Ursachen, Wirkungen, Regeln
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1. Was unterscheidet uns von den anderen?

 

Alle Kinder probieren gern aus. Eine wichtige Erfahrung dabei ist, dass derselbe Vorgang, wenn man ihn wiederholt, zum selben Ergebnis führt. Wiederholt man ihn, prägt sich die Erfahrung ein. Und selbst dann, wenn man alle diese erlebten Erfahrungen längst vergessen ist, bleibt das Muster dieser Erfahrungen als  Zusammenhang von Ursache und Wirkung im Gedächtnis erhalten.

Kinder lernen durch Ausprobieren aber noch mehr: sie können z. B. feststellen, dass eine volle Kanne in der Regel mehr Flüssigkeit enthält, als die Tasse aufnehmen kann. Wenn man also nicht rechtzeitig mit dem Gießen aufhört,  läuft die Flüssigkeit über die Tasse hinaus. Kinder lernen auch, dass ein solcher Vorgang insofern unumkehrbar ist, als die Flüssigkeit nicht wieder in die Kanne zurückfließen kann.

Eins meiner Kinder versuchte einmal, auf unserer elektrischen Zitruspresse mürbe Äpfel auszupressen, um Apfelsaft zu erhalten. Da die Schale der Äpfel nicht die Festigkeit von Zitrusfrüchten hat, zerplatzte sie, und Apfelstückchen flogen durch die Gegend und blieben an den Küchenmöbeln und dem Fußboden haften. Da mein Kind nicht nur einen, sondern mehrere Äpfel auspresste, waren es sehr viele Apfelstückchen, die dann wegen ihres Zuckergehalts fest  an den Möbeln und dem Boden kleben blieben. Die Ausbeute an Apfelsaft war dagegen unbedeutend. Das Auspressen der Äpfel auf der Zitruspresse war also die Ursache dafür, dass als Wirkung die Schale der Äpfel zerplatzte und Apfelstückchen entstanden, die durch die Gegend flogen. Der Zuckergehalt der Apfelstückchen war die Ursache für die Wirkung, nämlich dass die Apfelstückchen an den Küchenschränken klebten. Und dieses Festkleben wiederum war die Ursache für eine weitere Auswirkung, nämlich dass wir hinterher sehr viel schrubben mussten, um die Apfelstückchen zu entfernen.

Auf diese Weise lernen Kinder aus der Beobachtung der Ereignisse und aus der Erfahrung, dem Tun, dass die Wirklichkeit nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung funktioniert. Dies gilt für alle Kinder gleichermaßen, ob sie nun ADHS haben oder nicht.

An einem weiteren Beispiel lässt sich das verdeutlichen: nehmen wir an, wir haben zwei Kinder im Alter von etwa drei Jahren, eines mit und eines ohne ADHS.  Nehmen wir weiter an, dass beide Kinder Wachsmalkreiden und Papier bekommen mit der Aufforderung von ihrer Mama, etwas zu malen. Das nicht betroffene Kind nimmt nun z.B. einen roten Stift und malt lauter Auf- und Abstriche auf das Papier. Diese Figur nennt man „Schwingkritzel“. Malt es mit dem Stift nun Striche von rechts nach links über diesen Kritzel, erhält es ein sogenanntes „Schwingkreuz“. Nun nimmt es den grünen Stift und ein neues Blatt und wiederholt den Vorgang. Wenn nun die Mama kommt, schaut sie sich beide Bilder an und sagt: „Das hast du aber fein gemacht.“ Dieses Kind lernt aus einer solchen Situation, dass ähnliche Ursachen, nämlich die gleiche Handlung mit je einem andersfarbigen Stift zu ähnlichen Wirkungen führen: der Schwingkritzel bzw. das Schwingkreuz ergeben sich mit derselben Aktion wieder, nur eben in anderer Farbe. Obendrein  lernt das Kind, dass sein Verhalten die Mama sich freut, und es fühlt sich in seinem Tun bestätigt.

