktional ausgerichtetes Schulsystem integrieren, ebenfalls ungeachtet ihrer individuellen Denkstileprofile.

Wir haben im Arbeitskreis nach Aufgabenstellungen gesucht, mit denen wir beiden Arten des Denkens gerecht werden können, womit das Ganze also nur eine Frage der richtigen Instruktion wäre. Wir sind alle zunächst davon ausgegangen, das dies möglich sein würde. Inzwischen sind wir zur Feststellung gelangt, dass es nicht möglich ist: Wenn die Aufgabenstellung so aussieht, dass sie den fünf bis sieben funktional denkenden Kindern in der Klasse entgegen kam, haben die anderen Kinder nichts mehr begriffen, oder hatten zumindest große Schwierigkeiten – auch die Klassenbesten. Und das ergibt Sinn: Wenn die beiden Arten des Denkens einander komplementär sind, dann sind sie auch konträr: was dem einen möglich ist – weil darin der Zweck dieses Denkens liegt – das ist dem anderen so nicht möglich. Wäre es anders, bedürfte es keiner zwei Arten des Denkens.

Sie könnten nun einwenden, dass es aber doch eine ganze Anzahl funktional denkender Kinder gibt, die durchaus im „normalen“ Unterricht zurecht kommen – und dass es auch Lehrer gibt, die mit diesen Kindern zurecht kommen. Über die Gründe kann man spekulieren – es könnte daran liegen, dass das Gehirn dieser Menschen auf Umwegen zum Ziel kommt, indem es in seiner Weise auf die nicht der eigenen Denkart zugeschnittenen Informationen zuzugreifen vermag; es könnte am ähnlichen Denkstileprofil von Lehrer und Schüler liegen; es könnte daran liegen, dass der Lehrer funktional denkt. Tatsache ist jedoch, dass zunehmend mehr dieser Kinder an unserem Schulsystem scheitern und zerbrechen, dass wir mehr und mehr Sonder- und Förderschulen brauchen – und ein großer Teil dieser Kinder sind „ADSKinder“ (ein Schulpsychologe für den Sonderschulbereich meinte einmal, es wären mehr als 50%). Entscheidend ist vor allem, dass die eigentlichen Fähigkeiten nicht ausreichend gefördert und nicht genutzt werden. Am Wichtigsten jedoch ist, dass beide Arten des Denkens zur Lösung der anstehenden Probleme unserer Gesellschaft benötigt werden, und ich meine, es wäre sträflich leichtsinnig, die eine der beiden ausmerzen zu wollen. Natürlich können wir versuchen Männer schwanger werden zu lassen und funktional denkende (ADS-)Kinder zu prädikativ denkenden umzufunktionieren – nur ist fraglich, wem wir damit Gutes tun und wem wir damit nützen? Und wie Thibault schon sagte, wenn es die offensichtliche Notwendigkeit für zwei Geschlechter gibt, weil zwei konträre, sich aber ergänzende Arten einen Überlebensvorteil bieten, denn sonst gäbe es sie nicht – dann tun wir gut daran, diesen Überlebensvorteil nicht aufs Spiel zu setzen. Das gilt für die physische wie für die geistige Geschlechtlichkeit.

