Neuartige Ideen
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Neuartige Ideen

Vor kurzem widerfuhr mir die überraschende Erfahrung, dass mir jemand meinen Ansatz erklären wollte, nachdem er einige der Texte auf dieser Website gelesen hatte. Er hatte wohl nicht verstanden, worum es geht, was erklärlich ist, weil ich auf ihr zwei neuartige Ideen präsentiere. Die eine Idee betrifft das ADHS-Phänomen, die andere die Kausalität.

Die neuartige Idee zur ADHS ist die Erklärung, dass es sich nicht um eine Störung oder Krankheit handelt, sondern um eine komplementäre Art des Seins, der Erlebens, Handelns, Wahrnehmens und Denkens – mit anderen Worten: das, was als normales Denken und Verhalten gilt, hat im ADHS-Verhalten sein komplementäres Gegenstück, und es ist ebenfalls ein normales Denken und Verhalten – keine Störung, keine Krankheit.

Die neuartige Idee zur Kausalität ist, dass Kausalität nicht nur die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung ist, sondern ein universell gültiges Regelwerk, das auch Regeln enthält, die Ursache-Wirkungs-Beziehungen vorschreiben.

 

Worum es sich in beiden Fällen handelt, steht in den Texten auf dieser Seite. In diesem Beitrag geht es um die Frage:  Was ist an diesen Ideen so schwer zu verstehen – oder anders gefragt: Woran liegt es, dass neuartige Ideen erst einmal so unverständlich sind? Ich vermute, es liegt an den Mechanismen, über die wir unser Wissen erwerben.

Der Psychologe Jean Piaget, der sich mit der Entwicklung der kindlichen Intelligenz beschäftigt hatte, entwickelte dazu die Theorie des genetischen Lernens.  Dabei geht es um den Aufbau des Wissens, das ein Kind erwirbt und darum, wie dieses Wissen intern, also „im Kopf“ angelegt ist. Grundbausteine unseres Wissens sind sogenannte Schemata, sie sind organisierte Wissens- aber auch Verhaltensmuster. Ein kognitives Schema kann man sich denken als eine Art Schablone für Gegenstände oder Sachverhalte. Ein Verhaltensschema ist dementsprechend eine Schablone, die man z. B. auf Handlungen anwenden kann, ohne jedes Mal nachdenken zu müssen, wie man etwas machen soll.  Es wäre unendlich mühsam und ineffizient, würden wir dieselben Handgriffe täglich neu lernen müssen, würden wir jeden Gegenstand in unserer Umwelt, mit dem wir es zu tun haben, täglich aufs Neue kennenlernen müssen. Erwirbt ein Kind beispielsweise das Schema „mit der Hand greifen“, wenn es zum ersten Mal einen Gegenstand ergreift und festhält, so wird es beim nächsten Mal bei einem anderen Gegenstand das Greifschema wieder anwenden. Sieht dieser Gegenstand ähnlich aus, ist er vielleicht nur weicher oder fester, wird diese Erfahrung in das Schema integriert. Der Gegenstand wird an das existierende Schema angepasst. Piaget nannte  diese Art der Anpassung Assimilation: die Eingliederung einer neuen Erfahrung in ein bestehendes Schema.

Kommt das Kind nun mit Wasser in Berührung und versucht, dieses zu greifen, stellt es fest, dass das nicht geht. Das Greifschema  passt also nicht mehr, und das Wasser lässt sich nicht an das Schema assimilieren. In diesem Fall muss das Schema dem Gegenstand, dem Wasser, angepasst werden, das Kind lernt, dass man Wasser schöpfen muss.  Diesen Vorgang nannte Piaget Akkomodation – das Schema wird an die neue Erfahrung angepasst und dadurch erweitert.

Die Psychologen Philip Zimbardo und Richard Gerrig schrieben dazu: „Piaget betrachtete die kognitive Entwicklung als Ereignis des ständigen Wechselspiels von Assimilation und Akkommodation. Die Assimilation bewahrt und erweitert das Bestehende und verbindet so die Gegenwart mit der Vergangenheit, und die Akkommodation entsteht aus Problemen, die die Umwelt stellt, also aus Informationen, die nicht zu dem passen, was man weiß und denkt.“

Was man nicht weiß und denkt, versucht man nun erst einmal ebenfalls an ein Schema anzupassen. Häufig sind Menschen dann überzeugt, verstanden zu haben, worum es geht und geben wider, was sie meinen, verstanden zu haben. Gelingt das nicht, versucht man, ein existierendes Schema an dieses Neue anzupassen. Auch nach diesem Aha meint man, jetzt aber nun doch verstanden zu haben und ist enttäuscht , irritiert oder verärgert, wenn auch das nicht zutrifft. Bei etwas Neuartigem gelingt dies also nicht. Dafür benötigt man ein neues Schema, und da kein Schema für sich steht, sondern sie miteinander verknüpft sind, so daß sie zusammenpassen und einem einheitlichen Gesamtbild entsprechen, dauert es einige Zeit, bis sich ein neues Schema gebildet und etabliert hat. Erst dann ist auch die neuartige Idee nicht mehr neuartig, sondern Teil unseres Welterlebens.

 

 

Quellen:

Piaget, Jean(1950/1975).Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde. Gesammelte Werke 2. Stuttgart: Klett

Zimbardo, Philip G. & Gerrig, Richard J. (1999). Psychologie. Berlin, Heidelberg: Springer. [S. 463]

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