 

Schauen wir uns nun das ADHS-Kind an: Eventuell fängt es ebenfalls damit an, mit einem Stift etwas auf das Papier zu bringen. Aber schon nach wenigen Strichen nimmt es den nächsten Stift, dann noch einen anderen, malt auf dem Tisch weiter, fängt möglicherweise an, die Stifte zu untersuchen, indem es sie zerbricht, oder probiert sie an der Wand aus, läuft ins Badezimmer, lässt Wasser ins Waschbecken ein, tunkt Papier und Stifte ein und guckt, was passiert: das Papier schwimmt, die Stifte gehen unter. Das Kind  klettert auf die Toilette und holt von der Ablage über dem Waschbecken Mamas Armbanduhr und die Zahnbürste,  tunkt auch sie ins Wasser ein: Es stellt dabei fest, dass die Uhr untergeht,  wie vorher schon die Stifte, die Zahnbürste aber wie das Papier oben schwimmt (vielleicht aber auch nicht). Wenn nun die Mama hinzukommt, findet sie dieses Verhalten gar nicht fein. Aber auch das ADHS-Kind hat durch sein Tun etwas gelernt, und sehr viel mehr als das ‚normale‘ Kind: es hat nicht nur gelernt, dass ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen haben, sondern außerdem, dass Stifte auf unterschiedlichen Flächen unterschiedliche Wirkungen haben, dass manche Gegenstände im Wasser untergehen, andere dagegen nicht – und dass der Mama diese Art zu lernen nicht gefällt, weshalb das Kind sich in seinem Tun nicht bestätigt fühlt.

 

2. Wieso erkennen wir Ursache-Wirkungs-Beziehungen?

Jedes der genannten Ereignisse von Ursache und Wirkung kann in kleinere Aktionen von Ursache und Wirkung zerlegt werden. So ist die Tatsache, dass mit einem Apfel, einer Apfelsine, einer Zitrone Druck auf den Presskegel der Zitruspresse gedrückt wird, wodurch der Kegel rotiert, die Ursache dafür, dass entweder Saft aus der Frucht herausfließt, oder die Frucht auseinander gerissen wird und ihre Teile durch die Gegend fliegen. Und die Tatsache, dass der Stecker der Zitruspresse in die Steckdose gesteckt wurde, ist die Ursache dafür, dass sich der Presskegel bewegt, wenn man auf ihn Druck ausgeübt wird.

Aus der Wiederholung unseres Tuns, aus der Beobachtung von Ereignissen, die sich in ganz ähnlicher Weise wiederholen, erkennen und verstehen wir, dass sich die Dinge in der Welt von der Ursache zur Wirkung hin ereignen. Diese Erfahrung ist deshalb so wichtig, weil wir dadurch in der Lage sind, unsere Handlungen zu planen, vorausschauend handeln können und vor allem von der Erwartung ausgehen können, dass die Wirklichkeit verlässlich ist: Wir können davon ausgehen, dass auf bestimmte Ereignisse, auf ein bestimmtes Handeln auch ein bestimmte Wirkung folgt und nicht ständig etwas Unvorhersehbares der Fall ist. Doch woher kommt unsere Fähigkeit, die Wirklichkeit in dieser Folge von Ursache und Wirkung beobachten zu können?

So einfach wie es klingt, dass man ja nur beobachten müsse, ist es nicht. Etwas zu beobachten heißt nicht, es auch schon zu verstehen oder gar, dass es damit schon als Wissen im Kopf ist.  Es fehlt noch etwas sehr Wesentliches, das wir Voraussetzungen nennen wollen. Diese Voraussetzungen sind notwendig, damit wir das, was wir beobachten, erfassen können. Denn einfach nur gucken bringt gar nichts.

Auch wenn der Vergleich mit einem Computer nicht passend ist, kann er helfen, zu verstehen, was gemeint ist: Wenn ich Daten im Computer speichern will, um sie später wieder aufrufen zu können, muss ich sie vorher anlegen. Das kann ich nur, wenn ich ein System habe wie Word oder Excel oder Visio, mit dem ich Dateien  anlegen kann.