Es gibt zwei Techniken zur Förderung von Kreativität, an deren Beispiel ich zum Schluß noch einmal deutlich machen möchte, weshalb meiner Meinung nach notwendig ist, einmal, zu wissen, dass es zwei Arten des Denkens gibt und zum anderen wie diese Arten des Denkens beschaffen sind: brainstorming und morphologischer Kasten. Beim brainstorming gilt die Regel, man dürfe in einer Runde alles sagen und auch „dumme“ Einfälle dürfen stehen bleiben. Diese Methode hat sich, wie ich vor kurzem gelesen habe, offenbar nicht bewährt. Es konnte nicht nachgewiesen werden, dass mit dieser Methode tatsächlich mehr und bessere Ideen produziert wurden. Die brainstorming-Methode kommt dem funktionalen Denken entgegen. Sie ist aber vermutlich falsch angelegt. Mir kommt sie vor wie der Versuch, mit prädikativen Mitteln funktionales Denken zu generieren. Ich könnte mir denken, dass die Einfälle, auf die man hofft, in solchen Runden auch von funktional denkenden Personen nicht „produziert“ werden. Diese Einfälle entstehen wohl eher während einer Besprechung oder einer Auseinandersetzung mit einem konkreten Thema. Und hier müsste dann die Regel gelten, dass auch zunächst unverständliche Einfälle gelten gelassen werden – und dass nachgefragt werden soll: Was bedeutet das, was ist damit gemeint. Ich denke, Leuten aber, die prädikativ denken, tut man mit dieser Methode keinen Gefallen. Denn die Einfälle, auf die man bei dieser Methode hofft, sollen ja möglichst weit entfernt vom Gegenstand und neuartig sein – und sie sind „dumm“, weil keine erkennbare Beziehung zwischen ihnen und dem aktuellen Gegenstand oder Thema besteht. Prädikatives Denken ist jedoch eines in Beziehungen. Zwischen einem aktuellen Gegenstand und dem „Einfall“ wird daher eine erkennbare Beziehung bestehen. Deshalb profitieren prädikativ denkende Menschen von dieser Methode nicht allzu viel.
Anders sieht es beim „morphologische Kasten“ aus. Dessen Zweck besteht darin, einen Gegenstand, eine Sache gedanklich in ihre Teile zu zerlegen, für diese Teile Oberbegriffe zu finden und nun nach anderen Gegenständen zu suchen, deren Teile ähnlich beschaffen, aber vielleicht wirkungsvoller sind. Diese Methode kommt dem prädikativen Denken viel mehr entgegen. Hier wird auf Invariantes geachtet und es werden Beziehungen hergestellt. Diese Methode könnte mit Einschränkungen auch für funktional denkende Menschen nützlich sein. Das größere Problem besteht aber wohl vor allem darin, dass uns – und jetzt gehe ich einmal von mir aus – die endlosen Diskussionen über das „Wie und Was noch“ auf die Nerven gehen. Genau das aber scheint mit dieser Methode unvermeidlich verbunden zu sein und käme dem prädikativen Denken entgegen.?
Ich denke, wenn allgemein bekannt wäre, dass es zwei unterschiedliche Arten des Denkens gibt, wenn allgemein bekannt wäre, welche Eigenschaften und welche Fähigkeiten mit der jeweiligen Denkweise verbunden sind, dann könnten wir differenzieren. Wir könnten erkennen, welche Methode für welche Art des Denkens geeignet ist und wären weniger in der Gefahr, alle mit der gleichen Methode beglücken zu wollen.

Nun stehen Trainingsprogramme inklusive der Anwendung neuer bzw, weiterentwickelter Methoden allgemein hoch im Kurs. Schon von daher meine ich, ist es wichtig zu wissen, wer von welcher Methode, von welchem Programm profitiert und wer nicht. Vielleicht habe Sie bemerkt, dass ich meine Annahme, funktionales Denken gehe vom antizipierten Ziel aus, zwar nicht revidiert aber erweitert habe. Nun lautet eine der Forderungen für den Umgang mit komplexen Systemen, man solle Ziele klar definieren. Ich bin mir nicht sicher, dass das generell möglich ist, vor allem, wenn man es mit komplexen Problemen innerhalb von sehr großen Systemen zu tun hat. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen – dafür ist hier nicht der geeignete Platz -, sehe ich eine Schwierigkeit für diese Forderung darin, dass mit dem Begriff „Ziel“ so etwas wie ein angestrebter Zustand gemeint zu sein scheint (ich sagte ja weiter oben schon, der Begriff „Ziel“ müsste genauer definiert werden). Wenn ich einmal von mir und den funktional denkenden Personen ausgehe, die ich kenne, dann sind Ziele, die wir anstreben nicht so sehr „Zustände“, sondern Ziel heißt: Prozesse in Gang zu bringen, die eine bestimmte
Richtung haben – meinetwegen auf ein Ziel hin. Nur endet der Prozess nicht mit dem Erreichen des Zieles. Die Zustände, die dabei als Stationen angepeilt und erreicht werden sollen, sind Zwischenziele und Übergänge für weitere in Gang zu setzende Prozessen. Um es auf den Punkt zu bringen: Für prädikatives Denken heißt Ziel: das Erreichen von Zuständen (sagte Dörner ja mal: einen unbefriedigenden Zustand in einen befriedigerenden überführen). Für funktionales Denken müsste es heißen: das „In-Gang-setzen“-Können weiterer Prozesse.

Die angesprochenen Trainingsprogramme, egal für welchen Zweck, und die verwendeten Methoden scheinen jedoch darauf ausgerichtet zu sein, prädikatives Denken und Verhalten zu fördern, zu optimieren. Als Beispiele seien genannt das
– THOP – Therapieprogramm bei hyperkinetischen und oppositionellem Problemverhalten
– und die
– „Entwicklung problemorientierter Trainingsformen für den Erwerb strategischer Fähigkeiten im Umgang mit komplexen Problemen unter Berücksichtigung der Wechselwirkungen von Kognition und Emotion – Abschlussbericht“.

