Was ist eine Ursache?
 /  Was ist eine Ursache?

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von einer Ursache sprechen? Schaut man im Duden nach, dann erfährt man, daß Ursache etwas ist – ein Sachverhalt, ein Vorgang, ein Geschehen  -, was eine Erscheinung, eine Handlung oder einen Zustand bewirkt, veranlasst; sie ist ein eigentlicher Anlass oder Grund. Dies ist eine Beschreibung, aber keine Erklärung für ein Ereignis, das wir als Ursache bezeichnen.

Im Alltag fragen wir nach Ursachen, wenn wir mit einem Ereignis konfrontiert werden, von dem wir wissen wollen, wie es dazu gekommen ist. In solchen Fällen erleben wir bewußt nur das Ereignis „Wirkung“, während die Ursache bereits in der Vergangenheit liegt und nach ihr erst einmal gesucht werden muß. Doch wonach wird dann gesucht?

 

In der Philosophie beschäftigt man sich seit Jahrhunderten mit dem Begriff der Ursache, auch, indem zwischen verschiedenen Arten von Ursachen unterschieden wurde.  Der australische Philosoph John Leslie Mackie bestimmte sie 1965 schließlich an folgendem Beispiel: Nehmen wir an, in einem Raum sei ein Feuer ausgebrochen. Nachdem es gelöscht worden ist, wurde nach der Ursache gesucht, und es wurde festgestellt,  daß der eigentliche Brandherd eine defekte Steckdose war. Würde man nun aber sagen, die defekte Steckdose sei die Ursache des Brandes gewesen, würde man der  Sache nicht gerecht. Denn die defekte Steckdose allein löst noch keinen Brand aus. Es muß unbedingt noch etwas hinzukommen, damit man von einer Ursache für den Brand sprechen kann, nämlich brennbares Material. Stellt man daher fest, daß vor der defekten Steckdose eine Gardine hing, die aufgrund des Defekts anfing zu brennen, dann ergibt beides zusammen, die Gardine und die defekte Steckdose die Ursache für den Brand.  Es sind also immer zwei Faktoren, zwei Sachverhalte, die gemeinsam, zur gleichen Zeit und am selben Ort, vorkommen müssen, damit man von einer Ursache sprechen kann.

Wesentlich ist nun, daß einer der beiden Ursachenfaktoren schon vorhanden sein muß, bevor das auslösende Ereignis, der Defekt, in der Gegenwart auftritt. Im Fall des im Beispiel genannten Hausbrandes sind dies die Gardine und die Steckdose, was heißt, dieser Teil der Ursache  kann durchaus mehrere Gegenstände enthalten.

Der Defekt, als auslösendes Element, ist der zweite Ursachenfaktor. Bei ihm handelt es sich zumeist nur um ein einzelnes Ereignis, obwohl auch hier verschiedene Ereignisse gemeinsam vorkommen und damit die Wirkung beeinflussen und verstärken können.

Eine Ursache besteht folglich immer aus diesen beiden Teilen: dem Teil, der die Faktoren enthält, die bereits gegeben sind und dem Teil, der auf diese Faktoren einwirkt und die Wirkung auslöst. Es kann aber auch Ursachen geben, bei denen der erste Faktor auf den zweiten einwirkt,  woraufhin es zu einer Wirkung kommt. Ein Beispiel für den ersten Fall ist Mackies Hausbrand, aber auch ein Blitz, der in ein Haus einschlägt. Ein Beispiel für den zweiten Fall ist eine Aussage, die als kränkend oder beleidigend empfunden wird. Wird sie ignoriert, kommt es zu keinem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.  Hat sie dagegen eine Ohrfeige zur Reaktion, dann kommt es zu einer Wirkung: dem physischen und psychischen Schmerz, den die Ohrfeige hervorgerufen hat, einer roten Wange oder einem blauen Auge, einem handfesten Streit. Die Frage, wer angefangen hat, ist die Frage nach der Ursache für die eingetretene Wirkung; aber auch eine Apfelblüte, die einen Reiz für Bienen darstellt, und die Biene, die sie deshalb aufsucht und befruchtet,  sind zusammen die Ursache für eine Wirkung, die erst in Monaten auftritt: den Apfel.

Ursache und Wirkung haben stets einen zeitlichen Zusammenhang, auch wenn er nicht immer zu erkennen ist und man erst einmal nachforschen muß. Sie haben daher eine zeitliche Abfolge, was heißt, die Ursache muss zeitlich immer vor der Wirkung kommen. Und wenn wir Ursache und Wirkung unter diesem Aspekt betrachten, sehen wir, daß er dem Zeitpfeil folgt:

Es muss ein Ereignis, einen Sachverhalt geben, der bereits gegeben sei muss, bevor es zur Ursache kommt; dieser Sachverhalt oder dieses Ereignis hat also eine Vergangenheit, es existiert bereits. In der Gegenwart, dem Augenblick der Ursache, muss ein weiteres Ereignis, ein Sachverhalt hinzukommen, das bzw. der zur  Ursache wird und damit eine Wirkung, die in der Zukunft liegt, auslöst. Diese zeitliche Folge ist unumkehrbar. So laufen die Dinge in unserer Realität ab und nicht anders. Beschreibt man das Ursache-Wirkungs-Verhältnis als eine Beziehung, gerät dieser Aspekt, das zeitliche Gefälle, aus  dem Blick – der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang erscheint statisch. Mit der Folge, daß man nun nach etwas sucht, das diesen Zusammenhang herstellt und beides – Ursache und Wirkung -, miteinander verknüpft, z. B. ein Gesetz.

 

Mackie ging es bei seiner Bestimmung der Ursache nicht um den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, sondern um die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit man von einer Ursache sprechen kann. Welche Bedingungen sind ganz allgemein notwendig und hinreichend, um eine Wirkung auch auszulösen? Mackie grenzte mit seiner Erklärung den Begriff Ursache ein, indem er von Bedingungen sprach. Er unterschied deshalb die Bedingungen, die bereits gegeben sein müssen – wie die Gardinen und die Steckdose –  von der Bedingung, die in der Gegenwart stattfindet. Diese bezeichnete er als INUS-Bedingung. INUS-Bedingung heißt: Nicht hinreichender, aber auch nicht überflüssiger Teil einer notwendigen, aber nicht hinreichenden Bedingung (englisch: Insufficient but Non-redundant part of an Unnecessary but Sufficient condition). Am Mackies Beispiel erklärt heißt das: die defekte Steckdose ist der nicht hinreichende, aber auch nicht überflüssige Teil einer (für den Brand) nicht notwendigen, aber hinreichenden Bedingung, um Ursache zu sein. Sie allein reicht also nicht aus, um den Brand zu verursachen, wenn es nicht auch brennbares Material geben würde. Sie ist aber auch nicht überflüssig, weil es ohne sie keinen Brand gegeben hätte. Dennoch  ist sie nicht notwendig, weil auch eine brennende Kerze oder eine brennende Zigarette den Brand hätten auslösen können, aber sie ist hinreichend, um ihn auszulösen, wenn die erstgenannte Bedingung erfüllt ist.

 

Diese Unterteilung der Ursache in Bedingungen, die vorhanden sei müssen und einer Bedingung, die in der Gegenwart hinzukommt, ist – auch wenn Mackie das so nicht gesehen hat – der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir Kausalität nennen, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung.

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