Nun haben wir im Kopf jedoch keine Programme, die uns dabei helfen, unser Wissen so anzulegen und zu strukturieren, dass es ins Gedächtnis gelangt, um dort gespeichert zu werden. Man geht deshalb von anderen Vorstellungen aus, um diese Vorgänge zu erklären. Der englische Philosoph David Hume  hatte vor zweihundert Jahren behauptet, wir lernen kausale, also Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge durch wiederholte Beobachtung. Der schweizer Entwicklungspsycholog Jean Piaget hat dieser Behauptung die Vorstellung hinzugefügt, dass wir zunächst sogenannte kognitive (erkennende) Strukturen ausbilden müssen.  Diese Strukturen, so meinte er, machen es möglich, verschiedene Sachverhalte zu erkennen. So ging er von einer ordinalen Struktur aus, die es uns möglich macht, mit Zahlen umzugehen; dank der raumzeitlichen Struktur können wir Ort und Zeit wahrnehmen und erkennen. Er  nahm außerdem an, dass wir auch eine kausale Struktur anlegen, durch wiederholte Beobachtung, und die sei die Voraussetzung dafür, Ursache-Wirkungs-Beziehungen erfassen zu können. Doch mit der Vorstellung von verschiedenen kognitiven Strukturen wird das Problem, wie Wissen über die Welt ins Gehirn kommt und in welcher Weise es bei von ADHS betroffenen Menschen anders ins Gehirn kommt als bei den normgesteuerten Menschen,  nur hinausgeschoben.

 

3. Der Beobachter im Gehirn …??

Eine Frage, mit der man sich ebenfalls schon sehr lange beschäftigt, ist, was wir eigentlich sicher wissen können. Ein Denker, der sich mit dieser Frage sehr grundlegend auseinandergesetzt hat, war der Philosoph, Naturwissenschaftler und Mathematiker René Descartes. Er forderte, man solle alles in Zweifel ziehen, und niemals eine Sache als wahr anerkennen, von der sich nicht offenkundig erkennen lässt, dass sie wahr sein muss. Als Methode, um zu einer solchen Erkenntnis zu kommen, schlug er deshalb vor, jedes Ding so lange in immer kleinere Teile zu zerlegen, wie es nötig ist, um ein Problem lösen zu können (mit der Unterteilung der Aktionen beim Zitruspresse-Versuch, um uns die Beziehung von Ursache und Wirkung zu vergegenwärtigen, sind wir dieser Methode gefolgt). Auf diese Weise kam er zu dem Schluss, dass alles, was man sicher wissen könne, nur die Tatsache sei, dass man denken könne und wenn man denken könne, dann muss es auch denjenigen geben, der denkt. Also sagte er den berühmten Satz: Ich denke, also bin ich – lateinisch: cogito, ergo sum.

Von dieser Tatsache ausgehend entwickelte er seine Theorie, nach der  Körper und Geist getrennte Entitäten (oder getrennte „Dinge“) sein müssten. Das stellte ihn vor das Problem, wie er die Tatsache, dass man die Dinge dieser Welt denken könne, mit der Tatsache, dass sie als Dinge in der Welt vorhanden und körperlich erfahrbar sind, zusammenbringen kann, da beides, Körper und Geist, doch voneinander getrennt existieren würden. Er nahm an, dass es im Gehirn einen Ort geben müsse, an dem ein Beobachter der Vermittler zwischen Körper und Geist ist.

Diese Vorstellung von einem Beobachter im Gehirn musste mit den Erkenntnissen der heutigen Hirnforschung aufgegeben werden – einen solchen Beobachter gibt es nicht. Die Frage allerdings, die sich Descartes gestellt hat, ist bis heute unbeantwortet: Wie kommt das Wissen über die Welt in unser Gehirn? Denn alles, was wir über diese Welt wissen können, erfahren wir über unsere Sinnesorgane, unsere Augen, unsere Ohren, über die Haut, die Nase …

Aber es sind nicht unsere Augen, die sehen, nicht unsere Ohren, die hören, nicht unsere Haut die fühlt. Die Erkenntnis, dass unsere Sinnesorgane nur auf Licht-, Schall- bzw. Druckwellen reagieren und diese in elektrische Signale umwandeln, verdanken wir der Hirnforschung. Die Signale werden ins Gehirn geleitet und „verarbeitet“. Doch was genau dort geschieht und wie diese Hirnaktivität mit dem zusammenhängt, was wir bewusst sehen, hören, fühlen, schmecken oder riechen, ist eines der größten Rätsel der Wissenschaften. Man spricht deshalb auch von einer „Erklärungslücke“.