Handlungs- bzw. prozessorientiertes Denken wird damit m. E. nicht gefördert. Komplexe Probleme zeichnen sich aber durch eine Kombination von beidem aus – Zuständen und Prozessen. Deshalb scheint mir die Förderung allein des prädikativen Denkens – und auch noch als generelle Förderung für alle – nicht ausreichend. Aber näher werde ich darauf nicht eingehen. Ich will mir ja nicht noch mehr die Finger verbrennen, weil ich mich wieder einmal vergaloppiert habe.

Aber da wir schon einmal dabei sind von den impliziten Fähigkeiten der jeweiligen Denkweise zu sprechen: Die Fähigkeit der funktionalen Art der Antizipation im Umgang mit komplexen Problemen ist, wie ich oben schon sagte, zwar der meiner Meinung nach eigentliche Zweck für die Existenz zweier geistiger Geschlechter. Es gibt jedoch vermutlich auch noch, sozusagen als Draufgabe, einen anderen. Ich bin mir relativ sicher, dass Genie, dass echte Genialität nur dem funktionalen Denken möglich ist: der Unterschied zwischen neuen und neuartigen Gedanken, der Unterschied zwischen dem „Aha!“ des prädikativen und dem „Heureka“ des funktionalen Denkens. Wir sprachen ja schon einmal davon, ob es causa oder Korrelation sei – ich meine, es ist beides: causa, das funktionale Denken und die Umstände, soll heißen, die Fähigkeiten und Eigenschaften der Persönlichkeiten ebenso wie die Lebensumstände machen das Genie aus. Aber ohne funktionales Denken ist, so meine ich, echte Genialität nicht möglich. Der Nobelpreisträger Günter Blobel sagte einmal in einem Interview: „Die meisten Menschen bauen ihre Ideen auf vorhandenem Material auf, sie nehmen eine vorhandene Idee und versuchen, sie zu erweitern. Daraus entsteht selten etwas Neues“ (Sie erinnern sich sicher an den Wirbel, der um Venters Entschlüsselung des genetischen Codes veranstaltet wurde: much ado about nothing new – es war nichts Neues, auch er hat nur eine vorhandene Idee erweitert). Blobel sagte weiter: „Es gehört Mut dazu, etwas zu erfinden. Mut und Naivität (das trifft für mich zu: Naivität!, obwohl – erfunden hab ich nix, oder?) Und viel, viel Energie, um gegen Widerstände anzuarbeiten, die fast jeder guten Idee im Wege stehen.“ Sehen Sie, ich sag`s ja! Und prädikatives Denken ist nun einmal eines, das Beziehungen herstellt und dabei von Vorhandenem ausgeht.
Auch Dörner meinte, geniales Denken sei eines in weiten assoziativen Höfen – und für ADSKinder und –Erwachsene trifft letzteres, die weiten assoziativen Höfe – ja wohl definitiv zu. Was nicht heißen soll, in jedem funktional denkenden Menschen schlummert ein verkanntes Genie, sondern ein Genie müsste ein funktional denkender Mensch (gewesen) sein. In unserer Arbeitsgemeinschaft „Hyperaktivität“ im Ortsverband hatten wir einmal über diesen möglichen Zusammenhang gesprochen. Eine der Frauen sagte damals spontan (aha!), Jesus sei auch so einer gewesen. Woraufhin von mir spontan kam: Jetzt wird man uns auch noch Blasphemie vorwerfen. Alle haben gelacht.
Wobei mir einfällt: von einem Wissenschaftler der LMU ist mir vorgeworfen worden, ich sei vor einem falschen Hintergrund (ich hatte in einem Artikel geschrieben, dass von vielen Fachleuten geniale Persönlichkeiten wie Goethe, Einstein und Mozart als von ADS betroffen genannt werden) zu dem unhaltbaren Schluß zu kommen, ADS und Genie stünden in enger Verbindung zueinander. Er hatte wohl etwas unaufmerksam gelesen, obwohl er das Gegenteil behauptete: Ich hatte nämlich geschrieben, dass ADS m.E. keine Störung sondern eine andere Art des Denkens sei – die Theorie von Frau Schwank und den Begriff des funktionalen Denkens kannte ich da noch nicht. Um dem Mann gerecht zu werden, der Text war nicht für Wissenschaftler gedacht gewesen, es war ein Versehen, dass er ihm zugeleitet worden war.
Aber bezeichnend fand ich, dass ihm nicht möglich war, sich von der ADS-Störungsschiene zu trennen – das mit dem anderen Denken ist nicht bei ihm angekommen, obwohl ich versucht habe, es mit einer Analogie zur Sprache zu erklären.
Aber ob es einen solchen Zusammenhang gibt oder ob meine Vermutung nicht zutrifft, damit soll sich die Wissenschaft beschäftigen.