Wir haben uns angewöhnt, ganz selbstverständlich davon zu sprechen, dass etwas, das im Gehirn geschieht, die „Ursache“ sei für unser Verhalten, für eine Störung oder eine geistig-psychische Krankheit. Diese Annahme ist in doppelter Hinsicht falsch: Denn das, was im Gehirn geschieht, ist nicht die Ursache für das, was wir sehen, hören oder fühlen oder wie wir uns verhalten: Die Vorgänge im Gehirn und was wir bewusst erleben sind zwei Seiten derselben Medaille, keins ist Ursache oder Wirkung des anderen.

Wenn daher beispielsweise behauptet wird, eine Neurotransmitteranomalie – also die Tatsache, dass der Botenstoff Dopamin am synaptischen Spalt zu rasch zurücktransportiert wird und deshalb an den entsprechenden Stellen nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen würde – sei eine der „Ursachen“ für ADHS, so ist diese Behauptung schlichtweg  falsch! Sie ist falsch, weil zwischen Gehirnprozessen und Bewusstsein keine Ursache-Wirkungs-Beziehung besteht: Die Vorgänge im Gehirn sind nicht die Ursache für unser Erleben und Verhalten, sondern beides, Ereignisse im Gehirn und Ereignisse, die wir erleben, bedingen einander: was auf der einen Seite passiert, geschieht im selben Moment auch auf der anderen Seite. Es sieht nur anders aus, da wir das Bewusste unmittelbar und in der ersten Person als Ich erleben, während wir das neuronale Geschehen nur mittelbar, nämlich durch bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanz-Tomografie (fMRT)  betrachten. Das, was wir darin sehen, ist auch nicht, was wir erleben, sondern wir sehen nur, welche Teile des Gehirns gerade aktiv sind, sehen es also aus der dritte-Person-Perspektive.

Weil aber beides, die Vorgänge im Gehirn und das, was wir bewusst erleben, miteinander zusammenhängen, deshalb gibt es die erwähnte„Erklärungslücke“: Denn wir kennen die Verbindung nicht, die zwischen beiden ‚Ebenen‘ liegt, der des Bewusstseins und der der neuronalen Prozesse.

Damit sind wir wieder bei dem Problem, mit dem sich schon René Descartes abgemüht hat: Wie kommen wir zu unserem Wissen über die Wirklichkeit?

 

4. Wo ist nun die Verbindung zwischen ADHS und Ursache-Wirkungs-Beziehungen?

Die Antwort darauf  können wir nur über einen „Umweg“ erhalten, und dieser Umweg klingt überraschend und vielleicht sogar etwas abwegig:

Wir benötigen dafür eine Regel!

Bevor die Erklärung folgt, wieso wir denn dafür eine Regel brauchen, müssen wir zunächst klären, was in diesem Fall mit dem Begriff „Regel“ gemeint ist. Wir kennen Verkehrsregeln und Spielregeln, Rechenregeln und Grammatikregeln. Sie alle schreiben etwas vor, nämlich entweder, wie man sich verhalten oder wie man verfahren soll, um beispielsweise eine Aufgabe zu lösen. Eine Regel ist also eine Vorschrift, und zwar eine Vorschrift für ein Verhalten oder ein Verfahren. Verkehrsregeln sind Regeln für das richtige Verhalten im Straßenverkehr; Hausordnungen enthalten Regeln für das Verhalten von Wohngemeinschaften, Spielregeln sind Anleitungen für ein Spiel und schreiben Spielzüge vor und was man beachten muss, usw.

Die Einhaltung von Regeln sorgt für ein gedeihliches Miteinander in einer Gemeinschaft.

Rechenregeln und Rechtschreibregeln schreiben vor bestimmte Verfahrensweisen vor, z. B. Punktrechnung kommt vor Strichrechnung oder wann schreibt man etwas groß oder klein, getrennt oder in einem Wort.  Die Einhaltung dieser Art von Regeln erleichtert die Vorgehensweise in Situationen, auf die sich die jeweilige Regel anwenden lässt. Der Begriff „Regel“ bedeutet außerdem, dass das vorgeschriebene Verhalten oder Verfahren wiederholt wird, und zwar immer dann, wenn die Situation dies verlangt.

Wenn ich zwei Äpfel habe (solche, die nicht der Zitruspresse zum Opfer gefallen sind), und ich noch zwei kaufe oder pflücke und sie zu den ersten beiden dazulege, dann habe ich vier Äpfel. Diesen Vorgang kann ich auch ganz einfach mit einer Rechenregel bzw. Operation darstellen. Sie besagt, dass Summand plus Summand gleich Summe sind, im Fall unserer Äpfel also: 2 Äpfel plus zwei Äpfel gleich 4 Äpfel.

Nehmen wir nun einmal an, wir kennen diese Regel nicht, sondern würden eben einfach so vorgehen, wenn wir Mengen zusammenzählen wollen oder müssen, indem wir die Elemente einzeln hinzuzählen. Bei zwei und noch mal zwei Elementen wäre das kein Problem, wir würden dann einfach zählen: ein Apfel und ein Apfel sind zwei Äpfel und einer sind drei Äpfel und einer sind vier Äpfel … usw. Haben wir es jedoch mit sehr viel größeren Mengen zu tun, dann würden wir vor lauter hinzuzählen nicht mehr durch den Tag kommen. Die Regel nimmt uns also ein großes Stück Arbeit ab. Die Addition als Operation tut dies mit der Einführung eines Operators, dem Pluszeichen: 2 +2 = 4.

 

5. Was bringt uns eine Regel, wenn wir wissen wollen, was Menschen mit ADHS von Menschen ohne ADHS unterscheidet?

Wenn wir nun wissen wollen, was Menschen mit ADHS und Menschen ohne ADHS unterscheidet und was die ‚Ursache‘ für das unterschiedliche Verhalten, die unterschiedliche Art die Welt zu sehen bzw. wahrzunehmen ist, kommen wir mit der Addition natürlich nicht weiter. Und leider auch mit keiner anderen uns bekannten Regel. Dafür benötigen wir eine neue Regel, die man allerdings nicht mehr als Operation bezeichnen kann, denn es gibt niemanden, der mit ihr operiert bzw. der sie anwendet. Von dieser Regel fordern wir, dass sie uns eine Erklärung für die eben gestellte Frage liefert. Wir fordern aber auch, dass sie erklärt, wie Wissen über die Wirklichkeit in den Kopf kommt und zwar sowohl in den Kopf eines Menschen mit ADHS, als auch in den Kopf eines Menschen, der kein ADHS hat. Damit sind wir wieder bei Ursache und Wirkung angelangt, denn wir erinnern uns: diesen Zusammenhang lernt ein Kind auf die Art und Weise, in der es spielt.

Eine Regel drückt man auch mit einer „Wenn.., dann…“-Formel aus. Bei der Addition würde dies so aussehen:

„Wenn es einen Summanden gibt, und dann, wenn ein weiterer Summand dazu gezählt wird, dann ist die Konsequenz aus dieser Operation die Summe aus beiden Summanden.“

 

Mit einer solchen dreiteiligenWenn …, dann … -Regel lässt sich auch das ‚normale‘ Verhalten beschreiben. Diese Regel sieht dann so aus:

Wenn es eine Aufgabe gibt oder in einer aktuellen Situation  etwas der Fall ist, und dann, wenn etwas mit der Aufgabe oder dem, was der Fall ist, etwas gemacht oder darauf reagiert wird, dann wird dies in der Konsequenz zu einer Wirkung führen.“

 

Bei dieser Regel sind die Aufgabe bzw. das, was gerade der Fall ist und das, was getan wird, gemeinsam hinreichende Bedingungen für einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Wenn wir uns noch einmal das Verhalten des Kindes vor Augen führen, das rote und grüne Schwingkritzel gemalt hat, dann sind das Papier und die Buntstifte das, was der Fall ist, die Handhabung der Stifte durch das Kind ist, was gemacht wird, und daraus ergeben sich als Wirkung die roten und grünen Schwingkritzel.

Was ist nun aber mit dem ADHS-Kind, gibt es für sein Verhalten auch eine Regel, die das beschreibt? Ja, die gibt es und sie sieht gar nicht so viel anders aus. Dennoch ist der Unterschied gewaltig. Diese Regel sieht dann so aus:

Wenn es eine Aufgabe gibt oder in einer aktuellen Situation der Fall ist, und dann,wenn in der Konsequenz eine Wirkung erfolgen muss, dann muss etwas gemacht oder reagiert werden.“

 

Der Unterschied zwischen den beiden Regeln besteht also darin, dass im ersten Fall auf die Aufgabe oder das, was der Fall ist, eine Handlung folgt und sich aus beidem eine Wirkung ergibt, während im Fall des ADHS-Kindes die Wirkung als Zweck in der Aufgabe bzw. in dem, was der Fall ist, vorkommt, und erst dann etwas getan oder reagiert werden muss. Das Problem in diesem Fall ist nur, dass man ja nicht immer so genau wissen kann, was als Wirkung bzw. Zweck herauskommen soll oder wird, weshalb man, wenn sie in der Aufgabe nicht vorkommen, entweder raten muss oder eben nicht weiß, was man tun soll.