Wenn aber meine Annahmen stimmen – wenn der Zweck des funktionalen (oder ADS!!) Denkens in der Fähigkeit zum Umgang mit komplexen Situationen einerseits und der Fähigkeit zum genialen Denken andererseits liegt, dann stellen Sie sich nur vor, welche langfristigen Folgen es haben wird, wenn wir versuchen, diese Menschen umzufunktionieren und der Mehrheit der prädikativ denkenden anzupassen. Das wird zwar nicht gelingen, aber an welcher Stelle wird die Kurve anfangen, exponentiell anzusteigen? Ab wann, bei welchem Prozentsatz an umfunktionierten ADS-Personen wird der Prozess irreversibel werden?
Und was mich beunruhigt: Ich bin mir nicht sicher, ob es möglich sein wird, prädikativ denkende Menschen von der Irreversibilität und den Folgen ihres Handelns für die Zukunft zu überzeugen. Selbst wenn sie zu überzeugen sind, dass dies für bestimmte Situationen zutrifft – für die, in der sie sich gerade befinden und in der sie womöglich noch entscheidungsbefugt sind – könnten sie es leugnen und nicht wahrhaben wollen.

Da ich jedoch ein unverbesserlicher Optimist bin, kann ich diesen Brief nicht so ernst beenden. Es gibt in der Krimiliteratur ein schönes Beispiel dafür, wie funktionales Denken und die damit verbundene Fähigkeit zur Antizipation funktioniert: Agatha Christie hat mit ihrer Miss Marple einen Prototyp geschaffen. Das folgende Zitat stammt aus dem Roman „Der Dienstagabend-Club“ :
„Sie können es so nennen, wenn Sie wollen, aber es ist in Wirklichkeit ganz anders. Ich weiß es. Ich bin in der Lage, es zu wissen. Aber wenn ich Inspektor Drewitt meine Gründe dafür angäbe, würde er einfach lachen. Und ich könnte es ihm nicht einmal übelnehmen. Es ist sehr schwierig, eine besondere Art von Wissen zu verstehen.“ „Zum Beispiel?“ erkundigte sich Sir Henry. Miss Marple lächelte ein wenig: „Wenn ich Ihnen nun sagte: ich weiß es, weil ein  Gemüsehändler namens Peasegood vor Jahren bei meiner Nichte Steckrüben statt Karotten ablieferte – „Es folgte ein beredtes Schweigen. „Mit anderen Worten, „ meinte Sir Henry, „Sie urteilen also einfach nach den Tatsachen eines Parallelfalls“.
Sie machte genau das, und hatte dabei auf die Wirkungen geachtet – unnötig zu sagen, dass sie im Krimi damit richtig lag. Im realen Alltag ist es nicht ganz so einfach – funktionieren tut es allerdings genau so!
Was meinen Sie, wie dachte Agatha Christie?

Und ganz zum Schluß doch noch eine Frage als „Denkanstoß“: Ich lese gerade von Hans Albert die „Kritik der reinen Hermeneutik“, eine Auseinandersetzung mit der Philosophie Heideggers und Gadamers. Einer der Nachteile, die mit meiner Entdeckung für mich verbunden sind ist, dass ich Bücher nicht mehr „nur so“, sondern mit diesem „Wissen“ im Hintergrund lese. Ich lese sie darauf hin, welches die Art des Denkens dieses Autoren sein könnte. Und ich frage mich, ob nicht viele der Auseinandersetzungen über Ansichten und Aussagen auch auf Miss-Verständnissen beruhen – aufgrund der fehlenden Kenntnis zweier so unterschiedlicher Arten des Denkens. Können Sie sich vorstellen, welche Auswirkungen meine These allein für die Philosophie hat? Wenn man unter dieser Perspektive überlegen muss, welche Thesen, welche Theorien auf welcher Art des Denkens beruhen könnten und von daher noch einmal und eventuell ganz anders interpretiert werden müssten? Und wenn meine Annahme, die Genialität betreffend zutreffen sollte – welche Konsequenzen hat das für die Wissenschaften und die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen?

In diesem Sinne herzliche Grüße und danke fürs Durchhalten,
Ihre Elisabeth Dägling

„Der Gesetzgeber hat sich vor allem auch mit den möglichen Wirkungen der von ihm zu formulieren den Normen zu befassen und mit den Auswirkungen der betreffenden Systeme von Normen auf die soziale Ordnung im Ganzen. Und zwar geht es dabei nicht nur darum, dass er nicht ohne weiteres damit rechnen kann, dass sie in dem Maße befolgt werden, wie er es wünschen würde. Es geht vielmehr darüber hinaus um mögliche Wirkungen, die sich auf Grund der Gesetzmäßigkeiten des sozialen Zusammenspiels menschlicher Handlungen ergeben.
Hans Albert(1994), Die Kritik der reinen Hermeneutik, Mohr, Tübingen

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