 

Das malende ADHS-Kind hat mit seinen vielfältigen Aktionen dasselbe gemacht wie mein Kind, als es Äpfel auf der Zitruspresse ausdrückte: beide haben mit ihrem Tun Wirkungen erzeugt. Aus diesen vielen, uns häufig unsinnig erscheinenden Aktionen erfahren sie, was passiert, wenn man etwas macht.  Nur werden mit diesem chaotischen und oft sinnlosen Handeln sehr viel mehr unterschiedliche Wirkungen erzeugt, als wenn sich ein Kind nur auf eine Sache konzentriert. ADHS-Kinder sammeln so nicht nur sehr viel mehr Erfahrungen sie erhalten vor allen eine andere Art von Erfahrungen, nämlich welche Folgen welche Art von Handeln haben kann oder wird. Deshalb können sie, wenn sie die aktuelle Situation kennen, darauf schließen, was sich als Folgen, vor allem mittel- und langfristig aus dem Handeln ergibt. Das können die normal begabten, normgesteuerten Menschen nicht: sie können zwar kurzfristig eintretende Folgen vorhersehen, nicht aber solche, die erst in einigen Monaten oder gar Jahren eintreten werden. Ein weiterer Vorteil dieses ADHS-Verhaltens besteht darin, viele Dinge gleichzeitig im Blick zu haben und daraus ebenfalls ‚ablesen‘ zu können, was passieren wird oder kann. Die Art, Sachverhalte zu erzählen, indem man von einer sache zur nächsten springt, hat darin ihren Grund: da man sie nicht gleichzeitig, sondern nur nacheinander erzählen kann, wird mit dem „Springen“ von einem zum nächsten Thema versucht, den Gesamtzusammenhang herzustellen.

ADHS „verliert“ sich nicht mit dem Alter. Wenn man als Erwachsener nicht mehr auffällt, liegt das daran. dass man das notwendige Rüstzeug bereits gesammelt hat und anwenden kann.

 

Fassen wir also zusammen:

Während Leute, die kein ADHS haben, sich auf einen einzelnen für sie wesentlichen Sachverhalt, der aktuell gerade der Fall ist , konzentrieren, dessen Einzelheiten und die Art, in der sie zueinander in Beziehung stehen beachten, und davon ausgehend handeln oder planen, um ans Ziel zu kommen, sehen Leute mit ADHS den Zusammenhang des aktuell wesentlichen Sachverhalts mit anderen, ebenfalls wesentlichen Sachverhalten und achten auf das Wirkungsgefüge, das sich aus diesen Zusammenhängen ergibt. Und sie planen und handeln mit Blick darauf, ob auch der Zweck, der mit dem Ziel verbunden ist, erreicht wird.

 

Der Grund für diese unterschiedlichen Sicht- und Verhaltensweisen sind die beiden o.g. Regeln. Sie bestimmen nicht nur die Art und Weise, in der wir uns verhalten, in der wir wahrnehmen, erkennen und verstehen., sie gelten auch für die Arbeitsweise unseres Gehirns. Es ist nicht so, dass wir uns aussuchen könnten, nach welcher Regel unser Gehirn arbeitet. Das wird genetisch bedingt sein. Dass wir uns dennoch miteinander verständigen können, liegt daran, dass die beiden Regeln nur zwei Varianten einer einzigen Regel sind. Diese Regel schreibt in beiden Varianten den Zusammenhang von Ursache und Wirkung vor, weshalb wir die Welt in dieser Art, als kausal geschlossen, wahrnehmen.

Die beiden Varianten werden wir die prädikative und als funktionale Variante nennen. Die prädikative beschreibt das ‚normale‘ Verhalten und die Arbeitsweise des Gehirns der ‚normalen‘ Menschen, die funktionale beschreibt das ADHS-Verhalten.

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